Deutsch

Taizé in Cluny

Worte von Frère Alois

Im Rahmen der 1100-Jahrfeiern der Gründung Clunys, fand am 2. Mai 2010 im Querschiff der ehemaligen Abteikirche ein Abendgebet zusammen mit Brüdern der Communauté statt. Frère Alois sprach bei dieser Gelegenheit folgende Worte:
JPEG - 19.6 kB

Wir Brüder der Communauté freuen uns über die Gelegenheit anlässlich der 1100-Jahrfeier, hier in Cluny mit den Menschen aus der ganzen Umgebung, mit denen wir uns verbunden fühlen, zum Gebet zusammenzukommen. Wir leben in derselben Gegend und so ist es gut, einander von Zeit zu Zeit zu besuchen. Es beeindruckt uns auch, heute an diesem geschichtsträchtigen Ort, der ehemaligen Abteikirche von Cluny, zu beten.

Vor 70 Jahre kam Frère Roger am Morgen des 20. August 1940 mit dem Fahrrad in Cluny an. Er war damals 25 Jahre alt und aus Genf aufgebrochen, um einen Ort zu suchen, an dem er sich niederlassen konnte. Er hatte unterwegs bereits mehrere Orte besucht und die letzte Nacht im nahe gelegenen Dorf La Roche-Vineuse verbrachte. In Cluny, das ihm aus der Geschichte ein Begriff war, dachte er, auf die Ruinen eines ehemaligen Klosters zu stoßen.

Er war überrascht, in eine kleine Stadt zu kommen, in der es sogar einen Notar gab, M. Bourgeon, den der eine oder andere von Ihnen vielleicht noch gekannt hat. Dieser wies ihn auf ein Haus im zehn Kilometer entfernt gelegenen Dorf Taizé hin, das zum Verkauf stand. Frère Roger stieg sogleich wieder auf sein Fahrrad und fuhr dorthin. Damit begann die Geschichte unserer Communauté.

70 Jahre in Taizé: das ist nichts im Vergleich zu den 1100 Jahren Clunys!

Frère Roger sagte daher: „Die Communauté de Taizé ist eine kleiner Spross auf dem großen Baum des Mönchtums, ohne das unser Leben undenkbar wäre.“

Frère Roger war sich bewusst, dass ihn nicht der Zufall nach Cluny und auf den Hügel von Taizé geführt hatte. Ich möchte Ihnen vorlesen, was er diesbezüglich einmal schrieb:

„Unser Dorf liegt sicher nicht umsonst zwischen Cluny und Citeaux.

In der einen Richtung Citeaux, das Bernhard von Clairvaux, ein bemerkenswerter Christ, zu neuem Leben erweckte. In ihm war bereits das brennende Streben der Reformation zu spüren, die im 16. Jahrhundert ausbrach. Kompromisslos stellte er sich dem absoluten Anspruch des Evangeliums und hatte einen Blick für das unmittelbar Notwendige.

In der anderen Richtung liegt Cluny, Ausdruck der großen benediktinische Tradition, die in ihrem Einflussbereich ein menschliches Antlitz verlieh. Von Cluny geht ein Gespür für das rechte Maß aus, für in der Einheit entstandene, sichtbare Gemeinschaft.“

Weiter schreibt Frère Roger: „Einer der Äbte von Cluny, Petrus Venerabilis, war ebenfalls eine herausragende christliche Persönlichkeit; er hatte ein Herz für alles Menschliche und war durchdrungen von der Sorge um den Nächsten und um die Einheit. Dem Geist seiner Zeit weit voraus, gewährte er Petrus Abaelardus in Cluny Zuflucht, der aufgrund seiner Ansichten Verfolgungen ausgesetzt war.“

Frère Roger zitiert im Weiteren die feurigen Worte Petrus‘ Venerabilis, die wir vorhin gehört haben: „Jesus wird immer bei mir sein. Jesus wird mein Leben, meine Speise, meine Erholung, meine Freude sein. Jesus wird alles für mich sein.“

Unsere Communauté hat ihre Wurzeln in cluniazensischem Boden und lebt aus der Erfahrung der Mönche von Cluny. Aber ich möchte dazusagen, dass sie Cluny nie imitieren, sondern ihren eigenen Weg gehen wollte.

Als in den 60-er Jahren der damalige Präfekt des Departements, zusammen mit dem Diözesanbischof von Autun, der Communauté den Vorschlag machte, in die Gebäude der Abtei von Cluny umzuziehen und sich hier niederzulassen, lehnte Frère Roger ab. Das geistliche Erbe Clunys wäre für unsere kleine Gemeinschaft zu schwer gewesen.

Taizé musste seinen eigenen Weg finden. Unsere Gemeinschaft wurde ebenso vom Geist der Freude und der Einfachheit eines Franz von Assisi geprägt. Darüber hinaus hatte die geistliche Tiefe des Ignatius von Loyola einen großen Einfluss; mit den Schwestern von St. André waren auch die ignatianischen Exerzitien auf den Hügel gekommen.

Was haben wir Brüder in Taizé also von Cluny gelernt? Ich möchte drei Punkte nennen:

Zunächst, wie wichtig die Schönheit des gemeinsamen Gebets ist. Die Schönheit der Liturgie, des Kirchenraums und des Gesangs öffnet das Herz für eine persönliche Beziehung mit Gott. Es geht uns in dem was wie tun vor allem darum, jüngere und weniger junge Menschen diese persönliche Beziehung zu Gott entdecken zu lassen.

Als zweites möchte ich die Bedeutung des Festes der Verklärung Christi hervorheben. Die Christen des Ostens feierten dieses Fest bereits, als es im 12. Jahrhundert in den Westen gelangte. Petrus Venerabilis führte es als Abt von Cluny auch hier ein. Worin liegt die Bedeutung dieses Fest?

Im Evangelium wird die Verklärung Jesu auf einem Berg beschrieben, wie er Gott im Gebet sehr nahe war. Die Jünger hörten, wie eine Stimme sprach: „Dies ist mein geliebter Sohn.“ Da geht ihnen das Geheimnis Jesu auf: sein Leben besteht in dieser Beziehung der Liebe zu Gott, seinem Vater.

Wenn wir im Gebet auf das Licht schauen, das Christus in seiner Verklärung umgibt, erstrahlt es allmählich auch in uns, und das Geheimnis Christi wird zum Geheimnis unseres eigenen Lebens. Auch jeder von uns ist ein von Gott geliebtes Kind. Wie können uns Gott überlassen, so wie Jesus es getan hatte. Im Gegenzug verklärt Gott auch uns, an Körper, Seele und Geist.

Dabei werden sogar unsere Schwächen und Fehler zu einer Tür, durch welche Gott in unser Leben eintritt. Die Dornen, die sich uns in den Weg legen, verbrennen in einem Feuer, das unseren Weg erhellt. Unsere inneren Widersprüche, unsere Ängste verschwinden zwar nicht, aber durch den Heilige Geist durchdringt Christus die Sorgen über uns selbst, so dass das Dunkel erleuchtet wird.

Drittens: die Mönche von Cluny überwanden die Grenzen in Europa, überall entstanden Klöster. Abt Mayeul zum Beispiel zog von einem Kloster zum Nächsten, von einem Land ins andere und empfing in Cluny Menschen aus aller Herren Länder. Unter ihm wurde es zu einem Treffpunkt für viele.

Cluny zeigt uns, dass Europa auch durch ein inneres Leben Gestalt gewinnt, durch ein Leben des Glaubens. Wir Brüder wurden dazu geführt, ohne dass wir dies jemals geplant hätten, jeden Tag aufs Neue offen zu sein für Menschen aus den verschiedensten Ländern. Wir suchen zusammen mit jungen Menschen aller Kontinente nach den inneren Quellen, aus denen wir in einer Menschheitsfamilie zusammenleben können, trotz unserer kulturellen Unterschiede.

Die Mönche von Cluny sind noch heute Zeugen dafür, dass in der Geschichte manchmal wenige Menschen ausreichen, um Frieden zu stiften. Nicht spektakuläre Aktionen verändern die Welt, sondern Ausdauer im täglichen Gebet, im Friede des Herzen und menschlicher Güte.

Letzte Aktualisierung: 6. Mai 2010