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Mit einfachen Mitteln

Eine junge Mutter schreibt über ihr Mitleben unter benachteiligten Menschen

Ich möchte ein wenig von unserem Alltagabenteuer in der Kirche erzählen: Seit Herbst bin ich drei Mal halbtags im Mutter-Kind-Heim der Caritas, ein Heim für obdachlos gewordene Mütter und deren Kinder. Die Leiterin dieses Heimes ist zugleich einer der Grundpfeiler der Gottesdienste am Sonntag im Caritas-Heim für schwer behinderte Kinder. Mit dem Pfarrer und Seelsorger der Caritas und hauptamtlichen Mitarbeitern betreut sie die Mütter und Kinder direkt aus dem Herzen des Evangeliums heraus. Für mich ist das, wie neu zur Schule gehen zu können und das ABC des Lebens grundlegend neu lernen zu dürfen.

Zwei Vormittage betreue ich einige kleine Kinder, deren Mütter gerade Beratung erhalten. Oft erlebe ich dabei große Freude, wie ein Nachkosten der Wonnen mit unserem Kind, die oft mit großer Erschöpfung oder auch Überforderung einhergingen. Vieles, was ich durch dieses gelernt habe und ständig weiter lerne, kommt mir dort wie ein Schatz zu Gute. Denn auch dort gibt es lebhafte Kinder mit unbändigen Energien aller Art, so daß mir oft der Gedanke an einen Zirkusdompteur kam. Und zugleich nehmen diese Kinder mich an der Hand und lehren mich das Evangelium.

Wie oft habe ich früher in der Pfarre oder beim „Gebet mit Gesängen aus Taizé“ zu genau gewußt, wo es lang gehen sollte. Jetzt bin ich die Empfangende, die Lernende – und ich bin wirklich von der Freude am entdeckenden Abenteuer gepackt. Einen Nachmittag lang treffen sich Mütter und Kinder samt Mitarbeitern zum Feiern, Spielen, Kaffeetrinken: Der Pfarrer hat zuerst eine Gesprächsrunde mit den Müttern, die die Woche mit ihm besprechen wollen. Dann nimmt er die Gitarre, und eine Stunde lang wird gehörig in der Kapelle (die zugleich Spiel- und Aufenthaltsraum ist) gefeiert: Geburtstage oder Kirchenfeste... Mit einfachsten, aber von Herzen kommenden Mitteln wird da gefeiert und beschenkt und jeder mit seinem Namen begrüßt. Man kann sich vorstellen, wie sehr das die Mütter und Kinder, die soviel Schlimmes erlebt haben, belebt und ihnen Licht gibt, noch bevor die Zukunft einigermaßen geregelt ist.

Ich komme aus dem Staunen nie heraus: Was kann ich da nicht alles für eine liebevolle, aufbauende, tröstende, stärkende Familienkultur mitnehmen! Wer könnte sich vorstellen, an solchen Orten des Leidens gestärkt, in den Alltag zurückzukehren, wenn nicht der Satz für immer ins Herz geschrieben steht: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Christus ist dort wie mit Händen greifbar und: „brannte uns nicht das Herz als...“?

Das Gespräch mit den Müttern suche ich immer mehr. Hatte ich früher Angst, deren Probleme könnten mich zu sehr belasten, entdecke ich heute, wie viel Gemeinsames wir haben. Wie viel Gutes wir miteinander teilen können, mitten durch Zerbrechlichkeiten und Fehlschläge hindurch. Einander zu verstehen heißt vielleicht einander aufnehmen mit dem Vertrauen, das Gott uns schenkt: vorurteilslos und absichtslos. Wenn das gelingt, ist es wirklich wie geteiltes Brot, eine unglaubliche Kraftquelle und Schwung nach vorn. Mit fast Nichts können wir einander so sehr beschenken und ermutigen. Und die drückende Einsamkeit, die so viele umtreibt, ob Kinder oder Erwachsene, verflüchtigt sich spontan in solchen Begegnungen. Ich ahnte nicht, daß ich hier auch lernen würde, wirklich beziehungsfähig zu werden.

Ganz ans Herz gewachsen ist mir die wöchentliche Bibelrunde im Mutter-Kind-Heim, die abends nach all dem Trubel mit Sicherheit noch stattfindet (egal, was vorher alles passierte). In einer längeren Stillezeit lesen wir das Sonntagsevangelium. Danach teilt jeder schlicht mit, wie ihn Gott damit berührt. Mir ist das eine große Hilfe, mit Gleichgesinnten unterwegs zu sein, ohne große Diskussionen und mit der anspruchsvollen Herausforderung, die kommende Woche wirklich danach auszurichten.

Als ich letztens so voll Freude und Zufriedenheit nach Hause kam und meinem Mann alles erzählte, schaute er mich kurz besorgt an: „Da muß mir ja ganz angst und bange um Taizé werden!“ Verblüfft und lachend antwortete ich ihm: „Das ist ein und dasselbe, keine Sorge! Taizé, das ist für mich: die lebensnotwendige Sommerwoche und die Beziehung zu den Brüdern und dem Leben der Communauté. Die Caritasgemeinde und das Mutter-Kind-Heim ist für mich die idente Fortsetzung im Alltag zu Hause.

Letzte Aktualisierung: 28. Oktober 2004