Am Abend des 16. August erinnerte Frère Alois mit folgendem Gebet an Frère Roger:
Liebender Gott, gelobt seist du für Frère Roger, unseren Bruder. Selbst in seiner Armut und Verwundbarkeit strahlte er den Frieden des Herzens aus. Unzähligen Menschen hatte er Vertrauen geschenkt. Wir möchten auf seinen Ruf hören, Einfachheit zu leben, und uns seine Leidenschaft zu eigen machen, die er für dieses Geheimnis der Gemeinschaft, für die Kirche, hatte. Deine Liebe möge das Antlitz der Erde neu machen!
Nach dem Abendgebet sprach er zu den in der Versöhnungskirche versammelten Jugendlichen.
Heute erinnern wir uns an Frère Roger, der vor genau sechs Jahren, am 16. August 2005, im Alter von 90 Jahren hier in der Kirche während des Gebets tödlich verwundet wurde. Als kleines Andenken zum Mitnehmen wird heute nach der Kirche eine kleine Karte mit seinem Bild und einem Gebet, das er geschrieben hatte, verteilt.
Wir haben heute auch die Freundschaftsikone im Chorraum der Kirche aufgestellt. Frère Roger bedeutete dieses Bild sehr viel. Ein Glaubender hatte es im 6. Jahrhundert in Ägypten gemalt und darin deutlich zum Ausdruck gebracht, dass Christus uns immer begleitet.
Frère Roger war ein Mensch des Friedens und der Versöhnung. Er hatte es selbst nicht gemerkt, aber der Friede des Herzens, den er ausstrahlte, war ansteckend.
Wir sind sehr dankbar für das, was er war. Bis heute sagen uns viele junge und alte Menschen oft, wie sehr er ihnen geholfen hat, im Vertrauen zu wachsen, im Vertrauen zu sich selbst und im Vertrauen auf Gott.
War es der innere Kampf, den er selbst durchzustehen hatte, um sein Vertrauen auf Christus zu setzen, der ihn fähig machte, uns Brüder der Communauté und viele andere, auf den Weg des Glaubens zu führen?
Frère Roger schrieb einmal:
„Jeder Mensch lebt mit einer offenen Wunde, die ihm die Fehlschläge im Leben, Erniedrigungen oder ein schlechtes Gewissen zugefügt haben. Diese Wunde entstand, als wir vielleicht dringend jemanden gebraucht hätten, aber niemand da war, der uns ohne Ende versteht.“ „Christus verklärt diese Wunde, so dass sie zu einem Ort der Kraft wird, zu einer Quelle schöpferischer Energien, aus der Gemeinschaft, Freundschaft und gegenseitiges Verstehen strömen.“
Gemeinschaft, Freundschaft, gegenseitiges Verstehen – das waren für ihn konkrete Früchte eines inneren Lebens. Er wollte jeden Tag das, was er vom Evangelium verstanden hatte, in die Tat umsetzen.
Er wollte durch sein Leben ein „Ja“ zu Christus sagen. So rief er eine Gemeinschaft von Brüdern ins Leben, die in der monastischen Tradition leben und versuchen, den Ärmsten nahe zu sein.
Wir sind alle dazu berufen, Christus „Ja“ zu sagen. Und dieses „Ja“ gleicht dem „Ja“ der Jungfrau Maria, der wir gestern gedachten. Sie hat Christus in sich aufgenommen, um ihn der Welt zu schenken.
Maria hat uns durch ihr Leben einen Weg gezeigt. Frère Roger sprach oft davon, dass seit den Aposteln, der Jungfrau Maria und den ersten Glaubenden, ein Ruf an uns ergeht, in großer Einfachheit zu leben, miteinander zu teilen und auf eine Einfachheit des Herzens zuzugehen, die uns dazu bewegt, unser Leben zu vereinfachen.
Ich denke immer noch an einen Besuch, den Frère Roger vor Jahren mit einigen von uns Brüdern in Haiti gemacht hatte. Er wollte in Cité Soleil, einem sehr armen Stadtteil der Hauptstadt Port-au-Prince, leben. Mitten unter den Armen leben, Menschen helfen, die sich für Gerechtigkeit einsetzen und dabei den erstaunlichen Glauben dieses Volkes entdecken, das alles machte den dringenden Ruf des Evangeliums noch deutlicher, in Einfachheit miteinander zu teilen.
Dies gilt auch heute noch: einige Brüder der Communauté leben auf den anderen Kontinenten unter armen Menschen und versuchen, Brücken zwischen den Kulturen zu bauen.
Dieses einfache Mitleben ist nichts Spektakuläres. Aber Frère Roger schrieb einmal:
„Nicht nur die Mächtigen der Welt entscheiden darüber, ob die Verhältnisse sich ändern. Hätte sich die Jungfrau Maria vorstellen können, dass von ihrem „Ja“ zu Gott so viel abhängen würde? Viele ganz einfache Menschen bahnen wie sie Wege friedvollen Vertrauens auf der Erde.“
Frère Roger war von der Leidenschaft für die Gemeinschaft der Kirche bewohnt. Er spürte, wie dringend es ist, dass sich die Christen versöhnen und zu einer sichtbaren Gemeinschaft finden. Er sagte:
„Wenn die Kirche unermüdlich zuhört, heilt und versöhnt, dann wird sie zu dem, was sie im Leuchtendsten ihrer selbst ist: zu einer Gemeinschaft der Liebe, des Mitgefühls und des Trostes, zu einem ungetrübten Widerschein des auferstandenen Christus.“ „Wenn die Kirche sich nie zurückzieht, sich nicht selbst verteidigt und auf alle Strenge verzichtet, dann kann von der Kirche dieses demütige Vertrauen des Glaubens bis in unsere menschlichen Herzen strahlen.“
Das Leben zahlloser Christen deutet auf dieses Antlitz Christi. Wenn die Barmherzigkeit des Auferstandenen überall auf der Welt erstrahlen könnte. Frère Roger hatte großes Vertrauen, dass die jüngeren Generationen dazu beitragen würden. Dieses Vertrauen zu den Jugendlichen lebt auch heute zutiefst in unserer Communauté.
Vieles auf der Welt ändert sich mit einer bisher ungeahnten Geschwindigkeit; oft stehen wir fassungslos vor den Folgen von Naturkatastrophen, von Gewalt und zunehmender materieller Unsicherheit, mit der viele Menschen leben müssen. Aber die Jugendlichen werden in der Lage sein, sich für Vertrauen zu entscheiden, damit der Frieden Christi das Antlitz der Erde erneuere.
Morgen früh fahre ich nach Madrid, wo bereits mehrere Brüder beim Weltjugendtag sind. Mehrmals am Tag werden die ganze Woche hindurch in einer Kirche in der Innenstadt gemeinsame Gebete stattfinden, in denen wir auf das Wort Gottes hören und zusammen still sind. Wie hier in Taizé stehen wir auch dort zur Verfügung, um allen, die dies möchten, persönlich zuzuhören.