Sechzig Jahre ist es her, daß die ersten jungen Deutschen bei den Brüdern in Taizé zu Gast waren. Es waren Kriegsgefangene aus zwei Lagern in der Nähe, die mit Sondererlaubnis unter anderem zu Weihnachten eingeladen werden konnten. Sie gehören zur Urgroßväter-Generation der Jugendlichen, die heute das Jahr über fast jeden Sonntag zu Hunderten, wenn nicht zu Tausenden aus Deutschland in Taizé ankommen. Sie spiegeln die Zusammensetzung des jungen Teils der Bevölkerung ihres Landes recht getreu wider, nach (alten und neuen) Bundesländern, nach den Anteilen der christlichen Konfessionen, nach Getauften und Ungetauften, nach Ausbildungswegen usw. Es gibt wohl kaum einen anderen Ort, an dem – ungeachtet der internationalen Kontakte – sich ständig so unterschiedliche deutsche Jugendliche intensiv begegnen. Schon gleich nach dem Umbruch 1989 stellten kirchlich gebundene Jugendlichen aus Ost und West in Taizé fest, daß sie neben ihrer Muttersprache wenigstens die Gesänge aus Taizé gemeinsam hatten.
Sie kommen auch auf ganz verschiedene Weise nach Taizé. Viele Jugendstellen in den Bistümern und Landeskirchen führen regelmäßig gemeinsame Fahrten durch. Aus unzähligen Gemeinden kommen Pfarrjugend- bzw. Junge-Gemeinde-Gruppen, ältere Ministranten, ehemalige Firm- oder Konfirmandengruppen. Jugendliche schließen sich oft ganz spontan zu Fahrten zusammen. Dabei kommt ihnen zugute, daß sie von Ende Februar an bis in den November hinein in Karlsruhe in einen der wöchentlichen Pendelbusse einsteigen können. Er bringt sie direkt zum Glokkenturm in Taizé. Sobald es fünfzehn, zwanzig Jugendliche sind, holt sie ein Bus an ihrem Heimatort ab.
Die Gesänge aus Taizé haben längst Einzug in die Gebet- und Gesangbücher der Kirchen gehalten. Ohne jede Vernetzung treffen sich überall im Land in Gemeindekirchen, Jugendhäusern, sozialen Einrichtungen, Studentengemeinden, Schulen und auch in manchem Zimmer Jugendliche und auch weniger junge Leute zu regelmäßigen Gebeten, die denen in Taizé nachempfunden sind. Viele Jugendliche nehmen aus Taizé den Mut mit nach Hause, sich in der Jugendarbeit zu engagieren oder ihren Einsatz auszubauen. Jede Woche tauschen sie in Taizé ihre Erfahrungen aus. Sie bringen Gedanken und Ideen auch in den Religionsunterricht und die Verbandsarbeit ein.
Im November, zwischen dem langen Sommerhalbjahr in Taizé und dem Europäischen Jugendtreffen am Jahreswechsel, findet in vielen deutschen Städten eine „Nacht der Lichter“ mit Kerzen und Gesängen aus Taizé statt. Dazu füllen sich mancherorts ganze Dome. Sie wird von Jugendlichen einer Gegend vorbereitet, die sonst oft wenig miteinander zu tun haben, aber einmal gemeinsam umsetzen, was ihnen in Taizé wichtig war: daß die Christen bei aller Verschiedenheit an einem Strick ziehen können, und daß es nicht viel braucht, um auch zu sehr vielen ein inniges Gebet zu halten. Wo es möglich ist, sind Brüder aus Taizé dabei. Sie bereiten solche Gebete mit Jugendlichen auch für die Katholiken- und Kirchentage und andere Großereignisse vor, nicht nur kirchliche, so für den nächsten „Tag der Sachsen“ im Erzgebirge.
Nach der Beendigung totalitärer Zwischenspiele, seit 1945 bzw. 1989, hat in Deutschland der christliche Glaube als Beitrag für gedeihliches Zusammenleben in der Gesellschaft wieder einen Freiraum in der Öffentlichkeit. Das bringt mit sich, daß auch die Jugendtreffen in Taizé nicht nur als Privatsache Interessierter oder als binnenkirchliche Angelegenheit wahrgenommen werden. Staatliche Schulen, Gruppen von Jugendlichen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr ableisten, Zivildienstleistende und auch Wehrdienstleistende fahren mit Lehrern, Pfarrern und Betreuern während der Schul- und Dienstzeit nach Taizé. Junge Deutsche, die gut motiviert länger in Taizé mithelfen, bekommen dies als Anderen Dienst im Ausland anerkannt und müssen keinen Zivildienst im Land leisten. Auf diese Weise kommen ganz von selbst viele interessierte Jugendliche zu den Treffen, die nicht in einem religiösen Elternhaus aufgewachsen sind. Nicht selten senden frisch Getaufte am Jahr darauf ein E-Mail. Auch der eine oder andere Muslim oder Jude begleitet seine christlichen Freunde. In manchen Schulen ist die Fahrt zur festen Einrichtung geworden. Die Jugendtreffen in Taizé waren mehrfach Thema für das Französisch-Abitur.
Neben den international zusammengesetzten Gesprächsgruppen ist in der Woche auch Gelegenheit, sich auf Deutsch über die Lage in der eigenen Kirche, im eigenen Land Gedanken zu machen. Die Fragestellungen entwikkeln sich ständig weiter. Was heißt: Glauben in Gemeinschaft, nicht nur jeder unverbindlich für sich, nicht nur mit Gleichgesinnten? Was hat eine pluralistische demokratische Gesellschaft davon, daß es in ihr Christen gibt? Hier kommt jeder zu Wort, hier zeigt sich, wie wach sich viele für das Gemeinwesen interessieren und engagieren, als Schulsprecher, in Jugendorganisationen, in der Kommunalpolitik, in sozialen Einrichtungen oder als Wirtschaftsstudent. Nicht selten drehen sich die Fragen um die Zukunft, die ein Jugendlicher in einem überalterten Land wie Deutschland demnächst zu schultern haben wird.
Die kritischen Stimmen gehen nicht unter, aber noch weniger die Hoffnung. Hat die Krise, in der viele Deutschland sehen, das Ende der Absättigung, auch gute Seiten? Nicht wenige berichten, daß ihnen nach der Rückkehr aus Taizé Gleichaltrige aufmerksamer zuhören als früher. Seit kurzem singen in Taizé auch deutsche Gruppen unbefangen ihre Volkslieder. Das wäre vor ein paar Jahren noch nicht denkbar gewesen. Es schmälert die Neugier auf die Kultur der anderen Völker keineswegs, im Gegenteil.