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Worte von Frère Alois jeden Donnerstagabend

Zwei konkrete Schritte, um intensiver zu leben.

Donnerstag, 5. Juli 2012

Wir wollen in Taizé gemeinsam zu den Quellen des Glaubens gehen. Auch wir Brüder der Communauté müssen uns jeden Tag von Neuem auf diesen Weg machen. Obwohl wir uns mit unserem Eintritt in die Communauté dazu entschlossen haben, Christus nachzufolgen, alles miteinander zu teilen und dreimal am Tag gemeinsam zu beten, so müssen wir das Vertrauen auf Gott doch Tag für Tag neu suchen.

Es kann einen inneren Kampf bedeuten, immer wieder hinüberzugehen von der Furcht zum Vertrauen auf Gott. Dabei kommt es vor allem darauf an, uns nicht von der Angst mitreißen zu lassen, von Verbitterung und Verzweiflung.

Aber dieser innere Kampf setzt eigenartigerweise auch kreative Energien in uns frei. Er weckt unser Herz, er macht uns aufmerksam auf alles, was uns entfremden könnten, er gibt uns uns selbst zurück, er überlässt uns nicht der Mittelmäßigkeit und bringt uns vor allem dazu, intensiv zu leben.

Wir wünschen uns alle ein intensives Leben; und dennoch stoßen wir auf so viele Hindernisse!

Wir leben in einer spannenden Zeit. Die Welt verändert sich grundlegend. Enorme gesellschaftliche Fortschritte werden möglich dadurch, dass wir jederzeit zu Kommunikation und Information Zugang haben.

Aber spüren wir auch die Kehrseite dieser Entwicklung. Wir sind manchmal übersättigt mit Informationen und Kommunikation. Nach Informationen zu suchen kann zu einem Zeitvertreib werden, mit dem wir unbewusst an der Oberfläche der Dinge schwimmen oder vor der Realität davonlaufen.

Im Mai hatten wir in Chicago ein Treffen; dort erzählten uns Jugendliche, dass sie nicht mehr ans Telefon gehen, weil sie ununterbrochen angerufen werden.

Während dieser Woche in Taizé haben einige von euch erlebt, dass das Leben nicht weniger intensiv ist, wenn wir nicht ständig mit aller Welt in Verbindung stehen. Ganz im Gegenteil, wir spüren eine tiefe Freude und Freiheit, wenn wir uns Zeit für das Wesentliche nehmen. Sicher ist, dass wir uns den Schwierigkeiten und Prüfungen des Lebens auf diese Weise besser stellen können.

Ich glaube, dass wir zwei konkreten Schritten tun können, um intensiver leben.

- Der erste besteht darin, jeden Tag aufs Neue unser Vertrauen auf Gott zu setzen, das Leben anzunehmen, das er uns schenkt. Und uns daran erinnern, dass Christus uns vertraut und mit Liebe auf jeden von uns blickt, dass seine Anwesenheit stärker ist als das Böse und sogar tiefer als unser Leid.

- Ein zweiter Schritt hin zu einem intensiven Leben könnte darin bestehen, den Menschen mit Aufmerksamkeit zu begegnen. Für die Schönheit der Schöpfung empfänglich zu werden, hilft und dabei. Durch jeden Menschen, dem wir begegnen, ist ein Ruf an uns gerichtet. Hinter seinen Worten und Gesten können wir diesen Ruf erkennen.


Ich denke dabei an zwei Menschen, die in dieser Weise engagiert sind.

Letzte Woche war eine Frau hier, die 95 Jahre alt ist. Sie ist die Tante unseres Bruders Paolo und wir nennen sie Tantchen Joan. Sie stammt aus einer evangelischen Familie. Sie ist in Gedanken ständig bei Jesus, und denkt an alles, was er für die Menschheit getan hat.

Gleichzeitig ist sie eine Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht. Als Mädchen hatte sie England verlassen, um Missionarin zu werden. 1945 ging sie nach China, 1951 wurde sie des Landes verwiesen.

Tante Joans Geschichte ist zu lang, um sie hier zu erzählen, aber es ist vor allem ihr Vertrauen auf Gott, das sie tief in sich trägt und das ihr einen Blick der Liebe für andere verleiht.

Das zweite Beispiel, das ich erwähnen möchte, ist eine Familie, die in der Nähe von Paris lebt und diese Woche hier unter uns ist. Sie führen eine Apotheke. Eines Tages waren Einwanderer aus Rumänien gekommen, um Medikamente zu kaufen. Im Gespräch verstand die Mutter, dass es in ihrer Notunterkunft keine Heizung gab.

Sie haben daraufhin zusammen mit Freunden Decken organisiert die Leute sogar vorübergehend bei sich zu Haus einquartiert; der Sohn im Teenageralter hatte für sie sein Zimmer freigemacht. Sie haben sich dadurch näher kennengelernt und eine tiefe Freundschaft ist entstanden. Sie halfen diesen Einwanderern auch, ihre Papiere in Ordnung zu bringen; am Ende gelang ihnen das für 52 Personen.


Intensiv leben. Genau dies möchte Gott für jeden von uns. Jesus sagt im Evangelium ganz deutlich: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben, und es in Fülle haben.“

Das Leben in Fülle, das Gott uns anbietet, geht nicht erst los, wenn wir alle Probleme gelöst haben. Nein, wir können es bereits inmitten unserer Schwierigkeiten entdecken, heute schon.

Letzte Aktualisierung: 10. Juli 2012