Nach einer Woche in Taizé, in der jeder versucht hat, zu den Quellen des Glaubens zu gehen, kann man auf dem Nachhauseweg über ein Wort nachdenken, das Christus zu seinen Jüngern gesprochen hat: „Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und bis an die Grenzen der Erde.“ (Apostelgeschichte 1,8)
Es ist eigenartig, dass Gott Zeugen braucht. Er drängt den Menschen seine Wahrheit nicht auf. Christus sagt zu jedem von uns: „Ich brauche dich, damit die Welt glaubt, dass ich die Wahrheit sage.“
Auf der Heimfahrt könnt ihr daran denken: Christ zu sein besteht nicht nur darin, sich anderen gegenüber moralisch gut zu verhalten, sondern zuallererst darin, Zeugnis für das Leben und die Worte Christi abzulegen.
Das große Zeugnis der ersten Christen war, dass Christus von den Toten auferstanden ist. Ein unerhörtes Zeugnis, das zu erfinden sie sich niemals getraut hätten. Sie wollten damit sagen, dass Gott in der Geschichte der Menschheit bereits gegenwärtig ist und Gewalt und Tod nicht mehr das letzte Wort haben.
Als erste hatte eine Frau die Auferstehung verkündet, Maria aus Magdala. Sie hatte den anderen Jüngern davon berichtet, wie sie dem auferstandenen Jesus begegnet war.
Die Auferstehung übersteigt unser Verstehen, sie ist eine Realität jenseits unseres Denkens. An die Auferstehung zu glauben, lässt uns nicht abstumpfen, sondern gibt uns vielmehr die Kraft, gegen das Böse anzugehen, weil wir glauben, dass es nur von begrenzter Dauer ist.
Jesus hat nicht gesagt, wie das Leben nach dem Tod aussieht. Er hat ganz nüchtern darüber gesprochen, in sehr einfachen Bildern, er hat es mit einem Festmahl verglichen, bei dem Gott selbst bedient und zu dem alle eingeladen sind, „aus Ost und West“, wie Jesus sagt.
Dies ist ein sehr schönes Bild, das unserem Leben immer neue Anregungen schenken kann. In Wirklichkeit ist es nicht nur ein Bild; es ist etwas, das wir bereits in unserem Leben auf Erden verwirklichen können. Ich möchte einige Beispiele dafür nennen:
Das Festmahl bedeutet Gastfreundschaft. Menschen zu sich einladen, die einem begegnen, ihnen zuhören, ihnen Zeit schenken, gemeinsam etwas essen. Wir sind Zeugen der Auferstehung Christi, indem wir unsere Freundschaft vielen schenken, auch Menschen, die anders sind als wir. Indem wir andere aufnehmen, verwirklichen wir bereits etwas vom Leben in Ewigkeit mit Gott.
Wir Brüder würden euch am liebsten alle zu uns ins Haus zum Essen einladen. Aber ihr seid so viele. Diese Woche waren diejenigen bei uns, die für mehrere Wochen hier sind und mit den jungen Freiwilligen zusammen bei den Jugendtreffen mithelfen. Mit einer Tasse Kakao kann ein solches Treffen zu einem festlichen Moment werden.
Bei euch zu Hause könntet ihr euren Kirchengemeinden helfen, damit diese noch mehr zu Orten der Offenheit und der Gastfreundschaft werden. Unsere Gesellschaft braucht solche Orte. Durch den Pilgerweg des Vertrauens, den wir unternehmen, wollen wir euch in diesem Engagement mittragen. Das Europäische Treffen am Ende des Jahres in Rom wird eine gute Gelegenheit dafür sein.
Im November wird ein Jugendtreffen in Kigali, in Ruanda, stattfinden und wir wissen, dass wir dort überaus gastfreundlich empfangen werden. Vielleicht ist dies auch der Grund, warum wir dorthin gehen. Den ganzen Sommer sind junge Ruander hier und helfen uns, uns auf dieses Treffen vorzubereiten.
Oft staune ich über die Ausdauer, mit der so vieler Afrikaner aus allen Teilen des Kontinents harte Zeiten durchmachen, ohne den Mut zu verlieren. Auch in schwierigen Situationen finden sie immer wieder Zeit, sich zu freuen und zu feiern.
Bei Afrika denkt man zu oft nur an die Probleme und vergisst, wie viele Männer und Frauen es auf diesem Kontinent gibt, die die Kirche und die Völker zu größerer Einheit und Frieden geführt haben.
Das Treffen in Kigali wird alle Teilnehmer - Afrikaner und Europäer - ermutigen, Zeugen Christi zu sein und durch das Leben jedes Einzelnen zum Ausdruck zu bringen, dass der Friede Christi unter den Menschen wirkt und stärker ist als die Gewalt, die wir um uns herum sehen, und die auch in unserem Herzen steckt.
Ich möchte noch etwas sagen: In Rom und Kigali wird das gemeinsame Gebet - genauso wie hier in Taizé - im Mittelpunkt der Treffen stehen. Das Gebet ist der Ort, an dem Christus uns an seinen Tisch einlädt. Und was bietet er uns an? Sein Wort und die Eucharistie.
Ein Wort zu hören ist mehr, als eine Nachricht zu bekommen; es bedeutet auch, sich auf sein Gegenüber einzulassen. Hören wir Christus und sein Wort, das wir in den Evangelien lesen können! Und selbst wenn wir nur wenig davon verstehen, öffnen wir uns damit Christus bereits; genauso wie ein kleines Kind, das darauf angewiesen ist, dass seine Mutter zu ihm spricht, obwohl es die Wörter nicht versteht.
Christus lädt uns auch an den Tisch der Eucharistie ein. Am Vorabend seines Todes hat Jesus seine Jünger um sich versammelt, hat Brot genommen, es für sie gebrochen und zu ihnen gesagt: „Dies ist mein Leib“. Nie zuvor hatte jemand solche Worte gesprochen, und niemand wird dies ein zweites Mal tun.
Christus liebt uns so sehr, dass er sich uns ohne Rückhalt schenken möchte. Er möchte zu unserer Stärke werden, uns heilen; er bindet sich an uns. Er lässt uns dadurch bereits etwas vom Leben, das nie zu Ende geht, vorwegnehmen. Wir könnten über dieses Geheimnis unseres Glaubens noch mehr nachdenken.
In der Welt sind wir mit sehr viel Gewalt konfrontiert. Heute Abend denken wir im Gebet vor allem an die Menschen, die in Syrien unter Gewalt leiden.
Christus sendet uns als Zeugen, damit wir durch unser Leben seinen Frieden weitergeben. Jeder einzelne von uns kann dies tun, dort wo er lebt, auch wenn wir uns manchmal arm und hilflos vorkommen. Zeugen des Friedens Christi zu sein, verleiht unserem Leben einen neuen Elan.
Ja, Christus sagt zu uns: „Ich brauche dich, damit man in der Welt glaubt, dass ich die Wahrheit sage.“