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Mit Straßenkindern in Dakar

Seit über 10 Jahren leben Brüder aus Taizé in Dakar, der Hauptstadt Senegals. Einer von ihnen beschreibt seine Arbeit mit Kindern, die in einem der ärmsten Viertel der Stadt ihr Leben durch Betteln verdienen.

Ungefähr 40 Jungen zwischen sieben und fünfzehn Jahren leben in einer kleinen Gemeinschaft in einem Arbeiterviertel von Dakar. Ein Lehrer kümmert sich um sie. Im Senegal ist es üblich, daß arme Moslemfamilien auf dem Land, einige ihrer Kinder einem solchen Lehrer anvertrauen, der ihre Erziehung übernimmt, die schulische, aber auch und besonders die religiöse (Koranstudium) Ausbildung der Kinder. Da die Eltern zu arm sind, um in dieser Zeit für ihre Kinder aufzukommen, muss der Lehrer, der auch keine andere Einkommensquelle hat, diese jeden Tag für einige Stunden zum Betteln auf die Straße schicken. Das muslimische Gebot, das jeden Gläubige dazu verpflichtet, Almosen zu geben, unterstützt dieses System der bettelnden Kinder noch.

Inzwischen ist die Zahl der bettelnden Kinder, vor allem in der Hauptstadt Dakar, durch Landflucht und steigende Armut im Senegal allerdings enorm gestiegen. Viele dieser Kinder werden von ihren Lehrern, denen sie anvertraut sind, ausgebeutet und verbringen mehr Zeit mit Betteln als mit Lernen. Manche werden sogar geschlagen, wenn sie am Abend nicht genug Geld mit nach Hause bringen. Einige laufen weg und schließen sich Banden an, die auf der Straße leben, wo sie Gewalt und Drogen ausgesetzt sind. Die Gruppe von 40 Kindern, mit denen ich seit nun fast zwei Jahren Kontakt habe, ist all dem bis jetzt entgangen. Ihr Lehrer ist ein älterer, armer, frommer und sehr liebenswürdiger Mann. Er heißt Serigne. Seine etwas jüngere Schwester, Awa, hilft ihm; sie geht energisch und zugleich sanft mit den Kindern um und hat stets ein Lächeln auf den Lippen. Ihr und ihren Freunden ist es zu verdanken, daß wir vielen Familien verständlich machen konnten – vor allem den Müttern – in welch schwieriger Situation sich ihre Kinder befinden. Stück für Stück entstand ein Netzwerk von Solidarität und Freundschaft in der Umgebung.

Eine tägliche Mahlzeiten für 40 Kinder

Seit über anderthalb Jahren muss keines der Kinder mehr für sein Mittag- und Abendessen betteln gehen. Jedes Kind hat inzwischen eine „Patin“ (manche auch zwei), Mütter aus der Nachbarschaft, die oft selbst arm sind, aber eines der Kinder bei sich zum Essen aufnehmen. Im Laufe der Zeit haben die Kinder Vertrauen zu ihren „Patinnen“ gefunden. Manche der Mütter kümmern sich auch um die Gesundheit ihner Schützlinge, waschen die Kleider und machen ihnen zu besonderen Anlässen ein kleines Geschenk. All dies geschieht sehr diskret; von viele kleinen Gesten der Freundschaft und Hilfe erfahren wir erst im nachhinein.

Im Senegal bereitet jede muslimische Familie am Ende des Fastenmonats Ramadan ein großes Fest vor und es ist Brauch, daß an diesem Tag jeder seine besten Kleider anzieht, wenn möglich neue Sachen. Alle muslimischen Kinder warten ungeduldig auf diesen großen Tag! Letztes Jahr fiel das Fest auf den 19. November; jedes der Kinder wurde nach dem Morgengebet in der Moschee von seiner „Patenfamilie“ eingeladen, den Tag mit ihr zu verbringen und so das Fest und die Freude der anderen Kinder zu teilen. Manche der Mütter schafften es sogar, den Kindern von ihrem eigenen Geld etwas zum Anziehen zu kaufen. Für viele von ihnen war es das erste Mal im Leben, dass der Festtag nicht mit einem traurigen Blick auf die anderen Kinder verbunden war, in ihren schicken Kleidern.

Sprachunterricht, praktische Ausbildung und soziale Aktivitäten...

Im Jahre 2003 setzten die Kinder ihren Sprachunterricht in Wolof fort, der Landessprache. Zusätzlich haben sie begonnen, Französisch zu lernen, was an allen Schulen im Senegal Pflichtfach ist. Dieser Unterricht trägt ganz wesentlich dazu bei, den Horizont der Kinder zu erweitern und ihre Aussichten für die Zukunft zu verbessern. Jede Stunde beginnt mit einer Diskussion zwischen Schülern und Lehrer über ein Thema ihres täglichen Lebens: „Wie schützt man sich vor Malaria? Welche Rolle spielen die Mosquitos bei der Übertragung dieser Krankheit?“ „Die Bedeutung von Sauberkeit im täglichen Leben, um Krankheiten zu vermeiden“, oder „Welche Rechte haben Kinder?“

Wir haben drei Männer aus der Nachbarschaft gebeten, die Kinder in drei Gruppen in verschiedene handwerkliche Tätigkeiten einzuführen: Schreinern, Dachdecken und Steinmetzarbeit. Zwischen April und September wurden Materialien gekauft und ein kleiner Lohn an die Handwerker gezahlt, die den Kinder an jeweils einem Abend der Woche etwas zeigen. Das Ziel war nicht, den Kindern eine Beruf beizubringen, sondern sie ihre praktischen Fähigkeiten entdecken zu lassen.

Im Januar des selben Jahres wurde von Müttern aus der Nachbarschaft ein großes Fest für die 40 Kinder der Gemeinschaft vorbereitet. Damit wollten sie den Kindern, die so weit weg von ihrem eigenen Zuhause leben müssen, zeigen, wie sehr sie ihnen inzwischen ans Herz gewachsen sind.

Im Juni konnten sich die Kinder dann einen großen Traum erfüllen! Sie bildeten zwei Fußballmannschaften und jeder von ihnen bekam ein echtes Trikot... natürlich in den Landesfarben des Senegal. Und der Höhepunkt war ein neuer Fußball!

Letzte Aktualisierung: 28. November 2005