Am Sonntagmorgen sprach Frère Alois folgendes Gebet:
Christus Jesus, gepriesen seist du für unseren Bruder Roger, dessen wir heute gedenken. Er hat unzählige Menschen zu den Quellen des Vertrauens auf Gott geführt. Er hat uns gezeigt, dass wir uns in jedem Augenblick unseres Lebens Gott zuwenden können, um seine Liebe zu empfangen. Dort finden wir den Frieden des Herzens. Dieser Friede im Herzen lässt uns nicht mehr für uns selbst leben, sondern für die anderen. So ahnen wir, dass letztlich jeder Mensch für Gott lebt.
Donnerstagabend, 13. August, Treffen mit Frère Alois
Wie jeden Donnerstagabend wandte sich Frère Alois an die anwesenden Jugendlichen in Taizé. Er sprach dieses Mal über Frère Roger:
Diese Woche erwartet uns ein besonderes Datum; am kommenden Sonntag, den 16. August, werden wir an Frère Roger denken. Er gründete unsere Gemeinschaft mit ungewöhnlicher Beharrlichkeit; all die Jahre hielt er trotz so vieler Schwierigkeiten durch. Vor vier Jahren wurde er hier in dieser Kirche während des Abendgebets getötet.
Viele von euch haben ihn nicht kennen gelernt, so dass ihr euch kaum vorstellen könnt, wie sehr unser ganzes Leben hier immer noch von ihm geprägt ist. Das Vermächtnis, das er uns hinterlassen hat, ist immer noch lebendig.
Das Gebet hier in dieser Kirche ist vielleicht der tiefste Ausdruck dieses Vermächtnisses. Mit seiner Einfachheit, dem Singen, der Stille und den Lesungen der Bibel, führt uns dieses Gebet direkt zum Wesentlichen, zur Liebe Gottes. In diesem Gebet können wir das finden, was Frère Roger sein Leben lang mit großem Verlangen suchte: den Frieden des Herzens.
Wir können uns diesen inneren Frieden nicht selbst schenken, aber wir können ihn von Gott jederzeit entgegennehmen. Die ersten Worte des auferstandenen Christus, die er nach seinem Tod am Kreuz an seine noch ratlosen Jünger richtete, waren: „Der Friede sei mit euch!“
Die Jünger hatten Christus im Stich gelassen, doch er machte ihnen keine Vorwürfe. Stattdessen nimmt er ihre Schuld auf sich. Da liegt die Quelle des Friedens des Herzens. Wir empfangen ihn, wenn wir uns bedingungslosen geliebt wissen.
Ja, unser Leben zählt in Gottes Augen; es ist für ihn so wertvoll, wie wir es uns nicht einmal vorstellen können. Machen wir uns deshalb keine Sorgen darüber, was unser Leben wert ist; er ist verborgen in Gott. Wenn wir von dieser Sorge befreit sind, können wir nicht mehr nur für uns selbst leben, sondern für die anderen. Dann spüren wir, dass jeder Mensch letztlich für Gott lebt.
Natürlich ist das Gebet nicht immer ein Hafen des Friedens oder ein Gefühl der Fülle. Manchmal herrschen solcher Lärm und Anspannung in uns, dass wir uns fragen, wie wir den inneren Frieden wiederfinden können? Wagen wir es, uns Gott immer wieder zuzuwenden: wenn unser Verstand zu beschäftigt ist, beten wir bereits mit unserem Körper, lediglich durch unsere leibliche Gegenwart.
Christus nachzufolgen heißt hinzunehmen, dass wir Gottes Gegenwart nicht immer spüren. Für Frère Roger ging die Suche nach dem Frieden des Herzens mit einem Kampf einher. Für ihn war der Friede nichts ständig gegebenes, sondern er hängt von der inneren Entscheidung ab, die Liebe Gottes zu empfangen, trotz allem was uns daran hindern kann.
Diese innere Entscheidung macht uns fähig, diejenigen wirklich zu empfangen, denen wir begegnen. Ja, der Friede beginnt in uns, aber er drängt uns gleichzeitig über Grenzen und Gewohnheiten hinauszugehen, hinter denen wir uns so oft einfach verstecken.
Frère Roger zitierte oft Seraphim von Sarov, einen russisch-orthodoxen Mönch: „Gewinne den inneren Frieden, und Tausende um dich herum werden das Heil finden.“ Und Frère Roger fügte oft hinzu: „Nirgends werden wir unserer Verantwortung mehr gerecht, als im Gebet.“
Wenn wir begreifen, dass Gott jederzeit da ist und uns liebt, ändert sich unser Blick auf die Situation, in der wir uns befinden; unerwartete Kräfte in uns werden frei.
Im Zusammenleben mit Frère Roger haben wir Brüder dies immer wieder erfahren: er konnte jederzeit überraschende Entscheidungen treffen, manchmal voll Ungeduld voranzugehen. Er wollte alles tun, damit die Gegenwart Gottes und seiner Liebe allen erfahrbar würde, insbesondere denen, die sich verlassen fühlen.
Der Friede des Herzens führte Frère Roger nicht dazu, sich auf eine innere Erfahrung zurückzuziehen. Immer wieder machte er sich auf, um eine Zeitlang unter den ärmsten Menschen auf der Erde zu leben.
Frère Roger hatte keine fertigen Antworten angesichts der großen Unrechtssituationen. Aber er wollte sich ohne Schutz persönlich vom Leiden in der Welt berühren lassen.
Vor über 25 Jahren lebten einige von uns in einem Armenviertel auf Haiti. Dieses quicklebendige Land, das so stolz war auf seine früh erlangt Unabhängigkeit, lebt leider in tiefer Armut.
Wir konnten materiell nur sehr wenig helfen, doch eines habe ich begriffen, was mich tief geprägt hat: die Menschen erwarteten nicht „etwas“, sondern auch auf „jemanden“. Ja, materielle Hilfe, so notwendig sie sein mag, kann niemals persönliche Gegenwart bei denen ersetzen, die leiden.
Sich nicht selbst zu schützen, sondern sich der Situation aussetzen: diese Aufforderung des Evangeliums wird immer wichtiger angesichts einer zunehmenden Globalisierung, die uns immer abhängiger voneinander macht. Wir können das Evangelium und das, was es in sich birgt, nur verstehen, wenn wir uns aufmachen und auf die zugehen, die leiden - weit weg von uns oder manchmal ganz in unserer Nähe. So kann der Friede des auferstanden Christus unser Leben und unsere Gesellschaften von innen heraus verändern.
Kinder werden nun Blumen an die diese Woche in Taizé vertretenen Länder verteilen…
Ein Kind:
Es gibt Blumen für die Jugendlichen aus Mexiko, Costa Rica, El Salvador, Honduras, Guatemala, der Dominikanische Republik, Puerto Rico, Kolumbien, Bolivien, Brasilien, Argentinien und Chile.
aus Russland, Finnland, Schweden, Estland, Litauen, Lettland und Dänemark.
aus Polen, Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Großbritannien und Irland.
aus der Ukraine, der Slowakei, Ungarn, Tschechien, Slowenien, Österreich, der Schweiz und Frankreich.
aus Rumänien, Bulgarien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Serbien, Italien, Spanien und Portugal.
und für die Jugendlichen aus Korea, Japan, China, Hongkong, Vietnam, Kambodscha, Thailand, Myanmar, Indonesien, die Philippinen, Indien, Bangladesch und dem Libanon.
aus Kanada, den USA, Australien, Neuseeland.
aus Ägypten, Burkina Faso, dem Senegal, Benin, Togo, Niger, Tschad, Kamerun, dem Kongo, Gabun, Kenia, Uganda, Ruanda und Tansania.
Frère Alois fährt fort: Wir werden nun das Gebet mit dem Gesang fortsetzen. Aber zuvor möchte ich mit euch das Gebet beten, das Frère Roger gerne sprach. Wir beten es in Gemeinschaft mit den Jugendlichen aus vielen afrikanischen Ländern, die dieser Tage in Tlemcen, in Algerien zusammengekommen sind. Da sie nicht alle hierher kommen können, sind sie zu einem einwöchigen Treffen wie hier in Taizé versammelt:
„Jesus Christus, du schenkst denen, die dich suchen, den Frieden des Herzens. Dieser Friede ist ganz nahe, in deinem Blick des Erbarmens, mit dem du auf das Leben eines jeden von uns schaust.“