Bewegliche Gemeinschaft
„Im Herbst verjüngt sich die Stadt, zumindest die City, denn am 10. Oktober findet ein großes Taizé-Treffen statt“, kündigte eine Stuttgarter Tageszeitung Anfang September an. Genauso kam es. Über 1200 Jugendliche kamen bereits zum Mittagsgebet in die Stiftskirche und mehr als doppelt so viele zum Abendgebet zu dem alle Generationen eingeladen waren und das parallel in der evangelischen Stiftskirche und der katholischen Kathedrale St. Eberhard stattfand. Der evangelische und der katholische Ortsbischof nahmen daran teil und gingen mit Frère Alois zusammen von einer Kirche in die andere.
Das Abendessen vorher, im Zelt und unter freiem Himmel, gestaltete sich zu einem unbeschwerten „Fest der Gemeinschaft“, bei dem Jugendliche Musik machten. Den ganzen Nachmittag über hatten viele die beiden Kirchen für das Gebet hergerichtet, mit Kerzen, Stoffbahnen und Ikonen oder indem sie die verschiedenen Stimmen der Gesänge einstudierten und eine Instrumentalbegleitung auf die Beine stellten. Der Gesang, der die wenigen Worte umso mehr hervortreten ließ, berührte alle.
Bei Reinhard von der Evangelischen Jugend und Andrea von der katholischen Jugend liefen während der Vorbereitung die Fäden zusammen. Über 70 Jugendliche beteiligten sich, am Samstag waren es dann 120, dazu kamen noch 90 junge Musiker. Reinhard schildert seine Eindrücke vom Tag und der Zeit davor:
„Es war beeindruckend und ein starkes Zeichen, wie Frère Alois mit den beiden Bischöfen von der einen Kirche zur anderen ging. Es war ein ganz tief gehendes Gebet erfüllt von Frieden und einfacher Gemeinschaft, die Christus schenkt. Natürlich trug auch die tolle musikalische Begleitung der vielsprachigen Gesänge viel dazu bei, das hörte ich von vielen Seiten. Alle wirkten zusammen ohne großen Reibungsverlust, eine Harmonie der Vielfalt wie bei den Chor-, Solo- und Instrumentalstimmen. Diese Gemeinschaft war aber auch schon ganz praktisch in der langen Vorbereitungszeit zu spüren. Ich habe zum ersten Mal so richtig erlebt, dass die Vorbereitung über E-Mails und Internet überhaupt nicht zu Anonymität und Unverbindlichkeit führt. Ganz im Gegenteil. Zu den Vorbereitungstreffen konnten nie alle kommen bei den vielen Terminen, die wir haben, oft kamen nur einige vom letzten Mal wieder, dafür eine ganze Reihe neuer Leute. Das war aber gar nicht schlimm, weil dank der Rundmails und der Informationen im Internet immer alle über alles auf dem Laufenden gehalten wurden. So konnte sich jede und jeder einbringen, wenn er gerade Zeit hatte. Und mehr noch, wir konnten einander Ideen und Anfragen wie Bälle zuspielen. Der eine entdeckte einen ‚Ort der Hoffnung’, andere machte dort einen Vorbesuch und der dritte ging dann mit anderen am Nachmittag des Treffens hin. Weil jeder wusste, was zu tun war, arbeiteten alle direkt zusammen. Es war wie ein kleines Gleichnis für eine neuartige, unmittelbare und bewegliche Gemeinschaft in der Kirche, unter den Kirchen. Das wurde beim Treffen nicht thematisiert, aber ich glaube, die Leute haben es gespürt – vielleicht kommt auf diese Weise etwas von dem auf, was die Leute immer wieder als Taizé-Feeling bezeichnen.“
Am Nachmittag konnten man dann ganz unmittelbar erleben, auf wie vielfältige Weise sich Leute für andere engagieren. Sie wurden an allen Orten, die sie besuchten mit offenen Armen empfangen.
Der „Bus mit BISS“ der Mobilen Jugendarbeit ist Anlaufstelle für Menschen, die Beratung, Informationen, Unterstützung in Schule und Beruf brauchen. Menschen in der Chaldäischen Gemeinde haben Angst und Verfolgung aber auch Hoffnung und Erfüllung hautnah erlebt - mehrere hundert Flüchtlinge waren dieses Jahr nach Deutschland gekommen - und erzählten. In der Moschee von Stuttgart-Feuerbach und im Deutsch-Türkischen Forum kam es zu einem Dialog zwischen muslimischen und christlichen Jugendliche; Nächstenliebe an Notleidenden üben Franziskanerinnen in der Franziskusstube.
Im Marienhospital Stuttgart (katholische Trägerschaft) fand ein Gespräch mit den Schwestern und ein Gebet in der Kapelle statt, und im Olgahospital (evangelischer Trägerschaft), einem der größten Kinderkrankenhäuser Deutschlands, erfuhren Jugendliche im Raum der Stille und im Abschiedsraum etwas vom Leben und Wirken des ökumenischen Betreuungsteams. Im Katharinenhospital sangen Jugendliche Gesänge aus Taizé und dachten über Leid und Hoffnung nach. Andere machten sich anhand der Frage „Was gibt mir Hoffnung?“ Gedanken über ihre eigene Berufung.
In den anspruchsvollen Secondhand-Läden „Oxfam Shop“ und „PragA“ finden arbeitslose Frauen Arbeit und werden Finanzmittel für die entwicklungspolitische Arbeit erwirtschaftet. Release U 21 ist eine Zufluchtstätte für Jugendliche, die Drogenprobleme haben und diesen entkommen wollen. Bei den Scalabrinipatres im Centro di Spiritualità ging es bei einer Begegnung mit Flüchtlingen um ein gutes Miteinander der Nationalitäten, Kulturen, Mentalitäten und Religionen, beim Schulprojekt „Verrückt, na und?! - es ist normal verschieden zu sein“ um den Austausch über psychische Erkrankungen mit Betroffenen, Angehörigen und Pädagogen, und im Haus der Evangelischen Jugend um die Erinnerung an die Judenverfolgung im Stuttgarter Hospitalviertel.
Da man erst ab 15 Jahre nach Taizé fahren kann, gab es für Konfirmanden und Firmlinge die Möglichkeit, mit einer Powerpointpräsentation und einem kleinen Stationenweg eine neunzigminütige Reise nach Taizé vorwegzunehmen. Andere sahen sich kurze Videobeiträge über Aufenthalte in Taizé an, die Jugendliche einer Brennpunktschule, eines Gymnasiums, Schweizer Konfirmanden, junge Polen und Afrikaner gedreht haben. Natürlich gab es auch eine Bibeleinführung durch einen Bruder von Taizé, an der sehr viele teilnahmen, und Anregungen zumGespräch über den „Brief aus Kenia“. Es war auch möglich, sich am Nachmittag ganz in die Stille zurückzuziehen.
Frère Alois, für den dieses Treffen zugleich ein Besuch in seiner Heimatstadt war, sprach bei den Abendgebeten. Er sagte unter anderem: „Gerne denke ich an meine Kindheit und Jugend in den fünfziger und sechziger Jahren zurück. Die Kirchengemeinde wurde bald ein Ort, wo ich Freundschaft erlebte. Als Kinder spielten wir dort Fußball, trafen uns zu Gruppenstunden, hatten eine lebendige Jugendarbeit. Damals, nach dem Zweiten Weltkrieg, standen noch viele Häuser in Ruinen, in denen wir spielten.
Ja, es fällt vielen heute schwer, an Gott zu glauben. Die Existenz Gottes wird oft als Einschränkung unserer Freiheit gesehen oder Gott wird einfach vergessen. Nicht wenige haben den Eindruck, dass man auf sich allein gestellt kämpfen muss, wenn man es im Leben zu etwas bringen will, wenn man glücklich werden will. Es mag für sie Gott geben, aber dass er hier und heute gegenwärtig ist, scheint vielen unfassbar.
Die Liebe Gottes ist stärker als Gewalt und Tod. Im Vertrauen auf seine Nähe können wir in unserem Leben Verantwortung übernehmen. Jedem stellt sich die Frage: Was kann ich ausrichten, angesichts von Armut, wachsender Einsamkeit, angesichts von Misstrauen und Ungerechtigkeiten zwischen einzelnen und ganzen Völkern?
Jede und jeder von uns, gleich in welcher Lage, kann zu einer Kultur beitragen, die tiefer geprägt ist von Vertrauen als von Misstrauen. Die Welt wird nicht so sehr durch Aufsehen erregende Aktionen verändert, als durch die alltägliche Ausdauer gütiger Menschen.“
Das Treffen wurde im Frühjahr und Sommer jede Woche bei den Jugendtreffen in Taizé besprochen. Viele leisteten einen Beitrag, viele sagten es in ihrer nächsten Umgebung weiter und besuchten im Vorfeld ihnen bis dahin unbekannte Orte und Gruppen. Aber der Schwerpunkt der Vorbereitung bstand darin, ab Mitte September mehr als 40 Schulen zu besuchen, um vom bevorstehenden Treffen zu informieren.
Franziska war vor dem Treffen fünf Tage in der Stadt unterwegs und hat viele Besuche an verschiedenen Schulen gemacht, aber auch anderswo: „Alle Menschen, die ich während der Tage oder auch nur für kurze Momente kennengelernt habe, waren außerordentlich offen, freundlich, kooperativ, und so hatte ich den Eindruck, andere zu begeistern“, fasst sie ihre Erfahrungen zusammen. „Einige von den Gruppenleitern und Lehrern konnten sich noch an das Europäische Jugendtreffen in Stuttgart zur Jahreswende 1996/97 erinnern. Von den Schülern, die ich besuchte, haben viele noch nie von Taizé gehört. Sie hatten eine Menge Fragen. Wirklich gute Erfahrungen konnte ich im bunt zusammengewürfelten Ethik-Unterricht in einer 10. Klasse an einem Gymnasium in der Nähe von Stuttgart machen. Was die Schüler erstaunlich und zugleich so beeindruckend fanden, war der Aspekt der Gemeinschaft in Taizé, nämlich während den Wochentreffen den Tag gemeinsam in Gebeten, der Stille und im Austausch mit so vielen anderen verschiedenen Menschen zu teilen. Die Klassen eines evangelischen Gymnasium in der Innenstadt waren auch sehr interessiert und unter anderem davon beeindruckt, wie Ökumene in Taizé gelebt wird. Da manche auch kein Interesse zeigten, freute ich mich um so mehr über alle, die sich von meinen Worten in irgendeiner Weise angesprochen zeigten. Meine Tage waren ziemlich voll mit Terminen, so wie ich es wollte. Wie schön, anderen etwas von den eigenen Erfahrungen weitergeben zu können!“
Der Tag wurde mitgetragen von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, dem evangelischen Kirchenkreis Stuttgart, der katholischen Diözese Rottenburg-Stuttgart, der katholischen Kirche in Stuttgart, dem Bund der katholischen Jugend, dem Evangelischen Jugendwerk in Württemberg, dem Christlichen Verein Junger Menschen, der Evangelischen Jugend Stuttgart, den Pfadfindern und der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen Stuttgart. Sie alle ermutigten und unterstützten die Jugendlichen.


