Drei Monate in Haiti

Department von Nippes, Diözese Anse à Veau, Maragoâne: Paradoxes

Einer der Brüder der Communauté, die in Brasilien leben, verbrachte jüngst drei Monate in Haiti:

Das Wasser der Karibik umspült diesen Teil der Insel, dessen Berge mit den baumlosen Abhängen unwegsames Gelände sind und nur wenig Raum für die Landwirtschaft lassen. Vor dreißig oder vierzig Jahren war Maragoâne, Verwaltungszentrum mit über 50.000 Einwohnern, der schönste Teil des Landes. Heute kämpfen die Menschen mit andauernder Wasserknappheit und Stromausfällen, dem Müll überall und der Desorganisation des öffentlichen Lebens. Das Land verdankt sein Überleben den humanitären Hilfstransporten, die hauptsächlich auf dem Seeweg hierher gelangen. Das Hinterland ist felsig und hügelig. Nur die Ziegen finden in den Überresten der Stadt noch etwas Brauchbares.

In den Einkaufstraßen der Unterstadt bieten Händler ihre Waren an: Kleidung, Schuhe und Elektrogeräte sind an allen möglichen Plätzen ausgelegt. Fertige Mahlzeiten werden zu jeder Tageszeit verkauft. Ein Hauch von Anarchie liegt in der Luft; als Kontrast dazu: die Militärfahrzeuge der Vereinten Nationen und die brandneuen Lastfahrzeuge der internationalen Hilfsorganisationen.

Ein Weißer, der zu Fuß unterwegs ist, wird für die Einheimischen, die auf der Straße leben, schnell zur Attraktion. Die Kinder nehmen schnell Kontakt auf und mit Umarmungen wird nicht gespart.

Mit seiner Einladung eines Bruders der Communauté nach Haiti möchte Bischof Pierre Dumas den Kontakt zwischen Haiti und Taizé aufrechterhalten. Letzten Sommer hatte er mehrere Jugendliche nach Taizé geschickt und damit trägt ihr Kommen Früchte. Zusammen haben wir uns daran gemacht, eine „Seelsorge für Kleinkinder“ aufzubauen, nach dem Vorbild von Zilda Arns, die in Brasilien damit die Kindersterblichkeit verringern und die Gesundheit der Mütter schützen wollte. Diese mutige Frau war hier beim Erdbeben im Januar 2010 ums Leben gekommen, als sie in Port-au-Prince eine Konferenz gab.

Mit der Zeit machte ich im Zusammenleben mit den ärmsten Menschen hier eine Entdeckung. Der Prophet Jesaja (50,4) zeigt mir einen Weg, auf den ich immer wieder zurückkomme: Gott, der Herr, gab mir die Zunge eines Jüngers, damit ich verstehe die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort. Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich auf ihn höre wie ein Jünger.

Sich jeden Morgen neu von diesem Wort weisen zu lassen, um ein Wort oder eine Geste zu finden, die denen Mut macht, die meinen nicht mehr weitergehen zu können: es ist der Weg des Gehorsams, der Demut und Hingabe, auf dem ich den Männern und Frauen Hilfe und Aufmerksamkeit schenken konnte, die vom Leid ausgebrannt waren. Plötzliche leuchteten ihre Augen und ohne es zu merken waren sie es, die zu einem weisenden Wort wurden, der lebendige Christus, Sakrament, das sich mir schenkt.

Das Paradox des Ostergeheimnisses: ich kümmere mich um Menschen, die am Ende ihrer Kraft sind, und diese, der Leib Christi, schenken sich mir. Ich bin von Freude erfüllt und kann die Tränen nicht zurückhalten. Ich bin überwältigt von dem Gedanken, dass seine Gnade mich verändern kann, genau dort, wo ich es niemals geahnt hätte. Könnte ich diese Freude für mich behalten?

Printed from: http://www.taize.fr/de_article12568.html - 24 May 2019
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