Juni 2012

Reisetagebuch

Hier einige Auszüge aus dem Tagebuch eines Bruders der Communauté, der soeben aus Ruanda zurückgekehrt ist:

Freitag, 1. Juni: Im Jugendzentrum von Gatenga finden wir unser kleines Paradies in Ruanda wieder: Ein kleiner Teich, Bananenstauden, das Backsteinhaus und der immer freundliche Pater Camiel. Die Straße hinter „unserem“ Hause ist im Bau. Sie soll geteert werden. Ein Glück für das Treffen im November! Aber im Augenblick ist es noch recht staubig...

Zwischen zwei Bauzäunen hindurch, hinter denen neue Einkaufszentren entstehen, kommt man zum Busbahnhof. Hinter dem Rücken der Polizisten und der städtischen Beamten wird hier Kleidung, Lederwaren, DVDs und alles Mögliche feilgeboten. Auch Bettler haben in diesem Durchgang, durch den alle Reisenden hindurch müssen, einen Unterschlupf gefunden. Die unglaubliche Anpassungsfähigkeit ist vielleicht das wirklich Afrikanische unter all den futuristischen Erscheinungen im „Ruanda 2020“.
„Die Leute sind nicht sehr gefestigt, sie hungern danach, mehr über die Bibel und das Gebet zu erfahren. In Uganda und Kenia ist man, was das Gebet betrifft, schon weiter!“ sagt der anglikanische Pfarrer Eugen in Kibagabaga.

„Was soll ich damit, wenn ich nicht lesen kann?“ meint ein Mädchen, als wir die Zettel mit den Themen und Fragen zum gemeinsamen Nachdenken verteilen. Kanzi ist die zweitälteste Kirchengemeinde in der Diözese Butare in Ruanda, und die neuntälteste im Land. Sie war vor über hundert Jahren gegründet worden. Fünf Schulen befinden sich auf ihrem Gemeindegebiet. 80% der Bevölkerung ist katholisch. „Aber die Jugendlichen sind schwierig. Manche wollen die Oberschule nicht zu Ende machen. Die Eltern wagen es nicht, sie zur Feldarbeit zu schicken. Sie haben nicht einmal genug Antrieb, um sich ein Huhn oder Kaninchen zu halten und etwas Eigenes anzufangen!“ meint Pfarrer Eric.

Freitag, 15. Juni: Gedenkfeier für die Opfer des Massenmords, die für die Diözese gearbeitet hatten. Eine violette Fahne wird vorausgetragen, die Angestellten ziehen singend in Richtung Dom zur Trauerfeier. „Wir wollten euch eigentlich unsere Trommeln vorführen und die traditionellen Tänze zeigen, aber das würde die Feier in der Nachbarschaft stören ", sagt der Gruppenleiter.

Den ganzen Weg nach Kigali entlang versammeln sich Menschen an verschiedenen Gedenkstätten, wo Opfer begraben sind. Zelte sind aufgestellt, offizielle Reden werden gehalten oder Zeugnisse gegeben; man besucht die Gräber. Von April bis Juni finden solche Gedenkfeiern im ganzen Land statt.

Mittwoch, 20. Juni: „Unser Ökonom hat mich aufgehalten“, entschuldigt sich Pater Cäsar zu Beginn unserer Fahrt in seinem kleinen Suzuki Allradwagen, der kaum schneller als 30km/h fährt. So kann man die Landschaft genießen: Eukalyptuswälder, Reisfelder und Bananen...

Wir kommen mit einer Stunde Verspätung nach Kirehe, wo er Pfarrer ist. Auch hier ist alles wie für eine Konferenz vorbereitet: ein Tisch steht auf der Bühne, die Jugendlichen sitzen in Reih und Glied da. „Wir sind bereit, Ihre Botschaft und alles, was Sie uns sagen wollen, zu vernehmen.“ Da ist es schwer zu erklären, dass ich lieber den Jugendlichen Fragen stellen und ihre Erfahrungen hören würde. „Wie viel Zeit haben wir?“ „So viel Sie wollen!“ Doch in Wirklichkeit müssen wir die Jugendlichen nach einer Stunde entlassen. Sie sind glücklich, in ein paar Minuten von den wichtigsten Ereignissen der letzten Wochen zu erzählen. Einer nach dem anderen steht auf und erzählt aus seinem Leben: Saïd, ein muslimischer Junge berichtet, wie Schüler Solidaritätskampagnen durchführen: „Für die Opfer des Erdbebens in Haiti musste jeder 50 ruandische Francs mitbringen; für die Opfer der Dürre in Somalia haben wir Bohnen gesammelt.“ Gemeindliche und diözesane Foren sind für etliche Jugendliche Etappen auf ihrem Weg. Gaston leitet einen Chor. Gentil ist Lehrer an der Schule nebenan. Die jungen Lehrer leiten einen Schülerclub: Einheit und Versöhnung, Kampf gegen Aids, Kampf gegen die Völkermordideologie, Umweltschutz. Fulgence beteiligt sich an einer Gruppe, die sich für Versöhnung einsetzt. „Wir beten, dass die Menschen von Hass frei werden. Wir versuchen, in brüderlicher Liebe zusammenzuleben."

Sonntag, 24. Juni: Um nicht zu spät zur 7-Uhr-Messe nach Kamonyi zu kommen, müssen wir um halb fünf aufbrechen. Viateur, der Jugendkoordinator der Diözese Kabgayi, ist mitgekommen und erklärt nun den aufmerksam zuhörenden Gemeindemitglieder unser Projekt. Ältere Menschen gibt es in Ruanda kaum, sogar in der Kirche, und es ist beeindruckend, ihnen zum Beispiel bei der Kommunionausteilung in die Augen zu sehen. Zweistündiges Treffen mit den Jugendlichen, während sich die große Kirche für die zweite Messe füllt.

Mittwoch, 27. Juni: Sitzung der Jugendverantwortlichen der Gemeinde von Kabgayi: Eine gute Gelegenheit, um den Jugendpfarrern und ihren Mitarbeitern für ihre Hilfe bei den Besuchen in den Gemeinden zu danken und zusammen mit ihnen zu überlegen, wie es mit der Jugendarbeit weitergehen kann. „Bei unseren Besuchen hat uns vor allem die Verfügbarkeit der Leute, ihr Wohlwollen und Einsatz beeindruckt. Eine schöne pastorale Herausforderung liegt vor euch. Wo sich die Gesellschaft und das Leben der Leute so tiefgreifend verändert, lässt Gott neue Äste am großen Baum des Glaubens in Ruanda wachsen.“

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