Frère Alois 2013

Vier Vorschläge, um die Quellen des Vertrauens auf Gott freizulegen

Der im letzten Jahr in Berlin veröffentlichte Brief „Auf dem Weg zu einer neuen Solidarität“ wird unsere Suche auch in den nächsten drei Jahren begleiten. Wir gehen 2013 besonders der Frage nach, wie wir „die Quellen des Vertrauens auf Gott freilegen“ können. Das „Jahr des Glaubens“, zu dem Papst Benedikt aufgerufen hat, weist in dieselbe Richtung. Hier vier Vorschläge, um diesen Weg weiterzugehen.

Erster Vorschlag - Mit anderen über unseren Weg im Glauben sprechen


Worin besteht der Sinn unseres Lebens? Wie stehen wir Leid und Tod gegenüber? Was schenkt uns Freude am Leben?

Auf diese Fragen muss jeder Mensch und jede neue Generation Antworten finden!

Diese Antworten können nicht in vorgefertigten Formeln bestehen.

„Und wenn es Gott gäbe... ?“ Die Frage nach Gott ist nicht aus dem Blickfeld verschwunden, aber sie stellt sich heute auf eine ganz andere Weise.

Dass in unserer Zeit die Individualität von zentraler Bedeutung ist, hat die gute Seite, dass dadurch der Wert der menschlichen Person, ihre Freiheit und ihre Autonomie hervorgehoben werden.

Selbst in Gesellschaften, in denen Religion eine große Rolle spielt, ist das Vertrauen auf Gott immer weniger selbstverständlich, es setzt eine persönliche Entscheidung voraus.

„Gott wohnt in unzugänglichem Licht. Kein Mensch hat ihn je gesehen noch kann ihn sehen.“ (1 Timotheus 6,16). Diese Worte des Apostels Paulus sind sehr aktuell. Was folgt aus ihnen?

Machen wir uns gemeinsam auf die Suche, sprechen wir mit anderen darüber, mit Glaubenden, mit Agnostikern oder Atheisten! Die Grenze zwischen Glauben und Zweifel geht sowohl mitten durch Glaubende wie durch Nichtglaubende.

Wenn Menschen, die Gott suchen, ihren Glauben nicht so bestimmt zum Ausdruck bringen, bedeutet dies nicht, dass ihr Glaube schwächer wäre, sondern dass sie einen sehr ausgeprägten Sinn für die Transzendenz Gottes haben. Sie weigern sich, Gott in Begriffe zu pressen.

Wenn kein Mensch ihn sehen kann, wie konnten dann die ersten Christen behaupten, dass wir in Jesus Gott sehen? „Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes“, schreibt Paulus an einer anderen Stelle (Kolosser 1,15).

Jesus ist mit Gott eins, er ist wahrer Gott und wahrer Mensch, ohne Trennung oder Vermischung. Wie viel wurde im Laufe der Geschichte um den Sinn dieser paradoxen Ausdrücke des Geheimnisses Gottes gerungen! Sie nehmen es uns nicht ab, uns selbst auf die Suche zu machen, aber sie stecken den Weg ab.

Jesus zeigt durch sein ganzes Wesen und seine Taten, dass Gott die Liebe ist, er offenbart das Herz Gottes. Gott ist nicht willkürliche Macht, sondern der, der uns liebt.

Die frühen Christen haben dafür Zeugnis abgelegt, dass Jesu von den Toten auferstanden ist, dass er in Gott ist. Und er legt das Leben Gottes selbst wie einen Schatz in das Herz derer, denen er begegnet. Und auch dieser Schatz ist eine persönliche Gegenwart und heißt „Heiliger Geist“, er tröstet und macht Mut.

Die Namen „Vater“, „Sohn“ und „Heiliger Geist“ weisen darauf hin, dass Gott Gemeinschaft, Beziehungen, Dialog, Liebe ist..., die so weit gehen, dass die drei eins sind. Dieses Paradox des christlichen Glaubens ist so groß, dass wir unmöglich jemals über die Wahrheit verfügen können.


Zweiter Vorschlag - Danach suchen, wo wir Christus begegnen können


Jesus hat keine Theorie gelehrt, er hat ein Leben geführt, das dem unseren gleich war und sich nur darin unterschied, dass in ihm die Liebe Gottes ohne Schatten leuchtete.

Aber bereits zu seinen Lebzeiten haben ihm viele misstraut: „Er ist von Sinnen“ (Markus 3,21), „er stellt sich Gott gleich“ (Johannes 5,18).

Niemand ist gezwungen, an ihn zu glauben. Dennoch ist der Glaube ein Akt der Vernunft, nicht nur ein Gefühl: Man kann sich bewusst für den Glauben an Christus entscheiden.

Was macht Jesus glaubwürdig? Warum folgen ihm seit 2000 Jahren so viele Menschen nach? Liegt der Grund dafür nicht in seiner Demut? Er hat niemandem etwas aufgedrängt. Er ist lediglich auf alle zugegangen, um zu sagen, dass Gott ihnen nahe ist.

Er hat all denen vertraut, denen die Gesellschaft ihr Vertrauen verweigert hat. Er hat ihnen ihre Würde zurückgegeben. Er hat es hingenommen, selbst verachtet und gemieden zu werden, um keinen Zweifel daran aufkommen zu lassen, dass Gott die Armen und Ausgeschlossenen liebt.

Wir können Christus begegnen, indem wir das Evangelium lesen, das sein Leben beschreibt. Bis heute stellt er uns die Frage: „Für wen hältst du mich?“ (vgl. Matthäus 16,15) Und er hat gesagt, dass er sich in der Eucharistie uns schenkt.

Wir können ihn in der Gemeinschaft derer finden, die an ihn glauben, wenn die Gemeinden unserer Kirchen offene Orte der Gemeinschaft sind.

Wir werden im nächsten Jahr nach konkreten Schritten suchen, um dazu beizutragen, dass die sichtbare Gemeinschaft all derer, die Christus lieben, Gestalt annimmt.

Wir begegnen ihm in den Ärmsten: Er hat sie in besonderer Weise geliebt.

„Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25,40); im Hinblick auf die Versammlung im Jahr 2015 möchten wir die Wahrheit dieser Worte Christi erfahren.

Wir können ihm begegnen, wenn wir auf seine Zeugen blicken, die sich auf ihn stützen.

Besuchen wir – alleine oder mit anderen – jemanden, eine Frau oder einen Mann, dessen Leben sich durch die Begegnung mit Christus verändert hat, und sprechen wir darüber.

Oder lesen wir zusammen die Lebensgeschichte eines Zeugen des Glaubens: Franz von Assisi, Josephine Bakhita, Dietrich Bonhoeffer, Mutter Teresa, Oscar Romero, Alexander Men, und viele andere.

Sie waren sehr verschieden voneinander, jeder hatte unverwechselbare Gaben. Es geht nicht darum, sie nachzumachen, sondern zu sehen, wie der Glaube an Christus sie verwandelt hat.

Sie hatten Fehler, aber sie haben alle im Gebet mit Gott gesprochen, auch wenn einige von ihnen innere Nächte durchgemacht haben. Die Freundschaft mit Christus hat sie befreit, so konnte sich das Beste in ihnen entfalten.


Dritter Vorschlag - Nach Wegen suche, uns auf Gott zu stützen


An Gott zu glauben und ihm unser Vertrauen zu schenken heißt, sich auf ihn zu stützen. Zu glauben bedeutet nicht, alles erklären zu können oder ein leichteres Leben zu haben, sondern inneren Halt zu finden, um aufzubrechen.

So hängen wir nicht mehr von unseren Erfolgen oder Misserfolgen, und damit letztlich von uns selbst ab, sondern von einem Anderen, der uns liebt.

Kein Mensch kann ohne etwas leben, das ihm Halt gibt. In diesem Sinne glaubt jeder Mensch an etwas. Jesus lädt uns ein, uns auf Gott zu stützen, so wie er selbst und weil er selbst es getan hat. Er hat uns gelehrt zu beten „Vater unser im Himmel.“

Stille Anbetung nährt unser Nachdenken und unseren Verstand. Aber mehr noch: Sie stellt uns vor das und in das Geheimnis Gottes.

Sich „Sabbatzeiten“ einrichten, in denen wir innehalten und nichts tun; etwas von seiner Zeit opfern und eine Kirche in der Nähe jede Woche für zwei Stunden aufschließen; mit anderen beten, jede Woche zusammen mit den Christen vor Ort des Todes und der Auferstehung Christi gedenken... durch all das kann Gott in unser tägliches Leben einziehen.

Jeder Mensch hat ein inneres Leben, mit Licht und Schatten, Freude und Angst, Vertrauen und Zweifel. In ihm können erstaunliche Aufbrüche geschehen.

Wenn wir uns geliebt wissen oder selbst lieben, wenn wir Freundschaft leben, wenn die Schönheit der Schöpfung oder der menschlichen Kreativität uns berühren, dann geht uns auf, wie schön das Leben ist. Diese Momente können uns überraschen, manchmal sogar mitten im Leid, sie sind wie ein Licht, das von woanders herkommt.

Wir können darin mit ganz einfachem Herzen die Gegenwart des Heiligen Geistes in unserem Leben sehen.

In einer Zeit, in der viele Menschen in ihrem Leben die Erfahrung von Brüchen und unerwarteten Veränderungen machen, kann die Beziehung zu Christus Kontinuität und Sinn verleihen.

Der Glaube löst nicht alle unsere inneren Widersprüche auf, aber der Heilige Geist macht uns fähig zu einem Leben in Freude und Liebe.


Vierter Vorschlag - Uns ohne Angst der Zukunft und den Anderen öffnen


Überzeugt sein im Glauben verschließt uns nicht in uns selbst. Das Vertrauen auf Christus öffnet uns dafür, der Zukunft und den Anderen zu vertrauen. Es bewegt uns dazu, uns den Problemen des Lebens und der Zeit mutig zu stellen.

Der Glaube ist wie ein Anker, der uns in der Zukunft Gottes festmacht, im auferstandenen Christus. Der Glaube verbindet uns mit ihm auf untrennbare Weise. Das Evangelium erlaubt uns kein Spekulieren über das Leben nach dem Tod, sondern schenkt uns die Hoffnung, dass wir Christus sehen werden, der schon jetzt unser Leben ist.

Der Glaube nimmt uns nach und nach die Angst vor der Zukunft und vor anderen Menschen.

Das Vertrauen des Glaubens hat nichts mit Naivität zu tun. Es ist sich des Bösen bewusst, das es in der Menschheit und sogar in unserem eigenen Herzen gibt. Aber es vergisst nicht, dass Christus für alle gekommen ist.

Das Vertrauen auf Gott lässt uns die anderen, die Welt, die Zukunft mit einem neuen Blick sehen, mit einem Blick voll Dankbarkeit und Hoffnung, einem Blick für das Schöne.

Das Vertrauen auf Gott setzt in uns schöpferische Kräfte frei.

So können wir die Worte Gregors von Nazianz aus dem 4. Jahrhundert singen: „O du, jenseits von allem, welcher Geist kann dich fassen? Alle Wesen preisen dich, alle sehnen sich nach dir.“

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