Pilgerweg des Vertrauens in den USA

Taizé im „Wilden Westen“

075. Taizé im „Wilden Westen“

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Wie lassen wir uns von Menschen aufnehmen, die so verschieden von uns zu sein scheinen, um Bande der Freundschaft und der Solidarität zu knüpfen, obwohl die Vergangenheit von gegenseitiger Ausbeutung, Gewalt und Misstrauen geprägt war? Um eine Antwort auf diese Frage zu geben, fand vom 24. bis 27. Mai 2013 auf dem Red Shirt Hochplateau im Pine Ridge Reservat der Lakota-Indianer in Süd-Dakota (USA) eine Etappe des Pilgerwegs des Vertrauens statt. Das Wochenende brachte mehr als 500 Pilger aus ganz Nordamerika und darüber hinaus aus Finnland, Deutschland, Frankreich und Österreich zusammen. Diesen Pilgern schlossen sich viele Indianer und Einheimische aus der Gegend an. Alle sieben Indianer-Reservate im US-Bundesstaat Süd-Dakota waren vertreten.

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Das Treffen in Pine Ridge war die Frucht mehrerer Jahre gegenseitiger Besuche zwischen Süd-Dakota und Taizé. Im Dezember letzten Jahres nahm eine größere Gruppe Jugendlicher aus Süd-Dakota, indianischer und anderer Abstammung, am Europäischen Treffen in Rom teil. Allmählich wuchs Vertrauen und der Traum wurde Wirklichkeit, einmal im Pine Ridge Reservat etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Die Familie Two-Bulls aus Red Shirt wollte Pilger bei sich aufnehmen. Im April fuhren zwei Brüder der Communauté nach Süd-Dakota, um mit den Menschen dort zu leben; weitere Brüder kamen später nach. Anfang Mai begannen Brüder und Jugendliche in drei Gruppen einen Pilgerweg durch den Bundesstaat, von Kirche zu Kirche, durch die Reservate und Städte, mit gemeinsamen Abendgebeten und Begegnungen.

Zur Vorbereitung des Treffens hatten sich Menschen aus verschiedenen Konfessionen und Kirchen zusammengetan. Die Episkopalkirche ist im Reservat selbst und unter den Lakota seit jeher sehr aktiv; ohne die Unterstützung ihres Bischofs wäre das Treffen nicht möglich gewesen. Die Brüder wurden auch von einer Gemeinschaft von Jesuiten sehr herzlich aufgenommen, die eine Schule in Red Cloud leiten und bei denen sie wohnen konnten. Auch der katholische Bischof von Rapid City nahm am Treffen teil. Die evangelisch-lutherischen und presbyterianischen Rüstzeithäuser, sowie eine kleinere Gemeinschaft in Rapid City, haben die Freiwilligen während der Vorbereitungszeit bei sich untergebracht. Aber auch Kirchengemeinden, Familien und viele Einzelpersonen haben unter großem Einsatz ihrer Zeit und Energie zum Gelingen des Treffens beigetragen.

Die Beziehungen zwischen den Indianern und den übrigen Bewohnern dieser Region der Vereinigten Staaten sind aufgrund der komplizierten Geschichte nicht ohne Probleme. Vorurteile gibt es bis heute zuhauf. Im Crow Creek Reservat sagte jemand: „Eine kirchliche Gruppe hat vor ein paar Jahren einen Text zu diesem Thema geschrieben, in dem sie uns als „arme Leute“ bezeichneten. Für uns war das ein Schock, weil wir uns bislang nie für arm gehalten haben. In unserer Kultur hat man Wohlstand nie mit Geld gemessen. Wir haben eine reiche Kultur und können viel miteinander teilen.“ Eine Frau aus Pine Ridge, die in ihrer Ortsgemeinde eine wahre Säule der Hoffnung darstellt, sagte einem der Brüder: „Dass man uns so respektlos begegnet, wird nicht von heute auf morgen aufhören. Es wird noch Jahre dauern. Wir müssen das hinnehmen und daran arbeiten.“

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Touristen, Kirchengruppen oder karitative Organisationen, die helfen möchten, kommen oft ins Reservat. Aber sich von den Menschen dort einfach aufnehmen zu lassen, ihr Leben zu teilen und ihre Lage besser kennenzulernen, hat anscheinend noch niemand versucht. Es mag überraschen, aber die Oglala-Sioux haben diese Idee sofort verstanden und ihre Verantwortlichen unterstützten das Treffen. Das ging soweit, dass sie zur Verpflegung der Teilnehmer zwei Büffel schlachten ließen, wodurch wir das ganze Wochenende zu Essen hatten. Ein Teilnehmer aus Kanada bedankte sich bei seiner Gastfamilie mit den Worten: „Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen in unsere guten Absichten. So oft haben Menschen mit guten Absichten noch größeres Leid verursacht. Danke, dass ihr es noch einmal gewagt habt zu vertrauen, trotz unserer gemeinsamen Vergangenheit!“

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Das Treffen selbst lief nicht anders ab als andere Treffen des Pilgerwegs des Vertrauens, jedoch unter Berücksichtigung der örtlichen Gegebenheiten. Die Teilnehmer schliefen in Zelten und die gemeinsamen Gebete fanden dreimal am Tag in einem von der Natur gestalteten Amphitheater unter freiem Himmel statt. Am Samstag gab es zwei Bibeleinführungen und Gespräche in kleinen Gruppen sowie ein Dutzend verschiedener Thementreffen. Am Sonntag nahmen die Teilnehmer an den Gottesdiensten in den umliegenden Gemeinden teil und unternahmen am Nachmittag Fahrten an vier verschiedene Orte. Die größte Gruppe fuhr nach „Wounded Knee“, wo 1890 das schreckliche Massaker geschah und es in den 1970er Jahren zu schweren Protesten kam. Ein Team Jugendlicher verschiedener Herkunft hatte hier eine Zeit des stillen Gebets vorbereitet. An den Abenden fanden jeweils Gruppentreffen in einem großen Zelt statt, bei denen auch Verantwortliche der Lakota und Frère Alois sprachen, sowie Präsentationen der Lakota Kultur gezeigt wurden. An einem Abend überreichte Frère Alois eine Tonvase aus Taizé, die ausschließlich aus örtlichen Materialien aus Burgund hergestellt worden war. Er sagte: „Wir wollten Ihnen ein Tongefäß aus unserem Land für Ihr Land mitbringen, aber das Gefäß ist leer – Sie müssen es füllen. Wir sind nicht hier, um eine Botschaft zu überbringen oder gute Ratschläge zu erteilen. Wir wollen die Gaben jedes einzelnen von uns miteinander teilen und Ihnen zuhören, um auf diese Weise eine Beziehung entstehen zu lassen.“

Wir hoffen, dass die entstandenen Beziehungen in den kommenden Monaten und Jahren weitergehen werden; eine Gruppe ist dort schon dabei, einen Gegenbesuch in Taizé vorzubereiten.

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Printed from: http://www.taize.fr/de_article15342.html - 18 October 2017
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