Den Jugendlichen in Europa zuhören

Auf dieser Seite sollen konkrete Initiativen der Solidarität von Schülern, Studenten, jungen Berufstätigen - sowohl in der Kirche als auch darüber hinaus - vorgestellt werden. Wer von einer konkreten Erfahrung berichten kann, möchte bitte an echoes taize.fr schreiben.

Edinburgh - Community Gardeners in Granton

Granton ist ein Stadtteil von Edinburgh, in dem es auf den ersten Blick nur Wohnblocks gibt und, wie einer der Bewohner sagt, sich die Leute nur zwischen der Bushaltestelle und ihrer Eingangstür bewegen. Bei der Planung des Stadtteils wurden an jeder Straßenecke kleine Grünstreifen angelegt, die eingezäunt und nach und nach zugemüllt wurden.

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Vor vier Jahren begannen zwei Freunde damit, allen Anwohnern Zettel mit folgender Frage unter der Tür durchzuschieben: Sollten wir nicht etwas mit diesen kleinen Grünstreifen anfangen? Zwar war niemand dagegen, aber die Mehrzahl der Antworten lautete, dass jeder Versuch zwecklos wäre und würde doch nur wieder Abfall dort hingeworfen werden.

Die beiden Freunde waren entmutigt, verteilten allerdings doch noch einen zweiten Zettel, auf dem es hieß: Am nächsten Samstagvormittag sind alle eingeladen, mit Spaten und sonstigen Gartenwerkzeugen zu kommen. Tom und sein Freund hofften, dass wenigstens eine Handvoll Personen erscheinen würden und sie nicht mehr ganz allein wären mit der Idee, die Gegend schöner zu machen. An besagtem Samstag war schönes Wetter und fast 30 Menschen kamen; eine der Straßenecken wurde komplett umgegraben und bepflanzt!

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Working on one of the gardens in Granton, Edinburgh

Bei der Gartenarbeit in Granton, Edinburgh

Daraufhin boten sich Nachbarn vom anderen Straßenende an, an ihrer Ecke einen Garten anzulegen. Seither beteiligen sich immer mehr Menschen an der Aktion und es kommen ständig mehr Gärten hinzu. Mittlerweile gibt es fünf solcher Anlagen und 60 Personen beteiligen sich aktiv. Ziel ist es, soviel Gemüse wie möglich in Granton anzubauen, wo die Zahl der Familien, die auf Lebensmittelhilfen angewiesen sind, dramatisch steigt. Was geerntet wird, teilen sich die Freiwilligen untereinander oder kochen damit gemeinsame Mahlzeiten, zu denen immer mehr Leute kommen.

Bei einem Treffen, das vor Kurzem in Edinburgh stattfand, erzählte Tom davon, dass sich immer mehr Menschen dafür interessieren, sich um ihre Umwelt zu kümmern, Menschen Heilung zu verschaffen und Gemeinschaft zu stiften – all dies scheint miteinander zu tun zu haben:

„Jeder von uns hat bei der gemeinsamen Arbeit neue Freunde gefunden. Manche sprachen davon, wie ihnen diese Beschäftigung geholfen hat, mit ihrem Stress, ihren Depressionen und sogar mit chronischen Schmerzen fertig zu werden. Einige Anwohner sprachen von ihrem Eindruck, ‚dass die Atmosphäre in der Straße sich geändert habe‘, und kleine Oasen der Artenvielfalt entstanden sind, wo vorher nur Wüste aus Rasen, Dächern und Beton war.“

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Es geht nicht alles ohne Reibereien ab, aber die Menschen haben – wie viele andere auf der Welt – eine Würde und Genugtuung darin gefunden, etwas zur Ernährung ihrer Familien und Freunde mit dem beitragen zu können, was auf ihrem eigenen Grund und Boden wächst. Tom meinte: „Meistens werden wir nur als Konsumenten bezeichnet, die nur dazu da sind zu verbrauchen. Die Gelegenheit, selbst etwas hervorzubringen, gibt einem den Geschmack von etwas sowohl politisch als auch geistlich Anderem.“

Granton Community Gardeners [https://www.facebook.com/grantoncommunitygardeners]


Huelva - Eine Erfahrung der Solidarität in Südspanien

Pierre, ein junger Freiwilliger aus Frankreich, schrieb diesen Bericht, nachdem er im Frühjahr diesen Jahres zusammen mit Andrea, einem jungen Italiener, einige Zeit in der südspanischen Provinz Huelva gelebt hat.

Ein Monat in Isla Cristina, einer Kleinstadt mit 20.000 Einwohnern, war eine erstaunliche Erfahrung. Huelva ist die Provinz Spaniens mit den größten wirtschaftlichen Problemen, der höchsten Arbeitslosigkeit und der höchsten Schulabbrecherquote in ganz Europa.

Was sollten wir – zwei junge Freiwillige aus Italien und Frankreich sowie ein spanischer Bruder von Taizé – dort eigentlich? Wir wollten ganz einfach ein Stück unseres Lebens mit den Menschen teilen, die an der äußersten Südspitze Europas leben, dort wo man die Sonne, aber auch menschliche Not und verborgene Sorgen findet. Wir kamen mit leeren Händen und wollten einfach nur da sein, in Solidarität und Gebet mit den Menschen leben, die oft große Sorgen haben. Uns war bewusst, dass wir sehr wenig ausrichten konnten…

Bei der „Caritas“ haben wir Lebensmittelpakete gepackt, Menschen beim Nachhausetragen geholfen… Türen aufgemacht… nur ganz einfache Dinge, mit denen wir auf andere Menschen zugingen, ihnen zuhörten und Aufmerksamkeit schenken… man sieht die Armut nicht sofort, wenn man durch die Straßen geht, aber bei der Caritas haben wir die Menschen getroffen, die auf materielle Hilfe angewiesen sind, auf etwas zu essen und Geld, um die Stromrechnung zu bezahlen… Aber was sie am meisten brauchten, war, ihre eigene Würde wiederzufinden: Ich habe bis heute die Bilder von Menschen vor Augen, die mit gesenktem Kopf und Tränen in den Augen ankamen, weil sie sich schämten, um Hilfe bitten zu müssen.

Die freiwilligen Helfer, die bei der Caritas arbeiten, waren fünf ganz normale Leute, einfache Leute, die so gut sie konnten anderen in ganz verschiedenen Situationen helfen wollten. Wir hatten auch die Gelegenheit, noch andere Orte der Hoffnung aus der Nähe kennen zu lernen: „Naïm“, ein Rehabilitationszentrum für junge Drogenabhängige, oder „Puertas abiertas“ (Offene Türen), wo jeden Tag Menschen hinkommen können, die auf der Straße leben, um mit jemandem zu sprechen, einen Kaffee zu trinken, zu duschen und etwas menschliche Wärme zu erfahren.

In unserer Freizeit haben wir Schulen besucht, in die man uns eingeladen hatte, mit den Jugendlichen zu sprechen. Zuhören, miteinander sprechen, von unserem Leben zu erzählen und alle zu unserem gemeinsamen Gebet einzuladen.

Wir haben jeden Tag dreimal zusammen gebetet. Am Morgen zuhause in unserer Wohnung, wo wir aus Kartonsteigen und Geschenkpapier mit ein paar Ikonen, Kerzen und Muscheln, die wir am Strand aufgelesen hatten, in unserem Esszimmer eine wunderbare Gebetsecke eingerichtet hatten. Für das Mittags- und das Abendgebet gingen wir dann jedes Mal in eine der Kirchen der Stadt. Dort haben wir versucht, uns - so gut wir konnten - den besonderen Umständen anzupassen: eine jahrtausendealte, katholische Tradition, tief durchdrungen von der Volksfrömmigkeit; eine sehr ausgeprägte Religiosität hier in Andalusien… da genügen zur Dekoration nur ein paar Kerzen.

Wir hatten eigentlich damit gerechnet, ganz alleine zu beten, und waren sehr überrascht, dass jeden Tag mehr Menschen, Alte und Junge, mit uns gebetet haben. Die meditativen Gesänge von Taizé und die langen Momente der Stille, die weder im Gottesdienst noch im Alltag vorkommen, schienen ihnen ganz selbstverständlich. Das innige Gebet hat Menschen aus ganz verschiedenen Gruppen und Jugendbewegungen zusammengebracht und vereint. So war die Fastenzeit dieses Jahr auf einmal ganz anders als sonst. Jeden Tag brachte wieder jemand einen anderen mit…

Wir haben die ganze Zeit hindurch ganz einfach wie Brüder miteinander gelebt und die täglichen Arbeiten gemeinsam verrichtet: die Vorbereitung der täglichen Gebete, die Einkäufe und die Hausarbeit. All das neben den verschiedenen Treffen, der Arbeit und den Gebeten… und natürlich die Momente an der frischen Luft, am Strand in der Sonne spazieren gehen.

Alles in allem muss ich sagen, dass wir sehr herzlich und ausgesprochen gastfreundlich aufgenommen wurden. Dies hat uns sehr geholfen, uns zuhause zu fühlen, so als ob man die Menschen um einen herum schon seit Ewigkeiten kennen würde.


Straßburg: Studenten in ihrer schwierigen wirtschaftlichen Situation helfen

Pfarrer Thomas Wender, Jugend- und Studentenseelsorger, berichtet von einer konkreten Initiative von Studenten des Zentrums Bernanos, der Hochschulgemeinde der Universität Straßburg:

Jeden Mittwochabend gegen 18 Uhr warten auf dem Bürgersteig vor der Hochschulgemeinde manchmal bis zu 300 Studenten mit einer Einkaufstasche in der Hand. Im Inneren des Gebäudes stehen auf Tischen aufgereiht: Öl, Zucker, Mehl, Nudeln, Reis, frisches Gemüse, Konserven, Fleisch, Brot, Schokolade...

Für nur einen Euro bekommen Studenten der Universität von Straßburg, die sich in einer sehr schwierigen finanziellen Lage befinden, das Essen für die ganze Woche. Schon seit längerem wird die wirtschaftliche Situation der Studenten von Jahr zu Jahr schlechter. Viele Studenten haben nicht genügend Geld, um sich jeden Tag satt zu essen. So haben Studenten der Hochschulgemeinde zusammen mit Freunden vom Campus einen Verein gegründet, um in dieser Not zu helfen.

Am Anfang waren es noch einige wenige, die zusammen halfen, aber mittlerweile beteiligen sich auch immer mehr der bedürftigen Studenten selbst an den verschiedenen Aufgaben: Die Lebensmittel mit dem Lieferwagen abholen, sie früh am Morgen entladen, sortieren und die Verteilung vorzubereiten. Wenn es kalt wird, werden heiße Getränke verteilt, um die Wartezeit zu verkürzen.

Um einen großen Topf heißen Wassers herum entsteht Gemeinschaft. Manch einer fängt an, von sich zu erzählen, und es wird leichter, der eigenen Situation ins Auge zu sehen. Das kann einem jungen Menschen auf seiner Suche helfen. In großer Diskretion wird die Hoffnung des einen auch zur Hoffnung des anderen.

Mitten auf dem Campus findet der Aufruf, Jugendliche am Jahresende während des Europäischen Treffens in Straßburg bei sich aufzunehmen, unter den Studenten ein ganz besonderes Echo: Was man mir getan hat, tue ich für die anderen.


Printed from: http://www.taize.fr/de_article15918.html - 12 November 2019
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