Für diesen Monat

Gedanken zur Bibel

Mit den „Gedanken zur Bibel“ kann man mitten im Alltag Gott suchen. Jeder nimmt sich mit dem vorgeschlagenen Text, dem Kommentar und den Fragen eine Zeit der Stille. Danach treffen sich alle und tragen ihre Gedanken zusammen. Davor oder danach kann ein gemeinsames Gebet stehen.

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2017

Oktober

Matthäus 12,46-50: Geschwisterlichkeit

Als Jesus noch mit den Leuten redete, standen seine Mutter und seine Brüder vor dem Haus und wollten mit ihm sprechen. Da sagte jemand zu ihm: „Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir sprechen.“ Dem, der ihm das gesagt hatte, erwiderte er: „Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?“ Und er streckte die Hand über seine Jünger aus und sagte: „Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ (Matthäus 12,46-50)

Jesus sagte: „Wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ (Matthäus 12,50) Mit diesen Worten beschreibt Jesus eine beispiellose Nähe zwischen Menschen, die keine familiäre Bande eint. Es stimmt, dass wir uns durch das Gebet und den Dienst an den Schwächsten den Menschen, die wir sonst kaum kennen, sehr nahe fühlen können.

Diese Gemeinschaft ist besonders spürbar im Gebet. Wenn wir gemeinsam beten, nähern wir uns einander an. Dies gilt vor allem unter den Christen. In Taizé haben wir oft erlebt, wie durch das gemeinsame Gebet Menschen einander schätzen gelernt haben, deren Kirchen kaum etwas miteinander verbindet.

Diese Gemeinschaft entsteht auch mit Menschen, die unseren Glauben an Christus nicht teilen. Viele von uns haben dies schon einmal erlebt: Menschen, auch ohne dass sie sich auf den Vater berufen, scheinen seinen Willen zu tun, indem sie sich mit all ihrer Kraft und Liebe für ihren Nächsten einsetzen.

Diese Menschen leben die gleiche Liebe wie die Christen. Manchmal sollten wir sogar wagen, es zuzugeben, dass sie es besser tun als wir. Wir brauchen ihnen nicht abzusprechen, dass sie den Willen Gottes tun, und auch nicht mit ihnen in einen Wettstreit treten, sondern wir können diese Menschen durch unser Gebet tragen. Ohne ihre Gewissensfreiheit anzutasten, können wir durch unser Gebet der Faden sein, der – so dünn er auch sein mag – sie mit Gott verbindet.

Wenn wir versuchen zu begreifen, dass Christus sich darüber freut, wenn wir gut zusammenarbeiten, dann verstehen wir auch, dass der Heilige Geist zum Herzen jedes Menschen spricht. In den ersten Jahrhunderten der Kirche haben die christlichen Denker von „Samenkörnern des Wortes“ gesprochen, die auch die anderen Kulturen und Religionen befruchten.

Aufgrund der Globalisierung werden Ideen, Informationen, Geld und Waren mit einer noch nie dagewesenen Geschwindigkeit ausgetauscht. Dies kann uns erschrecken, vor allem, weil – im Gegensatz zu allem anderen – aus Angst vor der Migration viele Bewohner dieser Erde Grenzen nicht überschreiten können.

Die Folge ist, dass wir einander treffen, ohne uns wirklich zu begegnen. Manchmal, weil wir uns voneinander abschirmen, oft, weil schlechte Nachrichten uns trennen, am häufigsten aber, weil wir Dinge voneinander kaufen, ohne wirklich miteinander zu sprechen.

Danach zu suchen, wie der Atem Gottes seine Samenkörner in das Leben von Menschen legt, wäre eine großartige Gelegenheit, einander in Wahrheit zu begegnen, einander schätzen zu lernen, trotz der Mängel, die wir in den Kulturen und Verhaltensweisen anderer finden. Und wenn wir einander besser kennen, können wir auch das Beste im anderen finden und uns vom anderen anregen lassen, unser Verhalten dort zu ändern, wo es verändert werden muss.

Frère Alois schreibt in den Vorschlägen für das Jahr 2017: „Wenn sich Brüche auftun, laufen wir nicht weg, sondern bauen wir Brücken und beten wir für die, die uns nicht verstehen und für die, die wir nicht verstehen!“ Die Samenkörner des Wortes helfen uns, einander zu verstehen. Der Heilige Geist spricht eine Sprache des Herzens, die sich trotz unserer sprachlichen und kulturellen Barrieren verständlich macht.

Hören wir also hin, was Gott uns durch die Schönheit jeder Kultur zuflüstert. In diesen leisen Worten vernehmen wir seinen Willen, den wir allein nicht erfüllen können. Gott vertraut uns einander an. Wir sind einander Geschenk, wir sind füreinander verantwortlich. Erkennen wir also, dass wir auf dem Weg zu Gott aufeinander angewiesen sind.

- Gibt es Menschen, denen ich mich näher fühle als meiner eigenen Familie? Warum? Ist es möglich, in jedem Menschen einen Bruder oder eine Schwester zu erkennen? Was heißt das konkret?

- Wie können die christlichen Gemeinden noch mehr wie Familien zusammenleben?

- Welche Brücken können wir zu Menschen bauen, die unseren Glauben nicht teilen? Was können wir von ihnen lernen?



Weitere Bibelstellen:

Printed from: http://www.taize.fr/de_article168.html - 23 October 2017
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