Für diesen Monat

Gedanken zur Bibel

Mit den „Gedanken zur Bibel“ kann man mitten im Alltag Gott suchen. Jeder nimmt sich mit dem vorgeschlagenen Text, dem Kommentar und den Fragen eine Zeit der Stille. Danach treffen sich alle und tragen ihre Gedanken zusammen. Davor oder danach kann ein gemeinsames Gebet stehen.

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2018

Juli

Matthäus 14,13-21: Ein Fest im Angesicht des Todes

Als Jesus all das hörte, fuhr er mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein. Aber die Leute in den Städten hörten davon und gingen ihm zu Fuß nach. Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen und heilte die Kranken, die bei ihnen waren. Als es Abend wurde, kamen die Jünger zu ihm und sagten: „Der Ort ist abgelegen, und es ist schon spät geworden. Schick doch die Menschen weg, damit sie in die Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können.“ Jesus antwortete: „Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen!“ Sie sagten zu ihm: „Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische bei uns.“ Darauf antwortete er: „Bringt sie her!“ Dann ordnete er an, die Leute sollten sich ins Gras setzen. Und er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern; die Jünger aber gaben sie den Leuten, und alle aßen und wurden satt. Als die Jünger die übriggebliebenen Brotstücke einsammelten, wurden zwölf Körbe voll. Es waren etwa fünftausend Männer, die an dem Mahl teilnahmen, dazu noch Frauen und Kinder. (Matthäus 14,13-21)

Jesus hatte soeben von der Ermordung von Johannes dem Täufer, seinem Cousin, erfahren. Nach diesem Schock möchte er allein sein. Dennoch lässt er sich in seiner Trauer von den Leuten stören, die ihn um Heilung bitten. Er heilt die Menschen, sodass die Kräfte des Lebens die Traurigkeit besiegen.

Dieser Übergang vom Tod zum Leben geschieht an einer außergewöhnlichen Stelle: mitten in einem trockenen Landstrich gibt es Gras, wo man sich hinsetzen kann, um Brot und Fisch zu essen, die unentgeltlich und im Überfluss zur Verfügung stehen. Es ist ein einfaches Zeichen, kein großes Festmahl, aber schließlich nehmen etwa 15.000 Menschen daran teil. Es muss ein so beeindruckender Moment gewesen sein, dass manche Evangelien sogar zweimal davon berichten.

Inmitten von Trauer, Krankheit, Schwäche und der Bedrohung seines Lebens hält Jesus für einen Augenblick inne. Er lässt die Menschen nicht gehen, so als ob er ihnen noch etwas anderes zeigen möchte, eine andere Welt, in der es keine Zeit mehr gibt und in der der Tod uns nicht mehr auflauert.

Dies hört sich wie eine Utopie an, wie etwas, das nicht auf natürliche Weise geschieht, ein Blick in das Reich Gottes. Dennoch klingt der Bericht sehr realistisch. Auf dieser Erde und mit dem. Gott durchbricht auf dieser Erde mit dem, was uns zur Verfügung steht, für einen Moment die Gesetze seiner Schöpfung. Diese Freiheit, die sich Gott bewusst nimmt, nennt man Wunder.

Und Wunder bedeutet gleichzeitig auch Lehre. Was wollte Jesus in diesen dunklen Stunden seines Lebens sagen? Seine Botschaft scheint uns Mut machen zu wollen. Jesus ermutigt uns, sich der Großzügigkeit Gottes anzuvertrauen, die stärker ist als Tod und Zerstörung. Die Heilungen und dieses Fest in der Wüste erläutern, was das Gebet ist, nämlich das Gott anzuvertrauen, was wir haben, und das, was uns fehlt, unsere Lebenskraft, die Frucht unserer Arbeit und auch das Schwierige in unserem Leben.

Gott nimmt uns an so wie wir sind: unsere Krankheit und unsere Schwäche, die Brote und die Fische. Er nimmt unsere Stärken und unsere Schwächen auf sich. Und aus dem Wenigen macht Gott mehr, indem er es allen zur Verfügung stellt. Unsere Talente, die der Heilige Geist zusammenfügt, werden unvergleichlich mehr. Vermutlich hat gerade deshalb Frère Roger sein ganzes Leben darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, „mit dem Wenigen zu beginnen, das wir haben“. Wir müssen einen Anfang wagen! Gott wird durch seine Gnade und Beharrlichkeit das Übrige tun. Haben wir also keine Angst, nicht genug zu haben, um anzufangen. Wir können immer wieder mutig vorangehen.

Im Bericht von der Brotvermehrung nach dem Matthäusevangelium gibt Jesus der Menschenmenge nur Brot und keinen Fisch. Das heißt, er behält einen Teil von dem zurück, was wir ihm gegeben haben. Was kann diese Tatsache bedeuten? Fische, also tote Tiere, stehen vielleicht für das, was in uns tot ist, was kein Leben mehr hat. Mit dieser Interpretation bekommt die Geste Jesu einen Sinn. Gott schaut sich genau an, was wir ihm anvertrauen. Was Früchte tragen wird, das gibt er uns zurück, damit es vielen anderen Menschen zugutekommt. Aber das, was uns wehtut oder beschämt, behält er bei sich.

Die beiden zentralen Fragen, die Jesus uns durch diese Wunder stellt, sind: Was habe ich von Gott erhalten, um es anderen weiterzugeben? Und was von dem, was ich ihm anvertraue, würde ich ihm am liebsten überlassen, damit Gott mich davon befreit?

- Habe ich von Gott etwas Besonderes verliehen bekommen? Wenn ja: Wie kann ich es so vielen Menschen wie möglich zugutekommen lassen und es nicht für mich behalten?

- Was sollte Gott von dem, was ich ihm anvertraue, am liebsten für sich behalten und es mir nicht zurückgeben? Wovon sollte Gott mich befreien?

- Welche Art von Gesellschaft beschreibt diese Brotvermehrung? Enthält diese Geste Jesu auch eine „politische“ Botschaft?



Weitere Bibelstellen:

Printed from: http://www.taize.fr/de_article168.html - 21 July 2018
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