Worte von Frère Alois

Die Quelle der Hoffnung

Samstag, 31. Mai 2014

Mehrere von uns Brüdern haben dieses Frühjahr Besuche in verschiedenen Ländern gemacht. Zwei Brüder waren in der Ukraine, ein anderer in Russland. Es schwelt zurzeit ein schwerer Konflikt, dennoch gibt es in beiden Ländern Frauen und Männer, die Frieden suchen.

Ich selbst war mit einigen Brüdern bei einem Treffen mit zweitausend Jugendlichen aus verschiedenen Ländern in Mexiko. Eines der Abendgebete während des Treffens fand in der Kirche der Muttergottes von Guadalupe statt, zu dem mehrere tausend Menschen aus der ganzen Stadt dazukamen.

Andere Brüder fahren in Kürze nach Brasilien und Bangladesch zurück, wo sie unter sehr armen Menschen leben.


Wir staunen, wie sich an Christi Himmelfahrt unsere Versöhnungskirche hier in Taizé jedes Jahr füllt. Ihr seid so viele, dass es ein wahres Frühlingsfest ist. Wir Brüder stellen uns in solchen Momenten die Frage, warum ihr kommt? Wonach seid ihr auf der Suche?

Hin und wieder stelle ich diese Frage jemandem und bekomme ganz unterschiedliche Antworten. Die einen sagen: „Um junge Leute kennenzulernen. Andere antworten: „Die Stille.“ Wieder andere sagen: „Das gemeinsame Gebet und die Gesänge, die bis spät in die Nacht weitergehen.“ Es werden die verschiedensten Antworten gegeben.

Diesen Antworten ist eines gemeinsam: Jeder sucht nach einer Hoffnung, um mit Freude statt mit Angst in die Zukunft zu schauen.

Auch wir Brüder finden Hoffnung darin, mit euch unterwegs zu sein und euch hier so gut wir können aufzunehmen; diese Hoffnung motiviert uns, vor allem wenn wir sehen, dass ihr nach euren Tagen hier auf dem Hügel versucht, euer Leben auf das Vertrauen in Gott zu gründen.

Wir tragen die Quelle der Hoffnung nicht in uns selbst; wir können uns nicht selbst Hoffnung machen. Woher nehmen wir sie also? Das Fest, das wir seit Donnerstag feiern, kann uns eine neue Hoffnung schenken. Was bedeutet die Himmelfahrt Christi eigentlich?

Die Bibel möchte mit diesem Bild zum Ausdruck bringen: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Jesus ist gestorben, aber er ist auch auferstanden und nimmt all diejenigen an die Hand, die er liebt, alle Menschen. In Christus, mit ihm, nimmt Gott unser Menschsein an.

Ja, obwohl wir Christus nicht sehen, ist er jedem Einzelnen von uns nahe. Er trägt, was uns an uns selbst stört. Er nimmt unsere eigenen Fehler auf sich. Er liebt jeden einzelnen Menschen mit leidenschaftlicher Liebe. Und er öffnet uns einen Weg, um für immer Gemeinschaft mit Gott zu haben. Er erwartet uns.

Wenn sich jede und jeder in diesen Tagen von Neuem diesem Vertrauen auf die Liebe Christi öffnen könnte!

Die verschiedenen Katastrophen, die das Leben der Menschheit und unseres Planeten bedrohen, sind nicht die letzte Wahrheit. Die Menschheit hat eine Zukunft, jenseits der unüberwindlich scheinenden Grenzen, jenseits von Leid und Tod. Und in unserem Gebet, so ärmlich es auch sein mag, sind wir mit dieser Wirklichkeit bereits verbunden.

Dies ist keine Theorie, sondern der tiefere Sinn des Festes, das wir in diesen Tagen feiern. Um die Freude und Hoffnung dieses Festes in uns aufkommen zu lassen, können wir uns nicht mit Worten und Ideen begnügen. Wir müssen uns fragen: Was kann ich in meinem Leben konkret ändern, um aus dem Vertrauen zu leben, dass Gott Liebe ist?

Schon wenn wir im Alltag eine Antwort auf diese Frage suchen, egal wie und wo wir gerade leben, finden wir neue Kraft, wie eine Quelle, die sich in uns auftut.


Heute Abend haben wir einen neuen Bruder in unsere Communauté aufgenommen: Dun Wen. Er kommt aus China und sein Schritt ist eine große Freude für uns. Er macht damit das Vertrauen auf Christus zum Mittelpunkt seines Lebens. Natürlich heißt Vertrauen nicht, dass wir die Liebe Gottes immer spüren, sondern vielmehr, dass wir sie durch unser brüderliches Zusammenleben in die Tat umsetzen.

Uns Brüdern geht es nicht so sehr darum, erfolgreich Jugendtreffen zu organisieren. Das Wesentliche für uns ist, füreinander Brüder zu sein und die Güte Jesu Christi unter uns Wirklichkeit werden zu lassen. Wir sind sehr verschieden voneinander, dadurch ist das gemeinsame Leben oft eine Herausforderung; aber es ist gleichzeitig auch sehr schön.

Morgen fahrt ihr wieder nach Hause. Deshalb möchte ich euch heute vorschlagen, über folgende Frage nachzudenken: Wie kann jeder Einzelne bei sich zu Hause mit den Menschen in seiner Nähe aus der Güte Christi leben? Dazu ist es notwendig, immer wieder von Neuem anzufangen und den Mut nicht zu verlieren.

Die Güte Christi drängt uns, zu denen zu gehen, die leiden oder von der Gesellschaft ausgeschlossen sind. Besucht solche Menschen, um Kontakt zu bekommen mit Situationen sozialer Armut, die es vielleicht in eurer nächsten Nähe gibt! Diese Kontakte schenken uns ganz neues Vertrauen auf Gott, sodass wir besser verstehen, was Christus sagen möchte mit den Worten: „Ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Welt.“


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Christi Himmelfahrt, Glasfenster von Frère Eric, Taizé

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