Worte von Frère Alois

Die Liebe Gottes - eine Quelle der Solidarität

Donnerstag, 24. Juli 2014

Vergangenen Donnerstag habe ich zu den Jugendlichen hier in der Kirche gesagt: Wir sind diese Woche zu sehr vielen auf diesem Hügel beisammen und sind gleichzeitig sehr verschieden voneinander. Wir können nur immer wieder staunen, welche Freude und Solidarität uns hier miteinander verbindet.

Was wir hier gemeinsam leben, lässt uns die Gemeinschaft der Kirche besser verstehen. Wo die Freude und der Frieden Gottes aus dem Leben der Glaubenden strahlen, dort wird deutlich, was die Kirche in Wirklichkeit ist.

Aber Gewalt und Kriege auf der Welt erschüttern uns immer wieder. Und wenn wir hier Jugendlichen aus verschiedenen Krisengebieten begegnen, spüren wir das Leid der Menschen noch unmittelbarer. Doch die Begegnung mit ihnen macht uns immer wieder neuen Mut, vor allem wenn wir sehen, dass es überall Frauen und Männer gibt, die den Frieden suchen.

Diese Woche sind junge Ukrainer und Russen unter uns; dies beeindruckt uns ganz besonders. Außerdem ist eine Gruppe junger Palästinenser aus der Gegend von Bethlehem hier. Einer von ihnen ist Muslim, die anderen sind Christen. Wenn wir sie sehen, denken wir an Rabbi Levi und unsere jüdischen Freunde in Israel.

Diese Woche hatten 2000 Studenten aus Frankreich eine Fahrt nach Israel geplant, die abgesagt werden musste. Wir können nachempfinden, wie enttäuscht sie sind und auch alle, die sich dort schon auf ihr Kommen gefreut hatten. Einige dieser Studenten sind stattdessen in diesen Tagen nach Taizé gekommen.


Was können wir angesichts derartiger Gewalt tun? Wenn Konflikte offen ausbrechen ist es oft schon zu spät und es ist außerordentlich schwierig, die Spirale von Hass und Vergeltung zu durchbrechen. Die Wunden sind zu tief, um in die Herzen der Menschen wieder Frieden einkehren zu lassen.

Könnten wir nicht aufmerksamer hinschauen, wo sich Konflikte anbahnen? Ich denke zum Beispiel an die Frage der Einwanderer. An manchen Orten versucht man, sich gegen sie abzuschirmen. Dabei wird oft vergessen, welche Schuld die Länder der nördlichen Hemisphäre gegen die Länder des Südens haben, und auch die Tatsache, dass der Norden über kurz oder lang auf Zuwanderer angewiesen sein wird.

Um Konflikten zuvorzukommen, die durch derartige Situationen entstehen können, wäre es sehr wichtig, Gesetze zu ändern. Aber auch das würde noch nicht genügen. Um Konflikten vorzubeugen, müssen sich zuallererst die Herzen ändern.

Heute geht es in erster Linie darum, in der Gesellschaft ein größeres Zusammengehörigkeitsgefühl und eine Aufmerksamkeit auf die anderen zu fördern! Dazu müssen wir zunächst in uns selbst ein größeres Mitgefühl für die entwickeln, die neben uns an den Wegrändern verletzt liegenbleiben.

Dies soll kein moralischer Aufruf sein, sondern vielmehr ein Anstoß, im Glauben die Motivation zu suchen, die Solidarität in die Tat umzusetzen. Dies wird die zentrale Frage sein, die uns im nächsten Jahr beschäftigt.

Die Quelle zwischenmenschlicher Solidarität liegt im Vertrauen auf die grenzenlose Liebe Gottes zu jedem Menschen, zu jedem Einzelnen von uns. Von dieser Quelle der Liebe ausgehend, lädt das Evangelium die Christen ein, gemeinsam mit all denen, die nach Frieden suchen, konkret in Solidarität zu leben. Diese Quelle des Lebens zu entdecken, wünschen wir Brüder der Communauté uns am Allermeisten für jeden Einzelnen von euch.

Damit in unserem Herzen aus dieser Quelle frisches Wasser fließen kann, muss jeder Einzelne – auch wir Brüder – in sich selbst immer wieder den abgelagerten Sand entfernen. Dazu gehört, nicht zurückzuschauen, nicht immer wieder an die erlittenen Demütigungen und die damit verbundene Verbitterung denken, sondern sie Christus anzuvertrauen, der Hass und Gewalt überwunden hat.

Der Heilige Geist wohnt in uns und lässt die Quelle der Liebe und des Friedens in unserem Herzen fließen. Haben wir den Mut, selbst angesichts all dessen, was uns entmutigt, die Gewalt auf der Welt, unsere eigenen Schwächen und sogar Fehler, haben wir angesichts all dessen den Mut, ganz einfach Ja zu sagen zu seiner Gegenwart.

Dieses Ja kommt uns oft nur zögernd und kaum hörbar über die Lippen, aber es öffnet uns. Und der Frieden, den wir im Verborgenen unseres Herzens empfangen, kann uns sehr weit bringen, er kann die Welt verändern.

Denken wir immer wieder an das Ja Marias! Durch das ganz einfache Ja dieser Jugendlichen aus Nazareth konnte Christus auf die Welt kommen. Mit Sicherheit hatten nicht einmal ihre Nachbarn bemerkt, was an Großartigem in ihr vorging.

Auch wir können ganz einfach Ja sagen, um die Liebe und den Frieden Christi anzunehmen. Durch den Heiligen Geist in uns macht Christus uns bereit, zu verzeihen und in seiner Nachfolge bis zum Äußersten zu gehen, und selbst die zu lieben, die uns Leid zufügen.


Heute Abend denken wir im Gebet ganz besonders an die Menschen im Nahen Osten. Manchmal fragen wir uns vielleicht, ob das Gebet etwas bewirkt, ob es den Lauf der Geschichte ändern kann. In Wirklichkeit wissen wir nicht, was unser Gebet bewirkt, und dies ist gut so. Andernfalls könnte unser Gebet zu einem Handel mit Gott verkommen.

Wir beten in der Hoffnung, dass unser ärmliches Gebet etwas öffnet und die Liebe Gottes leichter zu den Menschen dringt, die wir ihm anvertrauen. Mit diesem Gedanken kommen wir in diesem Sommer jeden Sonntagabend um halb sieben hier in der Kirche zu einer halben Stunde in Stille zusammen, um für den Frieden zu beten.

Jetzt möchte ich noch die jungen Palästinenser bitten, hier nach vorne zu kommen. Sie werden das Vaterunser auf Arabisch sprechen und wir können in Stille mitbeten. Danach geht das Gebet mit Da pacem… in diebus weiter.

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