Lettland, Riga 2014

Als Pilger des Friedens im Baltikum

Vom 26. bis 28. September 2014 fand ein von der Communauté von Taizé vorbereitetes Jugendtreffen in Riga, der Hauptstadt Lettlands, statt. Seit Jahren haben der evangelisch-lutherische und der katholische Erzbischof eine Einladung ausgesprochen. Während des Jugendtreffens in Straßburg am Ende des vergangenen Jahres gab Frère Alois bekannt, dass dieses Treffen nun – fünf Jahre nach einem ähnlichen Jugendtreffen im litauischen Vilnius – stattfinden wird.
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Samstagabendgebet in der Peterskirche

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Elizabete aus Lettland half als Freiwillige während des Treffens mit. Sie schreibt:

Es war fantastisch zu sehen, wie viele Jugendliche in meine Heimatstadt Riga kamen. Es war eine aufregende Erfahrung, als Freiwillige Teil dieser drei wunderbaren Tage zu sein. Ich habe ein großes Vertrauen und Liebe seitens dieser jungen Pilger gespürt. Die gemeinsamen Gebete in der Alten Gertrudiskirche und in der Peterskirche sowie das Kennenlernen und das Wiedersehen mit Freunden aus Taizé haben mich verstehen lassen, dass Gott überall dort am Werk ist, wo wir uns gerade befinden oder leben. Ich glaube, nach diesen Tagen haben wir eine größere Hoffnung in Lettland und in Osteuropa als je zuvor.

Gastfreundschaft

Neben den jungen Letten kamen mehrere hundert Teilnehmer von den anderen baltischen Staaten, aus der Ukraine, aus Polen, Weißrussland und Russland. Darüber hinaus waren verschiedene andere europäische Länder durch kleine Gruppen oder Einzelne vertreten.

Die Ankunft fand in der der Gertrudiskirche statt, von wo aus jeder in eine Gastgemeinde geschickt wurde. Von dort aus ging es dann für alle weiter zu den Gastfamilien. Talitha und Philipp aus Deutschland sagten nach dem ersten Tag:

Schon beim Empfang in der Alten Gertrudiskirche konnte man die herzliche und freundliche Gastfreundschaft spüren. Dem Vorbereitungsteam war es gelungen, die besondere Atmosphäre von Taizé zu schaffen, so dass wir uns wie zu Hause fühlten. Es ist unser erstes Treffen außerhalb von Taizé und wir freuen uns darauf, mit anderen über unseren Glauben und unsere Erfahrungen sprechen zu können und zu einer bereichernden Erfahrung beitragen zu können.

Gebet in der Gertrudiskirche

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Sophia aus Schweden beschreibt die Gastfreundschaft in Riga:

Ich bin bei einer jungen Frau, die etwa so alt ist wie ich, untergekommen. Ich wohne in ihrer kleinen Wohnung und wir entdecken trotz unserer unterschiedlichen Lebenssituationen viele Gemeinsamkeiten. Sie stellte mir viele Fragen über Glauben und Religion; was ich ihr erzählte, hatte sie in ihrem Land so noch nicht gehört. Wir saßen abends noch lange zusammen, tranken Tee und sprachen über Religion und darüber, was einen Christen ausmacht. Das war sehr interessant. Ich lud sie zu einem der Taizé-Gebete am Samstagabend in der Peterskirche ein, was ihr sehr gefiel; die Kerzen fand sie besonders schön.

Frère Alois dankte den Kirchen und Gastfamilien von Riga:

Wir Brüder der Communauté von Taizé freuen uns, zu dieser Etappe des Pilgerwegs des Vertrauens auf der Erde hier in Riga zu sein. […] Wir danken in erster Linie all denen, die uns hier aufnehmen. Eine der Gaben, die Gott den Letten anvertraut hat, ist die Gastfreundschaft. Aber die jungen Balten haben noch mehr miteinander zu teilen. Wir freuen uns darauf, dies alles zu entdecken.

Zum gemeinsamen Gebet in der Innenstadt von Riga kamen 2000 Menschen zusammen

Während des ganzen Wochenendes war die evangelische Peterskirche in der Altstadt von Riga die zentrale Anlaufstelle, wo unter anderem auch gemeinsame Gebete stattfanden. Am Samstagabend begrüßten der katholische und der evangelisch-lutherische Erzbischof, Janis Vanags und Zbignevs Stankievics, die Teilnehmer des Treffens.

Auch der orthodoxe Metropolit von Riga hatte einen Vertreter geschickt; die orthodoxe Kirche gestaltete während der Tage zwei Thementreffen und feierte mit Teilnehmern am Sonntagmorgen einen orthodoxen Gottesdienst. Baptisten und Methodisten beteiligten sich, indem sie Jugendliche in ihren Familien aufnahmen.

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Die beeindruckende Bandbreite der Thementreffen am Samstag

Am Samstagnachmittag fanden viele verschiedene Thementreffen statt, wie zum Beispiel: „Stille und inneres Gebet“ mit dem evangelischen Erzbischof; „Einheit, Versöhnung, Gemeinschaft“ mit dem katholischen Erzbischof; „Einführung in die orthodoxe Ikonenmalerei“, „Den Armen dienen“.

Zwei junge Anwältinnen, Ilse und Arina aus Lettland, die besonders in Menschenrechtsfragen engagiert sind, leiteten einen Workshop zum Thema: „Warum die Versöhnung in der Gesellschaft von heute so wichtig ist.“ Im Anschluss daran schrieben sie:

Wir waren glücklich zu sehen, wie offen bei unseren beiden Thementreffen über persönliche Fragen und Zweifel gesprochen wurde. Viele Menschen leben in einer großen Ungewissheit und gerade junge Leute brauchen die Ermutigung, die das Vertrauen auf Gott und Gottes Verheißung schenkt. Aber wir haben auch festgestellt, dass sie bereit sind, einen ersten Schritt zu tun, um in ihrer eigenen Umgebung Frieden zu stiften. Dieser erste Schritt braucht weder groß zu sein noch viel zu bewirken. Manchmal genügt ein einfaches Gespräch oder die Bereitschaft, denen zuzuhören, die uns verletzt haben. Es ist kaum zu glauben, aber indem wir anderen zuhören und unsere Erfahrungen austauschen, erleben wir das, was Frère Alois während des gemeinsamen Gebets am Sonntag sagte: Frieden und Versöhnung beginnen bei jedem Einzelnen von uns.

Eine Reaktion von Martina aus Schweden zum gleichen Workshop:

Nach dem Riga-Treffen und besonders nach den Gesprächen über das Thema „Salz der Erde werden“ sowie dem Workshop über Versöhnung in der Gesellschaft beschäftigten mich viele Fragen. Was kann jeder von uns dazu beitragen, dass die Welt zu dem wird, was sie eigentlich sein sollte? Eine der größten Gefahren in den Konflikten zwischen Menschen, Völkern und ethnischen Gruppen liegt darin, den jeweils anderen ihre Menschenwürde abzusprechen. Ich glaube, Versöhnung kann nur gelingen, wenn wir jeden anderen oder jede andere Gruppe wirklich wie Menschen behandeln.
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Thementreffen in der Innenstadt von Riga


Angesichts der momentanen Schwierigkeiten

Verschiedentlich, besonders in den Gruppengesprächen, kam die Frage nach der Geschichte Lettlands und seiner Identität auf. Die momentane, sehr angespannte Lage machte die Gegenwart der vielen jungen Ukrainer und Russen in Riga besonders bedeutsam, wie Frère Alois an einem Abend dort sagte:

In diesen Tagen teilen wir miteinander die Freude, die von Gott kommt. Aber wir vergessen dabei nicht, dass jeder von uns auch eine Last trägt, die sehr schwer sein kann. Für die einen ist es ein persönliches Leid, für andere das Fehlen von Zukunftsperspektiven, wieder andere tragen die Last ihres eigenen Volkes. Ich denke dabei besonders an die jungen Russen und Ukrainer. […] Was hat uns in diesen Tagen in Riga zusammengeführt? In einer Zeit so vieler bewaffneter oder unbewaffneter Konflikte sind wir als Pilger des Friedens und des Vertrauens hierhergekommen. Wir erleben die Freude, in großer Verschiedenheit beisammen zu sein und eine tiefe Solidarität zu spüren. Wir danken Gott dafür, uns über politische und kulturelle Grenzen hinweg in diese einzigartige Gemeinschaft der Kirche zusammenzuführen.
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Zwei junge Russen schrieben nach dem Treffen über die schwierige regionale Situation. Varia aus St. Petersburg:

Während eines der Gebiete wurde mir klar, welches Glück ich habe, unter Menschen zu sein, die in Freude gemeinsam zum Herrn beten und dabei unsere Spaltungen und Feindschaften vergessen. Immer wieder erlebe ich, dass eine einfache freundliche Geste, Offenheit und Gastfreundschaft, helfen, Vorurteile zu überwinden. In unseren verschiedenen Sprachen gemeinsam zu beten, war ein Zeichen der Freundschaft, ein sichtbarer Teil dieses Treffens. Eine unsichtbare Erfahrung war die Gegenwart Gottes, der unserem Herzen so nahe ist.

Und Misha aus Moskau schreibt:

In unseren Ländern besteht viel Aggressivität, die von einer komplizierten geschichtlichen Situation und sogar anhaltenden Auseinandersetzungen herrührt. So kam ich in der Hoffnung auf ein Wunder nach Riga – das Wunder, gemeinsam vor Gott stehen zu können – ohne einander zu verurteilen, nur im Gebet. Gemeinsam! Und für einander! Ich danke denen, die die einzelnen Treffen vorbereitet haben, damit sie nicht meinen, dies wäre nicht wichtig, sondern mit großer Aufmerksamkeit und großem Takt darüber sprechen. Außerdem war es für mich vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Lage in unserer Region ein Zeichen der Hoffnung, trotz aller Schwierigkeiten bei einem Treffen in Riga zusammen auf Russisch zu singen.

Das Ergebnis einer langen Vorbereitung

Die Vorbereitung dieses Wochenendtreffens dauerte mehrere Monate und wurde von einer Gruppe Jugendlicher aus verschiedenen Kirchen getragen, die durch Pfarrer und Pastoren Unterstützung fanden. Im Frühjahr waren auch zwei junge Freiwillige aus Taizé in Lettland. Maria aus Rumänien war eine von ihnen:

Bei unserem ersten Besuch in Lettland im Mai 2014, der zweieinhalb Wochen dauerte, sah ich mit eigenen Augen, wie sehr die Letten dieses Treffen erwarteten. Der tiefe Wunsch war zu spüren, miteinander ins Gespräch zu kommen, andere bei sich aufzunehmen und neue Beziehungen in der Familie der Menschen und Christen zu schaffen. Ich bin sehr froh, an diesen Tagen hier zu sein und zu sehen, dass das Treffen wirklich stattfindet – zu sehen, wie bekannte Gesichter vor Freude strahlen, die Kirche voller junger Menschen ist und eine Einheit spürbar ist, die über unsere Grenzen hinausgeht. Wie immer ist dieses Treffen ein großes Zeichen der Hoffnung für alle, die direkt oder indirekt daran teilnehmen.

Mary aus Korea, die andere Freiwillige, nahm ebenfalls am Treffen teil:

Wir sind glücklich, wieder in Riga zu sein! Man hatte uns im Mai von Taizé aus nach Lettland geschickt, um die Jugendlichen über dieses baltische Treffen zu informieren und dazu einzuladen. Nun findet das Treffen statt und es herrscht eine wunderbare Atmosphäre. Die Letten sind so glücklich, Menschen aus anderen Ländern bei sich aufzunehmen. Wir beten zusammen, singen und essen gemeinsam – alles „gemeinsam“ in Gott. Es ist sehr schön, dies mitzuerleben. Gott segne uns und schenke uns die gleiche Aufmerksamkeit aufeinander, die wir in diesem Moment besitzen.

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Morgengebet in der evangelischen Johanneskirche

Printed from: http://www.taize.fr/de_article17217.html - 12 December 2019
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