Worte von Frère Alois

Die Geschwisterlichkeit beginnt damit, dass wir dem anderen zuhören

Montag, 25. Juli 2016

Wir sind erst am Anfang der Woche, die sehr schön begonnen hat, aber ich werde schon morgen zu den Weltjugendtagen mit Papst Franziskus nach Krakau aufbrechen. Mit mehreren meiner Brüder bereiten wir dort in einer Innenstadtkirche jeden Tag mehrere Gebete vor. Aus diesem Grund wollte ich euch alle heute Abend vor der Abfahrt auf diese Weise noch willkommen heißen.

Ich möchte ganz herzlich die jungen Spanier begrüßen, denn heute wird besonders in ihrem Land das Fest des Apostels Jakobus gefeiert. Viele Menschen pilgern Jahr für Jahr nach Santiago de Compostella.


Hier in Taizé ist das gemeinsame Gebet der Mittelpunkt unseres Lebens. Für uns Brüder ist es dieses Gebet, das uns vereint. Wir sind sehr verschieden voneinander, aber wir leben aus der Überzeugung, dass Christus uns zu einer einzigen Familie macht.

Unsere Communauté möchte vor allem ein kleines „Gleichnis der Gemeinschaft“ sein. Durch unser gemeinsames Leben möchten wir zum Ausdruck bringen, dass Christus gekommen ist, um die Trennungen zwischen den Menschen zu überwinden und eine Gemeinschaft mit Gott zu stiften.

Seit Jesu Tod am Kreuz und seiner Auferstehung kann uns nichts mehr trennen von der Liebe Gottes. Diese Liebe zu jedem Einzelnen von uns ist an keine Bedingung geknüpft. Sie ist die Quelle, aus der wir bei jedem Gebet schöpfen.

Auch wenn unser Gebet ganz ärmlich ist und uns manchmal nur stotternd oder wie ein Seufzer über die Lippen kommt, können wir sicher sein, dass Gott uns hört. Durch das Gebet öffnen wir immer eine Tür für seine Liebe.

Wir stehen so oft fassungslos vor der Gewalt in der Welt – zuletzt in Nizza und München, und an vielen anderen Orten. Doch wir möchten nicht der Angst nachgeben. Deshalb ist es wichtig, noch öfter an die Quelle des Friedens zu gehen.

Öffnen wir uns für den Frieden Gottes! Der Prophet Ezechiel sagt, dass Gott fähig ist, die Herzen aus Stein in Herzen aus Fleisch zu verwandeln. Ja, Gott möchte uns ein Herz schenken, das voller Erbarmen und Mitleiden ist.

So verstehen wir, dass Gott uns zu den anderen sendet, zu denen, die anders sind als wir, zu denen die leiden. Wir sollen Freundschaft und Geschwisterlichkeit stiften. Gleichzeitig öffnet uns Gott die Augen für die Strukturen des Unrechts und der Heuchelei in der Welt.

Damit die Geschwisterlichkeit im Umgang miteinander zunehmen kann, müssen sich auch die politischen und wirtschaftlichen Strukturen ändern. Dies gilt sowohl auf örtlicher als auch auf internationaler Ebene: Wir brauchen Frauen und Männer, die den Mut haben, sich in ihrem politischen Engagement am geschwisterlichen Miteinander gleichsam wie an einem Kompass zu orientieren.

Diese gegenseitige Aufmerksamkeit beginnt damit, dass wir dem anderen zuhören. Ich bin Ibrahim sehr dankbar, dass er bereit ist, heute Abend zu uns zu sprechen. Ibrahim ist einer der Flüchtlinge, die in Taizé leben.

Letzten November sind zwölf Flüchtlinge in unserem Dorf angekommen. An jenem Abend lag dichter Nebel über dem Hügel und die Zwölf hatten keine Ahnung, wo man sie hinbringen würde. Aber wir haben sehr schnell Freundschaft geschlossen. Viele Leute aus der Umgebung helfen mit, diesen Flüchtlingen das Gefühl zu geben, dass sie hier willkommen sind.

Natürlich tauchen immer wieder Schwierigkeiten auf: Sie müssen als Flüchtlinge anerkannt werden, und es ist nicht leicht, Arbeit zu finden. Dennoch sind das vergleichsweise kleine Sorgen, wenn man weiß, was sie bisher alles durchgemacht haben und angesichts der Sorgen, die sie sich um ihre Familienangehörigen in der Heimat machen.

Ich sage diesen jungen Männern immer wieder: ’Gott hat euch zu uns geschickt.’ Für uns ist es eine große Freude, diesen Weg gemeinsam zu gehen.


Ibrahim: Ich heiße Ibrahim, bin 27 Jahre alt und komme aus Darfur im Sudan. In meiner Heimat herrscht seit dem Jahr 2003 Krieg, dem immer noch viele Menschen zum Opfer fallen. Ich musste mit ansehen, wie mein Großvater und mein älterer Bruder ermordet worden. Bei einem Rebellenangriff wurden mein Vater und fünf meiner Schwestern verschleppt. Ich konnte mit meiner Mutter in ein Flüchtlingslager fliehen.

Im Jahr 2013 haben die Rebellen begonnen, mich zu suchen, sodass ich mich nach Libyen absetzen musste. Ich habe versucht, dort Fuß zu fassen, aber dies war nicht möglich. So bin ich im vergangenen Jahr in einem Boot nach Europa gekommen. Von Italien aus kam mich nach Calais und schließlich hierher nach Taizé, wo man mich aufgenommen hat.

In Europa haben viele Menschen Angst vor Flüchtlingen; manchmal aus wirtschaftlichen Gründen, manchmal weil man fürchtet, dass sich Terroristen unter ihnen einschleichen könnten. Ich habe viel Gewalt in meinem Land erfahren und habe selbst Angst vor Terroristen. Aber als Muslim glaube ich, dass wir unbedingt für den Frieden arbeiten müssen. Der Prophet verlangt von uns, zu den Menschen in der Welt barmherzig zu sein, er trägt uns auf, zusammenzuleben und nicht uns gegenseitig umzubringen. Das hat nichts mit Religion zu tun!

Im Sudan habe ich nie eine Christen kennengelernt, aber in Taizé wurde ich von einer christlichen Gemeinschaft sehr gut aufgenommen. Ich stelle fest, dass wir auf unterschiedliche Weisen beten, aber bis glauben alle, dass Gott den Frieden will. Ich habe das Vertrauen, dass wir im Frieden zusammenleben können und auf diese Weise der Welt eine Botschaft vermitteln. Die Welt braucht unser Zeugnis!


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