Russland 2016

Ein Pilgerweg

Seit den zwei Pilgerwegen in den Jahren 2011 und 2015, zu denen Frère Alois mit Brüdern der Communauté und Jugendlichen aus ganz Europa die Kar- und Ostertage in Moskau feierten, sind die Beziehungen zu den orthodoxen Kirchengemeinden immer enger geworden. In diesem Jahr war ein Bruder erneut in Moskau und Sankt Petersburg.

In beiden Städten fand jeweils in einer Innenstadtgemeinde ein gemeinsamer Tag mit Jugendlichen des Landes statt. Diese gemeinsamen Tage begannen jeweils mit einem feierlichen orthodoxen Gottesdienst, gefolgt von Bibelarbeit und Austausch in Kleingruppen am Nachmittag, sowie einem Gebet mit Gesängen aus Taizé. Den Abschluss der Tage bildete jedes Mal der orthodoxe Vespergottesdienst. Alles war von Jugendlichen mit dem Segen ihrer Pfarrer vorbereitet worden. Einige der Teilnehmer berichten:

Ksenia: „Ein Bruder aus Taizé sprach über die Salbung Jesu durch eine „Sünderin“ im siebten Kapitel des Lukasevangeliums. Was er sagte, schien zunächst so einfach und klar zu sein, dass es mir anfangs – ehrlich gesagt – etwas banal vorkam. Doch langsam aber sicher wurden seine Gedanken immer anspruchsvoller. Am Ende hörte ich etwas, woran ich selbst noch nie gedacht hatte, nämlich, dass die entscheidenden Worte in diesem Text vielleicht die Worte Jesu an Simon sind: „Hast du diese Frau gesehen?“ Diese Worte machen deutlich, dass Gott in jedem Menschen eine Person sieht; er sieht in jedem Menschen das Wahre und möchte, dass wir uns darum bemühen, einander genauso zu sehen. Jesus hat in dieser Frau ein Kind, eine Tochter Gottes, gesehen, dort wo Simon nur die Sünderin sah, jemanden, der von der Gesellschaft ausgeschlossen war.

Ich dachte mir: ‚Was oder wen sehe ich eigentlich im anderen? Sehen wir eigentlich etwas anderes als die Vorurteile und Aufkleber, die wir ihnen verpassen? Sehen wir wirklich Menschen oder doch nur Funktionsträger? Könnten wir vielleicht auch versuchen, zumindest die Person hinter der Erscheinung zu sehen?‘

Für mich war diese Frage ein wichtiger Punkt im anschließenden Gespräch, so als ob ich auf einmal tatsächlich die Menschen um mich herum wahrnehmen wollte, wie sie wirklich sind und das Licht Gottes in ihnen. Ich wollte offen sein für ihre Gefühle und Gedanken, und ihr Leiden spüren.“


Ekaterina: „Ich bin nicht gewohnt, mit ‚ gewöhnlichen‘ Menschen über religiöse Fragen zu sprechen. Ich weiß nicht, wie ich mit jemand anderem als mit einem Priester oder einem Theologen darüber sprechen sollte. Dennoch hat diese sehr authentische Begegnung meine Vorurteile beseitigt. Die Bibeleinführung war keine Predigt, sondern eher eine Geschichte, in der es um konkrete Personen ging – nicht um abstrakte Gestalten. Sie wurden auf einmal so menschlich, dass es leichter war, sie zu verstehen und sich in sie einzufühlen, sogar in die Pharisäer.

Ich hatte zuvor etwas Angst vor dem Gespräch in den Kleingruppen. Manchmal fällt es mir schwer, im Gespräch gleichzeitig ehrlich und höflich zu sein, vor allem wenn die Menschen mit ihrer Meinungen nicht hinter dem Berg halten. Aber auch dies war auf einmal anders, denn es fiel mir gar nicht schwer, mich wie zu Hause zu fühlen. Abgesehen davon, dass einige mehr redeten als andere – dazu gehörte auch ich! –, verliefen die Gespräche recht gut und es war interessant zu hören, wie viele verschiedene Gedanken zu einem kurzen Bibeltext zusammenkommen.

Es tut mir heute noch leid, dass ich nicht zum Gebet bleiben konnte: Aber diese kurzen Begegnungen haben mir bereits viel gegeben. Wenn ich diesen Tag in einem Wort zusammenfassen sollte, wäre dies das Wort „Entdeckung“. Ich danke Taizé, uns so wunderbare Dinge zu bringen und warte schon mit Ungeduld auf die nächsten Treffen.“


Vadim: „Die Freude der Begegnung und das Gefühl der Einheit, das ich diesen Tag hindurch spürte, kamen im Gebet zu einer Art Fülle. Am schönsten war es, neue Menschen kennenzulernen, die durch dieses Treffens zum ersten Mal in unsere Kirche kamen.“

Veronika: „Ich komme aus einer anderen christlichen Konfession und mir hat der Gottesdienst, die ‚Göttliche Liturgie‘, wirklich sehr gut gefallen. Ich war überrascht und begeistert, dass ich zwar die Heilige Kommunion nicht empfangen konnte, aber dafür ein Stück Gesegnetes Brot nehmen konnte – genauso wie in Taizé.“

Printed from: http://www.taize.fr/de_article20748.html - 18 October 2019
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