Begegnung wagen

Aloisius, ein junger Freiwilliger aus Kenia, schreibt er über seine Eindrücke nach einem Treffen mit einer Gruppe der „Arche-Gemeinschaft“, in der Jugendliche mit Behinderungen zusammen mit Jean Vanier, dem Gründer der Bewegung, nach Taizé gekommen waren.

Als ich diesen Sommer Jehanne zum ersten Mal sah, wusste ich nicht, dass sie mit einer Behinderung lebt. Erst als sie sich vorstellte, wurde mir dies bewusst. Zunächst hatte ich Mitleid mit ihr, aber je mehr wir ins Gespräch kamen, wurde mir klar, vor welche Herausforderung sie uns stellt, und dass wir – meine Freunde und ich – darauf gar nicht vorbereitet sind.

Jehanne war mit einigen Freunden aus der „Arche-Gemeinschaft“ aus Nancy nach Taizé gekommen. Sie waren schon einmal in Taizé gewesen, aber diesmal war es anders: Sie sollten während ihres Aufenthalts einen Workshop vorbereiten. Die Arche-Gemeinschaft ist in 38 Ländern mit über 149 Wohn- und Lebensgemeinschaften vertreten. Die Gemeinschaft hat auf diese Weise die gesellschaftliche Wahrnehmung von Menschen mit einer geistigen Behinderung verändert.

„Begegnung wagen ist mehr, als nur ’Guten Tag’ zu sagen“, sagt Jean Vanier. Es kommt auf den nächsten Schritt an, nämlich jemanden wirklich kennenzulernen und zu akzeptieren, dass wir alle verschieden voneinander sind, dass wir alle Schwächen haben, aber gleichzeitig voneinander lernen können. „Das macht die Arche-Gemeinschaft so besonders“, sagt Marta aus Deutschland.

„Ich habe in der Arche mitgelebt und dabei entdeckt, dass Menschen mit Behinderungen gar nicht so anders sind als ich selbst. Sie haben die gleichen Gefühle wie ich und du. Und in einem sind sie besser: Sie lügen nicht. Sie wissen, ob du glücklich, traurig oder vielleicht sogar zornig bist. Sie sagen dir, was sie im Herzen denken. Ihre Freundschaft ist offen,“ sagt Marta.

Taizé und die Arche sind sich erstaunlich ähnlich. Obwohl jede einzelne Arche-Gemeinschaft sich vollkommen auf die Bedürfnisse der Mitglieder einstellt, ist das Programm mehr oder weniger dasselbe. Die Freiwilligen und diejenigen mit Behinderungen teilen sich die täglichen Arbeiten auf. Jean-Baptiste arbeitet in einer Werkstatt, die auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen zugeschnitten ist und wo Sonnenschutzelemente für einen Autohersteller gefertigt werden. In Taizé macht es ihm großen Spaß, bei der Teeausgabe mitzuhelfen. Für ihn gibt es nichts Besseres, als anderen zu helfen und zu sehen, dass sie mit seiner Arbeit zufrieden sind.

Die Mahlzeiten werden in der Arche gemeinsam eingenommen und, wie in Taizé, singt man vor dem Essen. Aber es gibt auch gemeinsame Gebete, bei denen Gesänge aus Taizé gesungen werden. Große Freude bereitete ihnen diesen Sommer das Herrichten des Altars für den Sonntagsgottesdienst.

Beim Abschied am Sonntagnachmittag haben sie uns noch einmal daran erinnert: „Begegnung wagen ist mehr als nur Guten Tag sagen!“


Printed from: http://www.taize.fr/de_article20913.html - 20 November 2019
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