Allerheiligen 2016

Flüchtlinge in Taizé erzählen

Während der Allerheiligenferien kamen über 5000 junge Franzosen in drei großen aufeinanderfolgenden Gruppen nach Taizé. Sie trafen dort u.a. junge Deutsche, Belgier, Holländer, Dänen und Spanier, die ebenso als Pilger auf den Hügel kommen waren, aber auch junge Flüchtlinge, die die Communauté vor einem Jahr aufgenommen hat, sowie eine irakische Familie.

Ahmed, ein junger Sudanese von 23 Jahren, und Nemat, ein 25 Jahre alter Afghane, erzählen im Folgenden von ihren Erfahrungen.

Ich heiße Ahmed und komme aus einem kleinen Dorf in Darfur/Sudan. Als ich elf Jahre alt war haben Terrormilizen mein Heimatdorf zerstört. Ich konnte fliehen, aber meine Familie wurde zerstreut und ich stand allein da. Man brachte mich in ein Lager, wo ich einen Onkel fand, der mich nach Khartum mitnahm. Später erfuhr ich, dass mein Vater bei dem Überfall auf unser Dorf ums Leben kam und meine Mutter und meine beiden Geschwister in ein Lager in Darfur kamen. Ich blieb bei meinem Onkel und konnte 2013 ein Jurastudium beginnen.

In Khartum werden die Menschen aus Darfur verachtet, sodass ich mein Jurastudium nicht fortsetzen konnte. Ich wurde verfolgt, eingesperrt und gefoltert… Das Leben wurde so unerträglich, dass ich nach Libyen floh und dort vier Monate lang gearbeitet arbeitete. Aber ich bekam keinen Lohn und war dort solcher Gewalt ausgesetzt, dass ich beschloss, mit einem Boot das Mittelmeer zu überqueren.

Dank des Roten Kreuzes wurde ich gerettet und nach Italien gebracht. Aber ich wurde dort missbraucht und fand keinen Ort, an dem ich bleiben konnte. In den Aufnahmelagern riet man mir, nach Frankreich zu gehen. In Nizza war es mittlerweile sehr kalt, sodass ich zur Polizei ging. Dort ließ man mich in einer Gefängniszelle übernachten, aber am nächsten Tag erklärte man mir, das wäre kein Hotel, und man schickte mich wieder fort. So kam ich nach Paris, wo ich drei Tage unter einer Brücke in der Nähe des Bahnhofs schlief. Daraufhin wurde ich krank und einige Afrikaner rieten mir, nach Calais zu gehen, wo es eine Organisationen gäbe, die mir helfen würden. In Calais sagte man mir, dass ich in einen Bus einsteigen solle, der mich in einen anderen Teil von Frankreich brächte, wo es eine feste Unterkunft für mich gäbe.

Im Bus traf ich andere Sudanesen, die ich vorher nicht kannte. Nach elf Stunden Fahrt kamen wir abends bei dichtem Nebel in dieses kleine Dorf Taizé. Wir hatten Angst und wollten nicht aussteigen! Schließlich stieg ich aus, um auf die Toilette zu gehen, doch als ich zurückkam, war der Bus weg! Der Bürgermeister, Dorfbewohner und die Brüder der Communauté begrüßten uns. Doch dann fing ein neuer Abschnitt meines Lebens an.

Im Laufe der Zeit haben wir dieses Dorf und seine Bewohner kennengelernt. Man besuchte uns , doch wir sprachen kein Wort Französisch! Vielen Dank an all die Freiwilligen, die uns Französischunterricht gaben!

In unserer Gruppe aus Calais sind wir alle Muslime, doch eine christliche Gemeinschaft hat uns ohne Probleme aufgenommen. Wir haben ein Zimmer, in dem wir beten. Man achtet uns. Manchmal gehen wir in die Kirche, um zu sehen, wie ihr betet. Manchmal fahren einige der Brüder mit uns in die Moschee. Wir leben in Frieden zusammen.

Wir haben eine große Familie gefunden. Einer der Brüder ist für uns wie ein großer Bruder und eine Familie aus dem Dorf ist für uns wie unsere Mutter und unser Onkel. Jeder von uns hat in der Umgebung eine Familie, die sich um ihn kümmert. Ich fahre jede Woche einmal nach Cluny, um mit meiner Adoptivfamilie zu essen. Ich danke ihnen für all die Hilfe!

Die meisten von uns haben bereits Asyl erhalten. Ich wurde vor dem Sommer als Flüchtling anerkannt und konnte im Sommer drei Monate auf einem großen Bauernhof arbeiten. Dadurch konnte ich etwas Geld sparen und kann jetzt studieren.

Ich lebe mittlerweile seit fast einem Jahr hier in Taizé und habe Freunde aus der ganzen Welt kennengelernt. Ich möchte euch ermutigen, keine Angst davor zu haben, auf Menschen zuzugehen, die anders sind als ihr!

Ahmed


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Ich heiße Nemat und komme aus Afghanistan. Ich lebe mittlerweile seit fast einem Jahr in Taizé und bin vor Kurzem ins Nachbardorf Ameugny umgezogen, wo ich eine kleine Einzimmerwohnung gemietet habe. Ich arbeite in einer Baufirma.

Ich komme aus einem Dorf im Norden Afghanistans, wo ich mit meinen Eltern und meinen Geschwistern lebte. Ich habe im Geschäft meines Vaters mitgearbeitet. Aber wegen der unsicheren Lage im Land und der Angst vor Terroristen habe ich mich in einem anderen Landesteil bei der Polizei beworben.

Eines Tages war ich mit Kollegen im Auto unterwegs, als vor uns auf der Straße eine Bombe explodierte. Drei meiner Kollegen starben, ein weiterer und ich selbst wurden schwer verletzt. Ich war drei Monate im Krankenhaus und lag lange Zeit im Koma. Danach haben Talibankämpfer mein Dorf angegriffen und mein Elternhaus zerstört. Dabei kamen zwei meiner Brüder und ein Cousin ums Leben. Der Rest meiner Familie konnte in die Berge fliehen.

Von da an hatte ich so große Angst, dass ich beschloss, nach Europa zu gehen. Ich habe Afghanistan zu Fuß durchquert, war nachts unterwegs und schlief tagsüber im Wald. Danach setzte ich meine Reise auf Lastwagen fort, zusammengepfercht mit Dutzenden anderer. Nach acht Stunden mit über50 Menschen in einem kleinen Plastikboot erreichte ich Griechenland. Dann habe ich Europa per Bus, Zug und zu Fuß durchquert. Insgesamt kam ich durch elf Länder, bevor ich am 25. November 2015 Frankreich erreichte. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich bereits drei Monate unterwegs.

Ich war zunächst in Paris, dann eine Woche in Calais und kam am 4. Dezember zusammen mit zwei Afghanen und drei Sudanesen nach Taizé. Sieben Sudanesen waren bereits hier. Die zwei anderen Afghanen wollten nach zwei Tagen wieder weiterziehen, sodass wir zehn Sudanesen und ich waren. Ich sprach damals weder Französisch noch Englisch und es war sehr schwierig, mich verständlich zu machen. Aber ich wurde von den Brüdern und den Dorfbewohnern so herzlich aufgenommen, dass diese heute wie meine Familie sind.

Ich bin Muslim und fühle mich hier unter Christen sehr wohl. Wir beten alle zu Gott. Ich bin in Taizé zu Hause! Aber wenn sich die Lage in meinem Land einmal besser wird und dort wieder Frieden und Sicherheit einkehren, möchte ich natürlich dorthin zurück!

Nemat


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Eman, die Mutter einer irakischen Familie, sprach zu Jugendlichen:

Ich heiße Eman AL CHOCHONA und lebe mit meinem Mann Mithaq und unseren beiden Söhnen Manuel, sieben Jahre alt, und Noor, vier Jahre alt, im Nachbardorf Ameugny. Wir sind Christen aus dem Irak und gehören der Syrisch-Orthodoxen Kirche an. Wir lebten in Bartella, einer hauptsächlich christlichen Kleinstadt in der Ninive-Ebene in der Nähe von Mossul.

Im Juni 2014 eroberte der Islamische Staat Mossul und griff Anfang August die kurdischen Peschmerga-Kämpfer an, die Bartella verteidigten. Am 5. August mussten wir mitten in der Nacht alles zurücklassen und zusammen mit der ganzen Bevölkerung unserer Stadt nach Erbil im irakischen Kurdistan fliehen. Die erste Zeit schliefen wir auf dem Boden, dann bekamen wir ein Zelt, dann zusammen mit einer anderen Familie einen Wohnwagen. Im November konnten wir schließlich in eine 3-Zimmer-Wohnung umziehen, die wir uns mit zwei anderen Familien teilten. Wir lebten von der Hilfe verschiedener Hilfsorganisationen und Kirchen. Wir fanden keine Arbeit und das Leben war sehr hart: Unsere Kinder konnten nicht in die Schule gehen, wir hatten keine Zukunft und ständig Angst, weiterhin fliehen zu müssen.

So mussten wir schließlich den Irak verlassen. Im Januar 2015 nahmen wir mit einer Freundin Kontakt auf, die nach Frankreich geflohen war. Sie schickte unsere Unterlagen durch eine Hilfsorganisation in Paris an die Communauté. Die Brüder kümmerten sich um unsere Ausreisegenehmigungen und wir bekamen im Juni 2015 ein Visum für Frankreich sowie Flugtickets. Wir kamen am 12. Juni 2015 in Frankreich an. Die Brüder halfen uns bei all den Behördengängen und der Anerkennung als Flüchtlinge. Jetzt leben wir in Frieden in Ameugny; mein Mann hat Arbeit gefunden und die Kinder gehen in die Schule. Wir lernen mit Dorfbewohnern Französisch. Wir danken ihnen und den Brüdern für all Ihre Hilfe.

Wir verfolgen in diesen Tagen sehr aufmerksam die Ereignisse in Mossul und freuen uns, dass Bartella letzte Woche von der irakischen Armee befreit wurde, obwohl dabei viele Häuser und Kirchen zerstört worden sich. Doch unser Leben ist jetzt hier in Frankreich.

Eman


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Im Sommer erzählte Ibrahim (29) bei einem Treffen mit Frère Alois:
Brotherhood begins by listening to others

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Hassan (26) sprach während des Wochentreffens für Jugendliche zwischen 18 und 35 Jahren in der Versöhnungskirche:
article 20792 [article20792.html]

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