Besuch von Patriarch Bartholomäus in Taizé

Ansprache während dem gemeinsamen Gebet

Eminenzen,
Exzellenzen,
Lieber Bruder Alois,
Liebe Brüder der Communauté,
Meine Damen und Herren,
Liebe Freunde,

Christus ist auferstanden!

Seit vielen Jahren schon hatten wir den Wunsch einmal nach Taizé zu kommen, diesem Ort der geistlichen Ökumene, diesem Schmelztiegel der Versöhnung, diesem Ort der Begegnung, der, nach der beeindruckenden Vision von Frère Roger, seinem Gründer, Christen zueinander bringt.

Auch wenn dies das erste Mal ist, dass ein Ökumenischer Patriarch Ihre Communauté besucht – wir sind sehr froh über diese Gelegenheit –, so gehen die Verbindungen zwischen Taizé und dem Ökumenischen Patriarchat weit in die Vergangenheit zurück. Bereits 1962 hat Frère Roger zum ersten Mal den verstorbenen Ökumenischen Patriarchen Athenagoras von Konstantinopel besucht. Frère Roger wurde schon bald ein Bruder im Herzen für die Orthodoxie. Die ökumenische Sendung, die er verspürte, erstreckte sich über alle Familien der Christenheit, jede nach ihrer eigenen Identität. Wir sind davon überzeugt, dass Sie bis heute die Ikone aufbewahren, die der Ökumenische Patriarch Athenagoras Frère Roger anvertraut hatte. Diese Ikone der Muttergottes ist nicht nur ein Zeichen der Brüderlichkeit, die wir im Schutze unserer gemeinsamen Mutter, der Jungfrau Maria, wachsen lassen möchten, sondern diese Ikone ist auch die Perspektive unseres Gebetes für die Einheit der Christen. Um die untrennbare Verbindung zwischen Taizé und der Orthodoxie zu bezeugen, wurde am 15. April 1963 der Grundstein für eine orthodoxe Kapelle in Taizé gelegt, wodurch das östliche Christentum unabänderlich in diesen Mauern gegenwärtig ist.

Sie, lieber Frère Alois, haben diese schöne Tradition, die uns vereint, mit Treue weitergeführt. Wir denken mit Freude an Ihren Besuch in der Weihnachtszeit bei uns im Phanar, der schon 12 Jahre zurückliegt. Bei dieser Gelegenheit konnten wir Ihnen zeigen, wie sehr wir die Jugendtreffen unterstützen, die Sie am Ende jedes Jahres organisieren, um zu bezeugen, dass die getrennten Christen im Laufe der Zeit unaufhaltsam aufeinander zugehen und gemeinsam auf dem Weg der Einheit vorangehen. Jedes Jahr machen Sie uns die Ehre, unsere Grußbotschaft an die Teilnehmer des Europäischen Treffens zu veröffentlichen. Wir sind besonders glücklich darüber, dass wir zu dieser europäischen und christlichen Jugend sprechen können, die jedes Jahr einige Tage lang die Erfahrung einer – wenn auch unvollkommenen – Gemeinschaft macht, nach der wir uns sehnen. Pflegte Frère Roger nicht zu sagen: „Christus ist nicht auf die Erde gekommen, um eine neue Religion zu stiften, sondern um jedem Menschen eine Gemeinschaft in Gott zu ermöglichen.“ Vergessen wir dabei nicht den Pilgerweg des Vertrauens auf der Erde, der einen bedeutenden Teil Ihres ökumenischen Wirkens darstellt.

Lieber Frère Alois,

heute empfangen Sie uns in dieser schönen Versöhnungskirche. Die Versöhnung ist ein zentrales Thema im Christentum und wir müssen, unserer Meinung nach, drei Ebenen unterscheiden. Die erste Ebene ist die Versöhnung des Menschen mit dem Göttlichen. Das Werk Christi in der Welt ist ein Werk der Versöhnung, das über die Religion hinausgeht und den Schöpfer und sein Geschöpf sowohl vertikal als auch horizontal miteinander verbindet. Die Versöhnung in Christus stellt diesen in die Mitte der Menschheit, als Abbild Gottes und in eine dynamische Beziehung der Verähnlichung. Christus ist Versöhnung. Erinnern wir uns an die Worte des Apostels Paulus: „Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und uns das Wort von der Versöhnung zur Verkündigung anvertraute.“ (2 Korinther 5,19) Es ist übrigens interessant festzustellen, dass Paulus im Vers davor sogar von einem „Dienst der Versöhnung“ spricht. (2 Korinther 5,18) Die Versöhnung ist der Maßstab, mit dem wir unsere Gemeinschaft mit Gott und unsere Einheit in der Kirche in Einklang bringen müssen.

Die zweite Ebene geht direkt aus dem „Dienst der Gemeinschaft“ hervor, die wir gerade erwähnt haben. Er ist noch ökumenischer. Er antwortet auf das Eintreten für die Einheit der Christen, auf die die von uns geforderte Suche nach Versöhnung ausgerichtet ist. Wenn wir dies in einem einzigen Bild zum Ausdruck bringen müssten, würden wir das Bild der Heilung verwenden. Versöhnung bedeutet vor allem anderen eine Heilung der Wunden der Geschichte, der Narben der Zeit, des gegenseitigen Unverständnisses, der Konflikte, der Erinnerungen, des Bruderhasses. In diesem Sinne ist die Spaltung der Christen, auf die wir mit dem Gebet für die Einheit der Kirchen antworten, eine geistliche Wunde, für die jeder von uns Verantwortung trägt – ob wir es wollen oder nicht. Denn in Zeiten der Ökumene und der Suche nach Einheit kann es keine Versöhnung ohne Vergebung geben. Außerdem, so der Heilige Johannes Chrysostomos, duldet die Versöhnung keinen Aufschub. Wenn wir die Versöhnung wirklich vorantreiben wollen, müssen wir Verantwortung übernehmen und bereit sein, den ersten Schritt zu tun.

Die dritte Ebene hingegen ist von deutlich globalerer Art. Die Liebe Christi, die uns zu dieser Versöhnung drängt, umfasst die gesamte Menschheit. Die Versöhnung ist ein Ferment des Friedens, das uns die Kraft verleiht, historische Gegensätze zu überwinden, ein Mittel, um die sozialen Spannungen weltweit abzubauen und Konflikte zu entschärfen. Versöhnung ist daher eine globale Herausforderung für unsere Kirchen und für die Welt im Allgemeinen. Lassen Sie mich folgenden schönen lutherisch-katholischen Text zitieren mit dem Titel: „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“. Dieser Text beschreibt – im Gedenken an den 500. Jahrestag der Reformation – auf unübertreffliche Weise den geistlichen und ökumenischen Weg, auf den uns das Prinzip „Versöhnung“ führt. Es wird dort insbesondere betont: „Ökumenisches Engagement für die Einheit der Kirche dient nicht nur der Kirche selbst, sondern auch der Welt, damit die Welt glaubt. Die missionarische Aufgabe der Ökumene wird größer, je pluralistischer unsere Gesellschaften in religiöser Hinsicht werden. Auch hier sind Umdenken und Umkehr gefordert.“ (243)

Die Herausforderung der Versöhnung übersteigt uns, genauso wie das historische Ereignis, das die Orthodoxe Kirche im Heiligen und Großen Konzil im Juni 2016 in Kreta erlebt hat. Dort ging es nämlich nicht nur darum, die einzelnen Tagesordnungspunkte – so wichtig sie auch sind – zu untersuchen, sondern um die Wirklichkeit und den Platz der gesamten Orthodoxie in der heutigen Welt. In einer Zeit der Globalisierung muss die Orthodoxe Kirche in der Lage sein, Instrumente zu entwickeln, mit denen sie auf die Herausforderungen der Moderne antworten kann. Das Heilige und Große Konzil stellt ein entscheidendes Ereignis dar, denn es ist sowohl ein Ereignis der kirchlichen Gemeinschaft, die die Einheit der gesamten Orthodoxie zum Ausdruck bringt – diese Einheit wird im übrigen nicht von den autokephalen Orthodoxen Kirchen infrage gestellt, die aufgrund eines theologischen Prinzips der Katholizität nicht daran teilgenommen haben, – als auch die absolute Notwendigkeit einer Erfahrung eines weltweiten Konzils. Die Konziliarität ist in der Tradition der Orthodoxie auf lokaler und regionaler Ebene verankert, aber auf Weltebene muss sie heute (wieder-)entdeckt werden. So danken wir Gott, dass das Heilige und Große Konzil stattfinden konnte und hoffen, dass es lediglich einen Ausgangspunkt darstellt für eine neue Konziliarität, als Synonym für das Leben der Kirche. In der Botschaft des Heiligen und Großen Konzils ist zu lesen: „Die Orthodoxe Kirche bringt im Konzil ihre Einheit und ihre Katholizität zum Ausdruck. Ihre Konziliarität formt ihre Organisationsstruktur, die Art und Weise, wie sie Entscheidungen trifft und sie ihr Schicksal bestimmt.“

Liebe Freunde,

um zu verstehen, was Taizé für die Orthodoxe Kirche bedeutet, können wir auf Olivier Clément zurückgreifen. In seinem schönen Buch „Taizé – ein Sinn für das Leben“ spricht der orthodoxe Theologe über Taizé nicht nur als Gemeinschaft im institutionellen Sinn, sondern auch – und in erster Linie – als Ereignis. „Das Ereignis Taizé“ kristallisiert seiner Ansicht nach die Erwartungen einer Jugend, die nicht mit sich zurechtkommt, der es schwerfällt zu glauben. „Das Ereignis Taizé“ wirkt wie ein starkes Gleichnis von Umkehr und Versöhnung, mit dem Schwerpunkt auf dem inneren Leben, das es ermöglicht, sich auf das Geheimnis der Einheit einzulassen und gleichzeitig am Leben der Welt teilzuhaben. Olivier Clément schreibt insbesondere: „Das Gebet entbindet uns nicht von den Aufgaben dieser Welt: Es macht uns noch verantwortlicher. Nichts ist verantwortungsvoller als zu beten.“

Diese Worte klingen kraftvoll in der orthodoxen Tradition und fordern uns auf, den Sinn der Versöhnung durch das Geheimnis der Auferstehung zu vertiefen. Die liturgische Zeit, in der wir uns befinden, lädt uns auf besondere Weise dazu ein, weil wir in ihr die Wurzeln des Geheimnisses des christlichen Glaubens berühren. Irenäus von Lyon schreibt: „Durch die Gemeinschaft mit ihm hat der Herr den Menschen mit dem Vater versöhnt, indem er uns mit ihm durch seinen menschlichen Leib versöhnt und durch sein Blut erlöst hat …“ (Adv. Haer. V, 14,3)

In seinem Tod und seiner Auferstehung hat Christus uns mit Gott versöhnt. In den Tagen, in denen wir, im christlichen Osten wie im Westen, die österlichen Gesänge gemeinsam singen, beten wir weiterhin, dass das Licht der Auferstehung uns auf dem Weg der Einheit und der Gemeinschaft führen möge.

Vielen Dank für Ihre Gastfreundschaft!

Christus ist auferstanden!


Printed from: http://www.taize.fr/de_article21846.html - 17 October 2017
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