Festhalten an der Hoffnung

Donnerstag, 27. Juli 2017

Für uns Brüder ist es jedes Mal eine große Freude, euch alle hier aufnehmen zu dürfen. Ihr kommt aus so vielen verschiedenen Ländern, aus China, Korea und Australien, aus Nord- und Südamerika, Finnland und Südafrika, den arabischen Ländern. Dies ist sehr schön!

Diese konkret gelebte Gemeinschaft ist für uns alle ein großes Geschenk. Es gibt Hoffnung, dass die Solidarität in der menschlichen Familie größer wird. Und ich denke, dass dies auch jedem Einzelnen hilft, mit Mut und Zuversicht in die Zukunft zu schauen.

Am Anfang der Woche hat jeder die „Vorschläge für 2017“ bekommen. Der erste dieser vier Vorschläge lautet: „Festhalten an der Hoffnung – sie setzt schöpferische Kräfte frei.“

Wir verwechseln die Hoffnung nicht mit einem diffusen Optimismus, dass im Leben und auf der Welt schon alles gut werden wird. Ich erinnere mich noch, dass in meiner Jugend viele der Überzeugung waren, dass durch den technischen Fortschritt das Miteinanderteilen auf der Welt gefördert und die Armut beseitigt würde.

Diese Erwartung hatte auch ihre guten Seiten und vieles hat sich tatsächlich zum Positiven verändert. Aber gleichzeitig ist die Kluft zwischen Arm und Reich noch tiefer geworden. Der Reichtum unseres Planeten ist nicht gerecht verteilt und das Leben auf unserem Planeten ist bedroht. Werden wir also die Hoffnung verlieren?


Letzte Woche haben wir mit 300 Jugendlichen über eines der schwerwiegendsten Probleme für die Zukunft der heutigen Menschheit nachgedacht, die Migration auf der Welt.

Die zunehmende Zahl von Flüchtlingen bringt Probleme mit sich, für die es keine einfachen Lösungen gibt. Es ist, als ob wir auf diese Situation überhaupt nicht vorbereitet gewesen sind. Und ich möchte noch einmal das sagen, was ich letzte Woche gesagt habe: ’Wir werden in diesen Fragen keine Lösungen finden, wenn wir nicht den persönlichen Kontakt mit Menschen suchen, die gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen.‘

Wie kann man angesichts dieser beunruhigenden Fragen eine schöpferische Hoffnung finden? In Taizé möchten wir mit euch allen an die Quelle unserer Hoffnung gehen. Wir kommen dreimal am Tag in dieser Versöhnungskirche zusammen, um unseren inneren Durst zum Ausdruck zu bringen und gemeinsam an diese Quelle zu gehen.

Welches lebendige Wasser gibt uns diese Quelle? Die einzige Antwort, die ich geben kann, lautet: ’Gott will sich uns selbst geben.’ Jesus hat uns versprochen: ’Durch den Heiligen Geist kommt Gott und wohnt in uns.’ Nach Jesu Auferstehung, nach seinem Sieg über Tod, Hass und Gewalt, hat er zu seinen Jüngern gesagt: ’Empfangt den Heiligen Geist.’ Und heute haucht er denselben Geist über uns.

Unsere Hoffnung ist in diesem Gebet zusammengefasst: Dein Reich komme! Dieses Gebet hat Jesus uns gelehrt. Ja, wir erwarten tatsächlich die Herrschaft der Liebe Gottes und dass dieses Reich für alle kommen möge, für ausnahmslos jeden Menschen!


Bereits jetzt kommt Gott im gemeinsamen Gebet und in der Stille unseres persönlichen Gebets auf uns zu, so ärmlich dieses Gebet auch sein mag. Er begegnet uns durch sein Wort, das wir morgens, mittags und abends hier lesen. Und er kommt in der Eucharistie auf uns zu.

Die Eucharistie fasst das Geheimnis unseres Glaubens zusammen und ich möchte heute Abend einige Worte dazu sagen. Unter den Zeichen von Brot und Wein gibt sich Christus uns hin. Auch wenn unser Glaube sehr klein ist, können wir darauf vertrauen, dass Christus selbst sich uns hingibt und wir uns ihm nähern können, um ihn zu empfangen. Er möchte durch diese himmlische Speise unsere Kraft sein.

Ja, es ist wirklich eine himmlische Speise, auch wenn wir nur ein wenig Brot und Wein sehen.

Am letzten gemeinsamen Abend mit seinen Jüngern hat Jesus diesen Weg gewählt, um mit uns in Gemeinschaft zu bleiben. Wir möchten uns diesem Geheimnis stets mit großem Respekt und im Geist der Anbetung nähern. Den Leib und das Blut Christi, das heißt sein Leben, im Glauben zu empfangen, bedeutet, unsere Hoffnung zu feiern.

Es stimmt, dass vielleicht nicht alle den Glauben an die Eucharistie teilen und manche sich aus Respekt diesem Sakrament nicht nähern. Diese Menschen haben aufgrund dessen jedoch nicht weniger Anteil an der Gemeinschaft mit Christus, mit der Quelle unserer Hoffnung. Gott ist frei und er findet einen Weg in das Herz eines jeden von uns.

Und Jesus kommt auch auf andere Weise auf uns zu: Die Schönheit der Schöpfung und der Kunst sind ein Abbild von Gott, sie öffnet uns ein Fenster zu ihm hin. Und wir können Christus auch, so überraschend dies klingen mag, in denjenigen begegnen, die ärmer sind als wir. Er hat sehr klar und deutlich gesagt: ’Was wir für einen der Kleinsten tut, das habt ihr mir getan.’

Am Ende dieser Woche fahrt ihr wieder nach Hause. Nachdem ihr aus der Quelle geschöpft habt, möchte Gott euch zu Zeugen der Hoffnung machen, und diese Hoffnung besteht im Folgenden: Seine Liebe wird das letzte Wort in der Geschichte der Welt und in der Geschichte jedes einzelnen Menschen haben.


Ich habe über die große Vielfalt unter uns gesprochen und wir sollten nun noch auf die Stimme eines Landes hören, das wir alle sehr lieben. Jugendliche aus diesem Land kommen, wenn auch nicht sehr zahlreich, hierher.

Ich habe heute Abend Maeva aus Madagaskar gebeten, zu uns darüber zu sprechen, welche Hoffnung sie für ihr Land hat. Sie studiert zurzeit in Algerien und bereitet mit drei anderen Studenten ein Jugendtreffen vor, das jeden Sommer in Tlemcen, in Algerien, stattfindet und so ähnlich abläuft, wie die Treffen hier in Taizé.


Maeva: Mein Name ist Maeva und ich bin seit fünf Wochen als Freiwillige hier in Taizé. Wie Frère Alois gesagt hat, organisieren wir in einer Woche in Tlemcen, in Algerien, zwei Jugendtreffen, so ähnlich wie hier, vor allem für Studenten aus den verschiedenen Teilen Afrikas, die in Algerien studieren.

Meine Heimat Madagaskar gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Im Januar 2009 hat eine schwere politische Krise das Land erschüttert, es kam zu Unruhen und großer Gewalt, der Hunderte von Menschen zum Opfer gefallen sind. Ich war damals 11 Jahre alt und ich erinnere mich noch genau an die Bilder im Fernsehen mit den vielen Toten und der allgemeinen Panik. Wir haben uns um meinen Vater große Sorgen gemacht, der sehen wollte, was passiert ist und nicht zurückgekehrt war.

In dieser sehr ernsten Situation ist es dem Rat der Kirchen von Madagaskar gelungen, beide Konfliktparteien an den Verhandlungstisch zu bringen und den Weg für Neuwahlen zu ebnen. Trotz der Schwere der Situation, wurde am Sonntag ein Waffenstillstand ausgerufen, weil die Gläubigen in die Kirchen strömten. Durch den Glauben haben wir in dieser schweren Zeit durchgehalten und die Hoffnung bewahrt, dass eine Lösung für unser Land gefunden wird.

In meinem Land gibt es viele junge Christen. Wir haben dies zum Beispiel bei einem christlichen Jugendtreffen in unserem Land erlebt. Dadurch sind wir aufgewacht und haben verstanden, dass wir uns in jeder Hinsicht für die Veränderung der Verhältnisse in unserem Land einsetzen können. Das Treffen war eine Quelle der Hoffnung.

Ich komme aus einer sehr armen Gegend und suche dort nach Wegen, um meinem Land zu helfen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sich die Lage beruhigt, dass es uns gelingt, das Elend im Land zu bekämpfen, vor allem die Armut so vieler Menschen. Ich danke euch, dass ihr mir zugehört habt.

Printed from: http://www.taize.fr/de_article22402.html - 17 October 2017
Copyright © 2017 - Ateliers et Presses de Taizé, Taizé Community, 71250 France