Die Freundschaft Christi zu jedem Menschen

Donnerstag, 17. August

Wir haben heute Abend für die Opfer des Anschlags in Barcelona gebetet. Die Jugendlichen von dort, die unter uns sind, machen uns besonders verbunden mit all denen, die die Ereignisse direkt miterlebt haben. Im Anschluss singen wir heute Abend El Senyor, einen Gesang auf Katalanisch, in dem es insbesondere heißt: “No tinc por! Hab keine Angst!”


Seit über 50 Jahren sind mehrere Generationen von Jugendlichen auf unseren Hügel gekommen. Für uns Brüder ist es eine Freude, euch hier aufnehmen zu können. Frère Roger hatte sehr früh erkannt, wie wichtig es ist, jungen Menschen zuzuhören und ihnen in der Gesellschaft und in der Kirche eine Stimme zu geben.

Gestern haben wir an Frère Roger gedacht. Er wurde am 16. August 2005 hier in der Kirche getötet. Sein Elan und sein Vertrauen haben sich wie durch Osmose auf die Communauté übertragen. Als Zeichen des Danks für sein Leben haben wir in diesen Tagen die Freundschaftsikone in der Kirche neben den Altar gestellt: Frère Roger hat diese Ikone geliebt, die die Freundschaft Christi zu jedem Einzelnen von uns illustriert.

In einem Moment der Geschichte, als es kaum noch Hoffnung gab, zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, ließ sich der junge Roger – er war damals 25 Jahre alt – nicht entmutigen. Er glaubte daran, dass Frieden möglich sei und dass die Christen einen Beitrag dazu leisten können.

Er hatte damals gerade selbst große Zweifel durchgemacht und sich gefragt: ‚Wenn Gott die Liebe ist, warum rechtfertigen die Christen dann mit allen Mitteln ihre Trennungen? Wenn Gott die Liebe ist, müssten die Christen dies durch ihr Leben zeigen und Zeugen der Versöhnung sein.‘

Daraufhin entschied er sich, selbst ein Leben der Versöhnung und des Friedens zu führen. Er hat bis zum Ende seines Lebens nur wenig geschrieben, sondern gesagt: ‚Wir müssen zuerst dem Ruf des Evangeliums zu Frieden und Versöhnung folgen; schreiben kann man später noch.‘

Dann haben sich ihm die ersten Brüder angeschlossen, um durch ihr gemeinsames Leben für immer ein Zeichen des Friedens Christi zu sein.

Zusammen mit den ersten Brüdern der Communauté mussten unzählige Schwierigkeiten bewältigt werden, über die Frère Roger nur ungern sprach. Ich selbst bin in den 1970er-Jahren nach Taizé gekommen. Die Brüder meiner Generation und die danach kamen, sind unendlich dankbar für die Beharrlichkeit der ersten Generation von Brüdern.


Woher nahm Frère Roger diese innere Kraft? Eine Antwort darauf hat er selbst gegeben, als er seinen Weg der Versöhnung zwischen den Christen folgendermaßen zusammenfasste: „Ich habe meine Identität als Christ darin gefunden, den Glauben meiner Herkunft mit dem Geheimnis des katholischen Glaubens zu versöhnen – ohne mit irgendjemandem zu brechen.“ Manchmal fügte er noch hinzu: „… und mit dem orthodoxen Glauben.“

Er konnte seine Identität als Christ nicht mehr in einem Bekenntnis finden, das sich anderen entgegenstellt. Er hat die den verschiedenen Konfessionen anvertrauten Gaben angenommen und geliebt. Er kam zur Überzeugung, dass sich diese Gaben nicht gegenseitig ausschließen, sondern einander ergänzen und sich sogar gegenseitig korrigieren.

In seinen Augen führte die Spaltung der Christen zu einer großen Verarmung. Wenn sich unsere verschiedenen Traditionen einander entgegensetzen und die jeweils anderen nicht mehr gelten lassen, verhärten sie sich und schrumpfen. Wir sind aufeinander angewiesen, damit das Evangelium strahlen kann.

Frère Roger stammte aus einer Kirche der Reformation und hat in der Gemeinschaft mit der Katholischen Kirche und mit der Orthodoxen Kirche eine Erweiterung seines Glaubens gefunden. Ich selbst stamme aus einer katholischen Familie, aber ich kann sagen, dass ich in Frère Roger und den ersten Brüdern die Gaben der reformierten Kirchen und der Ostkirchen entdeckt habe.

Die Liturgie der Christen des Ostens führt uns in die Anbetung. Durch ihre Feierlichkeit und ihre Schönheit drückt sie das Geheimnis Gottes aus, das unendlich über uns hinausgeht und uns trotzdem sehr nahe ist. Ich werde nie die Besuche vergessen, die wir in den letzten Jahren als Pilger mit Jugendlichen nach Moskau, Kiew, Minsk und Bukarest gemacht haben, um mit Christen des Ostens das Osterfest zu feiern.


Aber worin bestehen diese Gaben der Kirchen der Reformation, die für meinen eigenen Glauben so bedeutsam geworden sind? Ich möchte vier davon nennen: Der Allererste ist die Liebe zur Schrift. Die Reformation hat die Bibel in die Mitte des christlichen Lebens gestellt. Gott spricht durch sie zu uns. In den Evangelien hören wir die Stimme Jesu; in ihnen begegnet er uns.

Weiter erinnerte uns die Reformation daran, dass Gott die Liebe ist, und zwar bedingungslos. Diese Botschaft der Freiheit sollte in Taizé sehr stark zum Ausdruck kommen.

Die dritte Gabe der Reformation ist es, daran zu erinnern, dass alle Gläubigen eine persönliche Beziehung mit Gott leben können und dass diejenigen, die in der Kirche ein Dienstamt haben, dieser persönlichen Beziehung jedes Gläubigen mit Gott dienen.

Eine vierte Gabe der Reformation ist es, die Gewissensfreiheit zu verteidigen. Frère Roger hat dies auf bewundernswerte Weise gelebt – nicht in Form einer Toleranz für alles, sondern viel tiefer als ein Vertrauen, das er jedem Menschen entgegenbrachte.

Er war überzeugt, dass Gott in jedem Menschen gegenwärtig ist, auch wenn dieser sich dessen nicht bewusst ist. Er konnte den Menschen helfen, an ihre Fähigkeiten zu glauben. Unzählige Menschen haben auch nach einer kurzen Begegnung mit ihm ein Vertrauen wiedergewonnen, um wichtige Entscheidungen in ihrem Leben zu treffen.

Natürlich werden diese vier Gaben der Reformation heute auch von den anderen Kirchen geteilt. Dennoch ist es wichtig anzuerkennen, wie sehr die Reformation in der Geschichte diese Grundwerte des christlichen Lebens hervorgehoben hat.

Im dritten „Vorschlag für 2017“ findet ihr einige Anregungen, um die Einheit der Christen sichtbar zu leben. Nur wenn wir zusammen sind, kann sich die Dynamik des Evangeliums entfalten. Jeder von uns kann dazu beitragen!


Und nun noch etwas ganz anderes: Diese Woche sind wir auf besondere Weise mit vielen jungen Afrikanern verbunden, die in der algerischen Stadt Tlemcen zusammengekommen sind. Da es oft schwierig ist, ein Visum für Frankreich zu bekommen, sind vier Jugendliche von dort für einige Wochen hier gewesen und haben dort zwei Wochentreffen wie in Taizé vorbereitet.

Ende September findet in Afrika ein weiteres Treffen statt: Mit 100 jungen Europäern fahren wir nach Ägypten, um mit 100 jungen Ägyptern und Jugendlichen aus dem Nahen Osten einen mehrtägigen Pilgerweg zu unternehmen.

In diesen Tagen bereiten uns die Spannungen in Fernost große Sorgen. Umso dankbarer sind wir, Kontakt zu Menschen in Nordkorea zu haben.

Über unsere „Operation Hoffnung“ haben wir gerade 20 Tonnen Sojabohnen nach Nordkorea geschickt. Gestern hat ein LKW die Grenze von China nach Nordkorea überquert, um diese Sojabohnen in eine Fabrik zu bringen, wo Sojamilch für Kleinkinder hergestellt wird.

Wir beten für den Frieden und für die Armen in Nordkorea. Und wir freuen uns über die Anwesenheit Jugendlicher aus China, Korea und Fernost hier unter uns. Ich habe heute Abend Jing gebeten, zu uns zu sprechen.

Jing: Guten Abend! Ich heiße Jing und komme aus Peking, der Hauptstadt von China. Ich bin 28 Jahre alt und habe bisher in einem Werbebüro gearbeitet. Aber ich habe gekündigt, um für drei Monate nach Taizé zu kommen. In meiner Kirche zu Hause gibt es neben den Gottesdiensten unterschiedliche Aktivitäten für die verschiedenen Altersgruppen. Wir sprechen miteinander und lernen vom Leben und den Erfahrungen der anderen. Einmal im Monat organisieren wir einen Abend für Neuankömmlinge in unserer Gemeinde, bei dem wir gemeinsam zu Abend essen, um uns besser kennenzulernen.

Die Zahl der Christen in China wächst ständig, vor allem unter der jüngeren Generation, deren Familien nicht an Gott glauben oder die anderen Religionen angehören. Ich bin einer dieser jungen Leute. Ich wurde vor drei Jahren getauft. Meine Mutter ist Buddhistin und meine Schwester Taoist. Das Leben als Glaubender in China ist nicht leicht. Junge Menschen müssen oft Überstunden machen und arbeiten am Wochenende, so hat man kaum Zeit, in die Kirche zu gehen. Und in ländlichen Gegenden hören die Menschen kaum etwas über Gott und den christlichen Glauben.

Ich möchte euch bitten, für die Christen in China zu beten, und auch für die, die keine Gelegenheit haben, etwas über Gott zu erfahren. Doch nächstes Jahr wird vom 8. bis 12. August in Hongkong eine Etappe des Pilgerwegs des Vertrauens, ein Internationales Taizétreffen, stattfinden. Im Namen aller chinesischen Christen und meiner Freunde aus Hongkong möchte ich euch alle zu diesem Treffen einladen. Gemeinsam werden wir den einen Herrn und Gott feiern. Ich danke euch!


Printed from: http://www.taize.fr/de_article22480.html - 17 October 2017
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