Worte von Frère Alois

Unser Leben vereinfachen, um miteinander zu teilen

Donnerstag, 10. August

Mitten in diesem Sommer möchte ich heute Abend sagen, wie sehr ich diejenigen unter euch bewundere, die für längere Zeit hier auf dem Hügel mitleben – als Permanents, wie wir sie nennen, für ein Jahr oder als Freiwillige für mehrere Wochen. Durch ihre Mithilfe sind die Jugendtreffen hier erst möglich.

120 Jugendliche von ihnen kommen von den anderen Kontinenten – aus Asien, Afrika, Lateinamerika und dem Nahen Osten. Die meisten von ihnen sind zum ersten Mal in Europa und müssen sich als Erstes an vieles gewöhnen: das Essen, das Klima und den Umgang miteinander. Wir danken ihnen, dass sie sich auf dieses Abenteuer einlassen. Wir möchten ihnen zuhören, um ihre Länder und ihr Leben als Christen dort besser kennenzulernen.

Diesen Sommer sind besonders viele arabische Christen unter uns, aus Ägypten, Palästina, Jordanien und dem Libanon. In ihren Heimatländern herrschen oft große Spannungen. Damit sie sich hier ein Stück mehr zu Hause fühlen, singen wir seit Kurzem das Lied „Ubi caritas“ auf Arabisch. Viele stellen mit Überraschung fest, dass Gott auf Arabisch „Allah“ heißt, und dass Christen und Muslime seit jeher das gleiche Wort verwenden.

Wir fühlen uns diesen jungen arabischen Christen sehr nahe. Ende September fahren wir zu einigen Brüdern zusammen mit 100 Jugendlichen aus Europa und dem Nahen Osten nach Ägypten, um einige Tage mit 100 jungen Ägyptern gemeinsam zu beten.

Brüder der Communauté machen auch im Libanon Besuche. Dabei entdecken sie an vielen Orten Initiativen, die sich für einen Dialog zwischen Christen und Muslimen einsetzen. Wir freuen uns ganz besonders, dass momentan zwei junge Muslime aus dem Libanon hier unter uns sind, Mohammed und Ali. Ich möchte ihnen für ihren Mut danken, an einem christlichen Ort mitzuleben.


Wir alle können hier auf dem Hügel unser Leben miteinander teilen. Dies ist besonders durch die einfachen Lebensumstände möglich. Ihr nehmt lange Essensschlangen in Kauf, dass man in der Kirche auf dem Boden kniet oder sitzt, und die schwache Internetverbindung … Kurz: Die einfachen Lebensumstände helfen, Freundschaft zu stiften.

Bei der Ankunft hat jeder ein Heft mit den „Vorschlägen für 2017“ erhalten. Der zweite dieser Vorschläge lautet: „Unser Leben vereinfachen, um miteinander zu teilen“. Für uns Brüder ist es ganz wesentlich, unser Leben ständig zu vereinfachen und im Geist des Miteinanderteilens zu leben. Das macht unser Leben wie zu einem Mikrokosmos einer weltumspannenden Geschwisterlichkeit.

Für die ersten christlichen Gemeinden war das materielle Miteinanderteilen untrennbar mit ihrem Glauben an Christus verbunden. Wenn unsere Gemeinden, Gemeinschaften und kirchlichen Bewegungen einen größeren Wert auf ein solches Miteinanderteilen legen würden, wären wir ein klareres Zeichen des Evangeliums!

In Jesus Christus hat Gott unser menschliches Leben bis zum Tod geteilt, ja sogar bis zu einem gewaltsamen Tod am Kreuz. Und Jesus ist von den Toten auferstanden. Wenn wir ihm vertrauen, macht er uns zu Zeugen seiner Liebe. Er zeigt uns, wie wir angesichts des Leidens vieler Menschen konkrete Zeichen des Miteinanderteilens setzen können – wenn wir sehen, wie demütigend die Armut ist und was Obdachlose und Menschen auf der Flucht durchmachen.

Gehen wir mit Mut auf andere zu, auch wenn wir sehr wenig, ja fast nichts haben! Anderen etwas von unserer Zeit zu schenken, ist bereits sehr viel in einer Welt, in der so vieles auf Leistung ausgerichtet ist und darauf, keine Zeit zu verlieren. Überlegen wir, wie jeder von uns einfacher leben kann! Dann lernen wir, die Schöpfung und ihre Schönheit zu schätzen.

Es ist tatsächlich so, dass wir manchmal Angst haben, mit anderen zu teilen. Aber wenn wir unsere inneren Widerstände überwinden, erfahren wir Freude.

Dies erleben wir jedes Jahr bei der Vorbereitung der Europäischen Jugendtreffen nach Weihnachten. Die Gastfreundschaft, die so vielen Jugendlichen gewährt wird, schenkt große Freude – sowohl denen, die aufgenommen werden, als auch denen, die andere aufnehmen. Und dieses Jahr in Basel werden wir mit offenen Armen erwartet.


Je mehr wir die Nähe Christi suchen, desto freier werden wir, mit anderen zu teilen. Aber es ist sehr wichtig, dass unser Einsatz für andere in der Liebe verwurzelt ist, die Gott zu uns hat. Deshalb kommen wir dreimal am Tag hier in der Kirche zusammen. Wir schöpfen aus der Quelle der Liebe, indem wir uns Christus zuwenden, der am Kreuz diese Quelle geöffnet hat, indem wir uns dem Heiligen Geist öffnen, der diese Quelle Tag und Nacht in uns zum Sprudeln bringt.

Wir sind in Taizé sehr dankbar dafür, wie Papst Franziskus immer wieder zu einem Leben in Freude, Einfachheit und Miteinanderteilen mit den Ärmsten der Armen ermutigt.

Er hat mich bereits dreimal zu einem persönlichen Gespräch empfangen. Diese Woche habe ich ihm geschrieben, und ihm von den Begegnungen in diesem Sommer erzählt. Ich möchte euch alle bitten, jeden Tag für ihn zu beten. Selbst ein ganz kurzes Innehalten genügt. Papst Franziskus weckt Hoffnung auf Frieden unter den Menschen, über die katholischen Gläubigen und sogar über die Christen hinaus.



Razan: Guten Abend. Ich heiße Razan und bin 22 Jahre alt. Ich komme aus Bethlehem in Palästina und studiere Ergotherapie an der Universität von Bethlehem. Ich gehöre zur Don-Bosco-Kirche, wo es auch eine Schule gibt. Es ist ein Ort, an dem Muslime und Christen unterschiedliche Aktivitäten gemeinsam gestalten.

Obwohl wir hier in Taizé aus verschiedenen Ländern Kulturen und religiösen Glaubensrichtungen kommen, leben wir in Frieden zusammen und können miteinander teilen. Dies ist möglich, weil wir alles zurückgelassen haben – vor allem den Lärm der Welt – um füreinander da zu sein.

Jesus hat gesagt: „Geh, verkauf was du hast, und folge mir nach.“ Dies bedeutet, dass Reichtum und Frieden in unserem Herzen liegt. Das Leben hat nur einen Sinn, wenn wir es miteinander teilen. Jede Tat wird bedeutungslos, wenn wir damit nicht einem anderen dienen.

Wenn jeder von uns wieder nach Hause zurückkehrt, sollten wir alle versuchen einfach zu leben. Beten wir füreinander, für die, die wir hier kennengelernt haben, damit auf diese Weise jeder von uns in seiner eigenen Umgebung zu einem Träger des Friedens und der Einfachheit des Herzens wird!



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[1Photo: Vincent Bellec

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