Warum kann man sagen, dass Jesus „für uns“ gestorben ist?

Was in der jüdischen Tradition und der des Neuen Testaments selbstverständlich zu sein schien, stellt für unsere Zeit des ausgeprägten Individualismus eine Schwierigkeit dar. Im Gegensatz zum heutigen „Jeder für sich“ wurde damals jeder einzelne Mensch als repräsentativ für die ganze Menschheit angesehen, für eine als Einheit betrachtete Menschheit, nicht abstrakt, sondern als eine Wirklichkeit geistlichen Ranges. Dies uns vorzustellen, fällt uns heute schwer.

Dennoch machen auch wir Erfahrungen enger menschlicher Solidarität und tiefer Gemeinschaft, bei denen wir ahnen, dass die Menschheit eins ist und jeder Mensch dieser Tatsache Gestalt geben kann. Denken wir an unsere Ergriffenheit, wenn sich jemand anbietet, für einen anderen zu sterben (wie zum Beispiel P. Maximilian Kolbe). Denken wir an die vielen Männer und Frauen, die nicht zögern, ihr Leben für andere auf Spiel zu setzen; oder die es ohne Aufhebens in einem Dienst verbrauchen lassen, als würde es den anderen gehören. Denken wir auch an manches Leiden von Menschen, das uns nahegeht als wäre es unser eigenes. Bei all diesen Gelegenheiten kann man erkennen, dass sich die Menschheit nicht darauf beschränkt, sich als Nebeneinander von Einzelwesen darzustellen, sondern nach einer Einheit strebt, für die jeder Mensch repräsentativ ist. In diesen Sinn sprach Frère Roger gerne von der „Menschheitsfamilie“.

In solcher Perspektive kann man Jesus auf einzige und absolute Art als den Menschen schlechthin bekennen, wie es Pilatus ebenso unbewusst wie unüberholbar tat: „Seht, da ist der Mensch“. Ein solcher Satz hat bei Johannes freilich zwei Bedeutungsebenen: Seht euren Mann, das Individuum, das ihr zu mir gebracht habt. Und: Seht das eigentliche Bild des Menschen, wie es der Schöpfer ewig angelegt hat, seht den wahren Vertreter jedes Menschen in den Augen Gottes.

Bei der Art, wie Gott vorgeht, um die Menschheit im Innersten zu erreichen, versteht man das Warum der Menschwerdung und des Leidens Christi nicht, wenn man in ihm nicht den Sohn Gottes erkennt, der zum Bruder eines jeden von uns wird. Unser Bruder, und viel mehr noch unser Vertreter vor Gott – besser gesagt: meine gleichsam persönliche Gegenwart bei Gott. Man kann sagen, dass er unseren Platz einnimmt, um vor Gott eine menschliche Existenz zu führen, die vollkommen auf die Liebe seines Vaters antwortet, und dass er sich an unserer Statt dem Unheil des Todes stellt. Paradoxerweise jedoch nimmt er unseren Platz ein, ohne ihn uns wegzunehmen, sondern indem er uns ihn im Gegenteil ganz und gar einräumt.

Durch seine Geburt als Mensch nimmt er mein Leben in sich auf, um mir an seinem Anteil zu geben: an seinem Leben auf der Erde, ganz aus Freiheit und Gehorsam, an seinem schmerzvollen und siegreichen Kreuz, an seinem Leben in der Ewigkeit. Die Selbsthingabe ist in ihm angesichtsdes Unheils seines Todes so groß, dass er sie in Segen für sich und für uns verkehrt. So ist er, für mich, für dich, für uns. Und genau deshalb spricht der Apostel von der Taufe als der Art und Weise, in der der Vater uns durch den Heiligen Geist auf die menschliche Existenz des gestorbenen und auferstandenen Jesus aufpfropft.

Frère Pierre-Yves

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