Der Islam in Bangladesh

Einer der Brüder, die seit Jahren in Bangladesh leben, erzählte vom Leben in der muslimischen Welt.

Ich lebe seit dreißig Jahren in Bangladesh, dem drittgrößten muslimischen Land der Erde. Das größte ist Indonesien, danach kommt Indien und dann Bangladesh, obwohl Pakistan mit 130 Millionen Muslimen Bangladesh diesbezüglich übertrifft.

Heute ist der Islam in Bangladesh viel präsenter, als vor Jahren, als wir hier ankamen. Damals spürte man bei weitem noch nicht so viel davon.

Mitte der 70er Jahre erholte sich das Land allmählich vom Unabhängigkeitskrieg von Pakistan, dem Teil des indischen Empire, der sich – mehrheitlich muslimisch - von Indien getrennt hatte. Man trennte sich damals weder aus religiösen noch aus geographischen Gründen, sondern wegen der Sprache. Im Grunde fand der Unabhängigkeitskrieg statt, um weiterhin Bengali sprechen zu können, und nicht Urdu, das manche als Nationalsprache einführen wollten. Bengalischer Nationalismus beruht auf der Sprache. Drei Jahre nach dem Unabhängigkeitskrieg war das Land offiziell selbstständig und die gemeinsame Sprache spielte eine einende Rolle für das Land. Der Islam war präsent, spielte aber im öffentlichen Leben keine Rolle.

Die erste Überraschung erlebte ich damals während einer großen Versammlung der Unabhängigkeitspartei. Plötzlich wurde abgebrochen und zum Gebet gerufen. Der Redner sagte damals, er würde nun beten. Das war 1977. Ein Jahr darauf wurde die Präsenz des Islam immer sichtbarer. Wenn man heute den Gebetsruf hört, bleiben die öffentlichen Busse stehen, damit jeder, der möchte, beten kann. Allerdings wurde niemand zu Gebet gezwungen. Über die Jahre hinweg trat der Islam zunehmend in der Öffentlichkeit in Erscheinung.

Zu einer große Veränderung kam es 1978, als der Präsident die Verfassung änderte, und als Präambel den ersten Vers des Korans einfügte: „Im Namen des allmächtigen und gnädigen Gottes“. Der Islam wurde Staats- bzw. vom Staat geförderte Religion. Dennoch wurde die Religionsfreiheit gewahrt. Was wichtig ist, und was in nicht vielen muslimischen Ländern so ist: niemand wird verhaftet oder vor Gericht gestellt, weil er sich vom Islam abwendet.

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