Die Brüder in Bangladesch

Brüder aus Taizé leben seit 1974 in Bangladesh. Nach einigen Jahren in Chittagong waren sie nach Dhaka, der Hauptstadt des Landes, umgezogen. Seit 1987 leben sie nun in Mymensingh. Seit den ersten Jahren kümmern sie sich vorrangig um Jugendliche. Sie haben inzwischen sieben kleine Schulen für Kinder aus mittellosen Familien errichtet, und unterstützen Schüler, organisieren regelmäßig Jugendtreffen in verschiedenen Landesteilen. Einer der Brüder ist seit beinahe dreißig Jahren in der Pfarrerausbildung in Dhaka tätig.
Seit Jahren spielen auch behinderte Menschen eine große Rolle im Leben der Brüder in Bangladesh: ein „Gemeinschaftszentrum für Behinderte“ wurde eingerichtet und Pilgerwege für Behinderte und weniger behinderte Menschen in verschiedenen Landesteilen organisiert.
Die Brüder haben aber auch viele Kontakte unter Angehörigen der verschiedenen Stämme, vor allem in der ländlichen Gegend; sie versuchen, Verständnis zwischen Christen verschiedener Kirchen und zwischen Menschen verschiedenen Glaubens zu fördern. Ihr Leben in Mymensingh ist vom gemeinsamen Gebet dreimal am Tag geprägt.
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Common prayer in Mymensignh

Juni 2009

Jeden Morgen, sechs Tage die Woche, kommen zwischen sechs und fünfzehn kranke und arme Menschen in unser Haus. Über all die Jahre, die wir hier in Mymensingh leben, konnten wir unzähligen, sehr armen Menschen helfen, die sonst keinen Zugang zu medizinischer Behandlung hätten. Armut in Bangladesch bedeutet, ohne ärztliche Versorgung zu leben. Viele Menschen sterben an Krankheiten, die einfach behandelt werden könnten, nur weil sie kein Geld für Medikamente haben oder um ins Krankenhaus zu gehen.

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Diejenigen, die zu uns kommen, wissen, dass wir nur den Ärmsten helfen; wir bitten jeden um einen Beitrag, je nach seinen Möglichkeiten. Wer die Medikamente nicht ganz bezahlen kann, zahlt einen Teil davon oder trägt einen Teil seiner Fahrtkosten selbst. Manche bringen auch etwas selbst gemachtes von zu Hause mit

Sich um kranke Menschen zu kümmern ist schön, aber nicht immer einfach: Eltern verlassen das Krankenhaus, bevor sie wirklich gesund sind, weil ihre Kinder sie dringend brauchen und sie es aus Sorge um sie nicht mehr im Krankenhaus aushalten. Nach einiger Zeit kommen sie dann als Notfall zurück und wir müssen von vorn anfangen.

Monir

Einer von denen, denen wir helfen konnten, heißt Monir, ein 19-jähriger Mann. Er verdient seinen Lebensunterhalt durch das Sammeln von Altpapier, Dosen, Alteisen etc. in den Straßen. Er ist sehr arm und reist wie viele Arme im Zug von einer Stadt zur anderen auf dem Dach, dazu braucht man keine Fahrkarte. Eines Nachts, als er auf dem Dach eines Zuges reiste, verlangten drei Drogenabhängige von jedem Mitreisenden 30 Bengladeshi takas (ca. ein Viertel Dollar). Monir gab ihnen nur 20 takas. Sie wurden wütend und warfen ihn vom Zug. Er fiel zum Glück nicht auf den Kopf, aber brach sich das Bein sehr kompliziert; er kroch in ein Reisfeld und wartete dort auf den Sonnenaufgang.

Am Morgen hörte ihn ein Mann wimmern und brachte ihn zum Bahnhof, wo sich eine Frau um ihn kümmerte und ihn ins öffentliche Krankenhaus brachte. Dann kam sie zu uns und erzählte was geschehen war, da wir die meisten Leute kennen, die im Slum hinter dem Bahnhof leben.

Das Krankenhaus von Mymensingh ist riesig; es hat 1.000 Betten, aber viele schlafen darüber hinaus auf dem Boden. Monir´s Bein war zweimal gebrochen und er hatte zahlreiche weitere Wunden. Als die Wunden zu heilen begannen, operierten ihn die Ärzte. Es dauerte eine ganze Weile bis er wieder einigermaßen laufen konnte. Während der nächsten neun Monate halfen wir Monir seine Behandlung in einem Heim für arme Menschen mit einer Behinderung zu zahlen. Danach fand er einen Job in einem Restaurant in der Nähe seines Heimatdorfs. Von Zeit zu Zeit kommt er uns in Mymensingh besuchen und jedes Mal ist es eine wahre Freude, sich mit ihm zu unterhalten!

April 2009

Ich kam gestern von einer zehntägigen Reise zurück, auf der ich fünf Gemeinden besucht hatte, unter anderem Suihari in Dinajpur, wo ein dreitägiges ökumenisches Treffen stattfand. Hundert Jugendliche aus verschiedenen Kirchen hatten daran teilgenommen. Danach besuchte ich in vier weiteren Gemeinden Jugendliche, denen wir mit einem kleinen Stipendium helfen. Ich fahre gerne in den Norden des Landes, um dort Leute zu besuchen. Ich war schon mehrmals dort, kenne mich mittlerweile ganz gut aus und treffe immer wieder bekannte Gesichter. Jedes Mal werde ich mit Freude empfangen und oft bin ich zu einem Tee in einem der Häuser eingeladen, die aus Lehm und Bambus gebaut sind. Und welch eine Freude, die Kinder wieder zu treffen! Sie sind in einem Haus der Gemeinde untergebracht. In Chandpukur (‚Teich des Mondes‘) hatte dieses Jahr eine Gruppe von zwanzig Jugendlichen begonnen, die dort aufs Gymnasium gehen. Wir haben uns letzten Samstag getroffen. Das Thema war Christi Einladung: „Komm und folge mir nach“. Das Treffen war sehr einfach: eine Einführung und eine Zeit des persönlichen Nachdenkens, Austausch in kleinen Gruppen und eine gemeinsame Abschlussrunde. Für die Jugendlichen hier sind solche Treffen und Gespräche über persönliche Erfahrungen etwas Neues. Aber Schritt für Schritt kann etwas wachsen und ich hoffe, ihnen im Glauben Mut gemacht zu haben. Sie stammen aus sehr einfachen Familien und gehören verschiedenen ethnischen Gruppen an: Santals, Uraous und
Mahalis.“ Was für ein Abenteuer! Mehr und mehr spreche ich Bangla mit ihnen und auf diese Weite mache ich Fortschritte im Erlernen der Sprache!

Februar 2009

Einer der Brüder schreibt: „Heute morgen haben wir mit der Friedensgruppe, die ich seit beinahe zwei Jahren unterstütze, so richtig ’in den Dreck gelangt’. Wir treffen uns regelmäßig, um als Angehörige verschiedener Religionen zusammen zu beten: sehr schlicht und mit viel Stille; und wir sprechen über die Bedeutung von Konflikt und Frieden für die Welt im allgemeinen, zwischen Menschen und in uns. Wir gehen auch in Schulen und sprechen mit Kindern und Jugendlichen. Aber was können wir ganz konkret tun?

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Das Gebäude, in dem wir uns regelmäßig treffen, liegt gegenüber einer wilden Müllkippe: ein großer Abfallhaufen, der wenn es heiß ist, in der ganzen Umgebung einen bestialischen Gestank verbreitet. Wir beschlossen, diesen Ort in einen Garten zu verwandeln, und baten die Stadtverwaltung um eine Genehmigung, die herumstreunenden Kühe zu verjagen und den Platz einzuzäunen. Heute morgen haben wir dort sauber gemacht und werden nun Bäume pflanzen, um die Leute auch in Zukunft davon abzuhalten, ihren Müll dort zu deponieren.
Man kann sich fragen, was das alles mit Frieden zu tun hat. Frieden ist ein großes Wort, ein tiefes Konzept. Friede hängt nicht allein von Schönheit ab, aber die Schönheit hilft, etwas zu schaffen, das in Richtung Frieden geht.”

August 2008

„Wir bereiten zur Zeit zwei ökumenische Pilgerwege zusammen mit Jugendlichen aus verschiedenen Kirchen in Dhaka und Dinajpur vor. Sie besuchen Familien, kümmern sich um Behinderte, begeistern andere Jugendliche, in die Vorbereitung mit einzusteigen... Im Oktober und November werden wir für zwei Tage zusammen kommen: Gebet, Austausch, gegenseitiges Kennenlernen. Wieder sind es die Schwachen, die mit ihrem Dienst für Andere die getrennten Christen zusammenbringen. Jugendliche, die mit uns zusammenleben, besuchen jeden Monat Jugendliche in anderen Städten und Dörfern, die wir für ihr Studium unterstützen und die im Gegenzug armen Kindern helfen; Gespräche in Kleingruppen gehen über in ein gemeinsames Abendgebet. Vielleicht eröffnet dies einen neuen Weg der Arbeit mit Jugendlichen.
Letzte Woche fanden in Rajshah zwei Tage mit Gebet und Austausch unter Christen statt; darauf folgte ein interreligiöses Gebet mit behinderten Menschen. Einige der Jugendlichen bei uns im Haus bereiten diese kleinen Treffen ganz ohne unser Zutun vor."

Juli 2008: Reisen

„Ich komme gerade aus der Gegend von Dinajpur zurück. Jugendliche, die in Mymensingh mit uns zusammenleben, hatten mich zu Hochzeiten in ihren Familien eingeladen. Aber es regnete und alles spielte sich im Schlamm ab… Trotzdem war es schön, viele bekannter Gesichter wieder zu sehen. Dipok, der mehrere Monate in Taizé war, stammt aus dieser Gegend.

Nach mehreren gescheiterten Anläufen, konnten wir in Khulna eine Etappe des Pilgerwegs des Vertrauens mit behinderten Menschen vorbereiten. 200 Behinderte mit ihren Familien nahmen teil, außerdem eine große Gruppe Freiwilliger (viele davon waren vor zwei Jahren beim Treffen in Kalkutta gewesen). Am Samstag kamen 50 behinderte Muslime mit ihren Familien dazu, und am Mittag fand ein gemeinsames interreligiöses Gebet statt: ein blinder junger Mann sang wunderschöne muslimische Gesänge; alleinerziehende Mütter aus schwierigen Verhältnissen sprachen über ihre Erfahrungen. Mgr. Theo war ebenfalls gekommen und am Ende stieß auch der Ortsbischof dazu. Ich war mit ein paar Jugendlichen dort hingefahren, um mitzuhelfen – zehn Stunden Busreise! Große Dankbarkeit von allen Seiten. Das Gebet mit den Kerzen am Samstagabend war ein Fest!“

Als nächstes besuchten wir Jugendliche, die sich in einer großen Gemeinde in Mekerpur, fünf Busstunden von Khulnar entfernt, um Behinderte kümmern. Eine gute Begegnung. Die Jugendlichen sind so guten Willens – gäbe es nur Menschen, die sie ermutigen und anleiten würden.

Wir reisten weiter nach Rajshahi, wo einige Jugendliche studieren, die mit uns hier in Mymensingh gelebt hatten. Sie unterstützen eine Gruppe Behinderter im Haus einer Schwesterngemeinschaft. Wir schlagen ein „outreach program“ vor, so ähnlich wie es als „Anondo Club“ in Mymensingh bereits besteht. Einmal in der Woche wird im Haus der Schwestern ein Gebet mit Menschen verschiedener Religionen stattfinden, das Jugendliche vorbereiten, die wir kennen.

Ein Besuch in Barisal

„Unser 10-tägiger Besuch in der Gegend von Barisal im Süden des Landes verlief sehr gut. Die Gegend war im vergangenen Jahr von einem Wirbelsturm heimgesucht worden. Wir sahen viele Menschen wieder, die wir seit unsren ersten Jahren hier in Bangladesch kennen. Die Hilfsorganisationen leisten eine sehr gute Arbeit, die Menschen werden im Allgemeinen sehr gut versorgt und alles scheint sehr gut organisiert zu sein. Allerdings ist die wirtschaftliche Lage im Land nach wie vor sehr schlecht und das Alltagsleben wird immer schwieriger. Bisweilen ist die Situation besorgniserregend: wir kennen Familien, die sich schon bisher kaum zwei sehr einfache Mahlzeiten (hauptsächlich Reis) am Tag leisten konnten und die mittlerweile nur mit Mühe einmal am Tag zu essen haben. Ursache dafür ist die galoppierende Inflation.

In der letzten Zeit kam es in einer ganzen Reihe von Ländern wegen der Lebensmittelknappheit (besonders beim Reis) zu spontanen Unruhen. So weit könnte es bald auch in Bangladesch kommen, falls es weiterhin nicht genug Reis gibt und die Preise für Grundnahrungsmittel wie Zucker, Milchpulver und Öl weiter steigen. Angesichts drohender Engpässe im eigenen Land exportieren Nachbarländer wie Indien und Vietnam bereits kaum mehr Reis, was nach den Überschwemmungen und den darauffolgenden Wirbelstürmen im letzten Jahr für Bangladesh schlimme Folgen haben könnte.

Einige Familien hatten in den letzten Tagen sogar gar nichts zum Essen. Die Eltern machen sich immer größere Sorgen um ihre Kinder. Seit einer Woche, und bis zur nächsten Reisernte in zwei Monaten, helfen wir dreißig Familien mit Reis, die ansonsten keine einzige Mahlzeit am Tag hätten. Hoffen wir, dass es in zwei Monaten wieder besser wird.“

„Ist dir bewusst, dass wenn du die Lebesbedingungen armer Menschen teilst, Gott durch deine schlichte Gegenwart etwas von dem verändert, was der Menschheitsfamilie zusetzt?“

Die Quellen von Taizé

Printed from: http://www.taize.fr/de_article7485.html - 8 December 2019
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