TAIZÉ

Geschwisterlich zusammenleben, um Frieden zu stiften

 
Donnerstag, 24. August

In dieser Woche haben wir viel über unsere Verantwortung als Christen in der Gesellschaft gesprochen. Gleichzeitig gehen wir im gemeinsamen Gebet und der Betrachtung der Schrift zu den Quellen des Glaubens. Unsere Verantwortung und unsere Suche nach Gott sind untrennbar miteinander verbunden.

Zum dritten Mal haben wir hier auf dem Hügel eine solch ausgesprochen intensive Woche, zu der Fachleute aus verschiedenen Bereichen auch dieses Mal einen wertvollen Beitrag leisten und denen wir dafür sehr dankbar sind. Ich möchte gleich dazusagen, dass wir dieses Treffen im nächsten Jahr vom 19. bis 26. August fortsetzen.

Ich bin überzeugt, wir alle möchten im Alltag durch ein geschwisterliches Miteinander Frieden stiften. Und dazu können wir mit vielen anderen zusammenarbeiten, besonders auch mit Menschen, die unseren christlichen Glauben nicht teilen.


Geschwisterlichkeit stärken! Dieser vierte der „Vorschläge für das Jahr 2017“ zeigt einige Möglichkeiten für ein Engagement in dieser Richtung auf. Jeder kann dazu einen Beitrag leisten.

Zum Beispiel gibt es die enorme Herausforderung der immer größeren Zahl von Menschen, die auf der Flucht sind. Um dieser Herausforderung zu begegnen, arbeiten auch in der Kirche immer mehr Menschen zusammen. Für Kirchengemeinden und christliche Gemeinschaften ist diese Zusammenarbeit oft ein neuer Aufbruch.

Dabei geht es um viel mehr, als nur darum, anderen zu helfen. Das Evangelium fordert uns auf, Christus, d.h. die Gegenwart Gottes, in den Ärmsten der Armen zu entdecken. Ich kann sagen, dass wir in Taizé durch die Flüchtlinge mehr erhalten haben als wir selbst ihnen geben. Diese Menschen haben so vieles durchgemacht und machen uns Mut, unsere eigenen Schwierigkeiten beherzt anzugehen. Ich sage diesen Menschen oft: „Gott hat euch zu uns geschickt!“

Jeder kann in seiner eigenen Umgebung etwas dafür tun, dass ein geschwisterliches Miteinander möglich wird. Überwinden wir die Mauern um uns herum; gehen wir auf die Menschen zu, die vom Leben verwundet sind! Nehmen wir uns Zeit, damit zum Beispiel ein Obdachloser seine Geschichte erzählen kann, ein Mensch, der mit einer Behinderung, mit einer Krankheit oder fern seiner Heimat leben muss! Stiften wir Freundschaft!

Aber öffnen wir uns auch für andere Kulturen und Mentalitäten! Gehen wir auf Menschen zu, die anders denken als wir, bauen wir Brücken: zwischen Religionen und Kontinenten, aber auch zwischen den verschiedenen Ländern in Europa. Das wird immer wichtiger!

Und wir möchten auch mit der Schöpfung auf eine mehr geschwisterliche Art und Weise umgehen. Um Gerechtigkeit zu schaffen, müssen wir auch mit den Ressourcen unseres Planeten verantwortungsvoll umgehen. Solange wir diesen nur ausbeuten, wird es keinen Frieden auf der Welt geben. In einem verantwortungsvollen Umgang mit der Schöpfung liegt eine tiefe Schönheit, denn wir sind mit allem, was existiert, verbunden.

Einige von euch haben die Möglichkeit darauf hinzuwirken, dass Gesetze und Institutionen noch mehr den Menschen dienen. Dies muss in Strukturen zum Ausdruck kommen, um auch langfristig gewährleistet zu sein. Diese Menschen unter euch geben den politischen Kampf nicht auf, sondern versuchen, den Entscheidungsprozess in ihren Heimatländern zu beeinflussen.

Um mit Schwierigkeiten fertigzuwerden, müssen wir uns immer wieder bewusst machen, aus welchen Beweggründen wir handeln. Kann der Glaube eine Quelle der Hoffnung auf diesem unserem Weg sein?

Ohne Gebet, ohne Gott immer tiefer kennenzulernen – Christus und den Heiligen Geist – trocknet unser Leben aus und wir drehen uns nur noch um uns selbst. Dann verlieren wir auch leicht den Mut.


Am vergangenen Sonntag haben wir daran gedacht, dass Frère Roger am 20. August 1940 zum ersten Mal nach Taizé gekommen ist. Damals versteckte er Kriegsflüchtlinge bei sich im Haus. Aber von Anfang an war ihm bewusst, dass ohne das Gebet ein solches Leben der Barmherzigkeit und der Solidarität nicht möglich ist. Als er hier noch allein war, hat er bereits dreimal am Tag gebetet.

In diesen Tagen singen wir Worte, die Frère Roger schon damals viel bedeutet haben: „Glücklich, wer sein Leben dir, Gott, anvertraut; du schenkst uns Freude, Einfachheit und Barmherzigkeit.“

Und in diesem Geist der Freude, der Einfachheit und Barmherzigkeit legt am Samstagabend unser Bruder Hendrik sein Lebensengagement in der Communauté ab und sagt damit Christus für immer Ja. Frère Hendrik kommt aus den Niederlanden und lebt seit fast sechs Jahren unter uns. Er hat sich lange darauf vorbereitet, Christus nachzufolgen, und auch seine Familie ist bei diesem Ereignis dabei.


Ich möchte zum Schluss noch etwas Persönliches sagen. Jemand, der sehr krank ist, hat mir vor Kurzem gesagt: „Ich liebe das Leben“. Ich war sehr betroffen. Wir haben alle schon erlebt, dass uns ein Wort tief berührt. Diese Worte eines Menschen, dessen Leben durch die Krankheit sehr eingeschränkt ist, hat mich meine eigenen Sorgen vergessen lassen. Nicht nur seine Worte haben mich in diesem Moment tief berührt, sondern auch sein Gesichtsausdruck.

„Ich liebe das Leben“ – ein solches Wort kann uns empfänglich machen für die Schönheit, für Poesie, Kunst und Musik. Unter den Workshops waren diese Woche auch ein sehr schönes Klavier- und ein Orgelkonzert. Wir müssen immer wieder empfänglich werden für die Schönheit – auch für die Schönheit der Natur.

Wir sind diese Woche auch ganz besonders mit Jugendlichen in Afrika verbunden, die in diesen Wochen in Algerien zusammengekommen sind. Viele junge Afrikaner aus verschiedenen Ländern studieren in Algerien, doch sie erhalten nur selten ein Visum für Frankreich. Deshalb finden jeden Sommer zwei Wochentreffen wie in Taizé in Tlemcen, in Algerien, statt.

Theodor: Guten Abend! Ich heiße Theodor, bin 20 Jahre alt und komme aus dem Libanon, einem arabischsprachigen Land. Ich wurde über die Jugendbewegung der Griechisch Orthodoxen Kirche von Antiochien hierher eingeladen bin seit fast zwei Monaten als Freiwilliger hier.

Ich möchte euch eine kurze Geschichte erzählen. Ich lebe im Norden des Libanon, genauer gesagt in El Mina, der Hafenstadt von Tripolis, einer der demographisch buntesten Städte der Welt, wo vor allem orthodoxe Christen und sunnitische Muslime leben, und in der es viele katholische Kirchen gibt und andere muslimische Konfessionen. Ich hatte in meiner Kindheit und Jugend Muslime und Christen zu Freunden, wir lebten alle wie Brüder zusammen. Einer davon, Ziad, ist Muslime und sein Vater hat direkt neben meinem Elternhaus ein Geschäft für Fischereibedarf. Jedes Mal wenn ich aus dem Haus ging, schaute ich bei seinem Vater vorbei.

Eines Abends ging ich mit ein paar auswärtigen Freunden am Strand entlang und erklärte ihnen, wie wir als Christen und Muslime zusammenleben. Plötzlich kamen zwei junge Männer auf uns zu, die unsere Unterhaltung verfolgt hatten, und stellten sich vor: „Ich heiße Mohammed und dies ist mein bester Freund Antony, ich bin Muslime und er Christ; und wir können euch nur zustimmen!“ Dies ist ein gutes Beispiel dafür, was ich hier sagen möchte

Zurzeit nehmen wir an einem Versöhnungsprogramm in Tripoli teil, bei dem Glaubende aus verschiedenen Religionen und Konfessionen mitmachen. Mein Vater ist orthodoxer Pfarrer und ich fühle mich besonders verantwortlich und herausgefordert, für einen dauerhaften Frieden in meiner Stadt zu arbeiten. Wir möchten ein Vorbild sein für die Nachbarregionen und unsere Nachbarländer. Unsere Unterschiede sollen uns nicht trennen, sondern uns bereichern und ein Leben in Verschiedenheit und gegenseitiger Solidarität ermöglichen.


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Anmerkungen

[1Photo: Vincent Bellec