Brief aus Taizé

Grenzenloses Erbarmen

Der Brief aus Taizé erscheint viermal im Jahr. Auf diesen Seiten erscheinen Texte, die mit dem Thema der letzten Ausgabe zusammenhängen, Grenzenloses Erbarmen. Jedes der Zeugnisse nimmt auf einen Abschnitt des „Briefs aus Chile“ Bezug.
Der Weg zum Glück führt in der Nachfolge Jesu über die Hingabe, Tag für Tag. Mit unserem Leben können wir in schlichter Einfachheit die Liebe Gottes sagen.
Jubaraj (Bangladesch)

Das Wort „Einfachheit“ erweckt in mir eine Frage nach meinem Menschsein: Wie kann ein allmächtiger Gott ebenso einfach wie ein Mensch sein? Umso mehr ich über diese Frage nachsinne, denke ich an meine Heimatstadt Mymensingh, wo ich erfahren habe, was „einfaches“ Leben bedeutet. Da können die Menschen ganz einfach zufrieden sein mit einem Tee ohne Milch und zwei Scheiben Brot. Es stört dort niemanden, wenn während des Mittagessens ein Junge mit nacktem Oberkörper neben dir sitzt und dich anschaut. Mit dem Geist der Einfachheit bin ich unserem Vater dankbar, wenn ich einen Teller Reis und Kartoffelbrei mit jemandem teilen kann und dabei entdecke, wie Menschen und auch die Vögel in den Bäumen ihre Nahrung miteinander teilen.

So notwendig sofortige materielle Hilfe in bestimmten Notlagen ist – sie genügt nicht. Es kommt darauf an, den Armen Gerechtigkeit zu
verschaffen. Die Christen in Südamerika erinnern daran: Der Kampf gegen die Armut ist ein Kampf für die Gerechtigkeit.
José (Peru)

Wenn es zu einer humanitären Notsituation kommt, werden normalerweise Geld oder Hilfskräfte geschickt. Wenn wir uns damit zufrieden geben und keine andere Hilfe anbieten, bleiben wir bei Soforthilfe im Stil von Fürsorge stehen.

Wir vergessen oft, dass es neben materieller Hilfe mindestens genauso wichtig ist, den Menschen in ihrer Not zuzuhören. Indem wir auf ihre Situation eingehen, können wir ihren Reichtum kennenlernen und entdecken, wozu sie fähig sind. Mit jemandem zu leiden bedeutet, seine Freuden und Sorgen mit ihm zu teilen als wären es die unseren.

Lernen wir, die Angst zu überwinden. Wir alle kennen den Schutzreflex, der darin besteht, unsere eigene Sicherheit notfalls auf Kosten des Wohlergehens anderer zu sichern. Dies scheint sich in unserer Zeit, in der das Gefühl der Unsicherheit zunimmt, noch zu verstärken. Wie kann man der Angst widerstehen? Nicht gerade dadurch, dass man auf die anderen zugeht, selbst auf Menschen, die bedrohlich erscheinen?
Jessica (Neuseeland)

In den drei Monaten, in denen ich in Taizé mit Jugendlichen verschiedener Länder und Kulturen zusammen gelebt und gearbeitet habe, habe ich die Angst des „Andersseins“ erfahren, aber auch wie schön es ist, andere Menschen kennenzulernen. Meine Angst kam oft vom „Unbekannten“, daher, dass ich nicht verstand, warum andere Menschen in einer bestimmten Art und Weise reagieren, und weil ich immer alles auf dem Hintergrund dessen verstehen möchte, was ich bereits weiß. Es war einfacher, mich zurückzuziehen, um nicht verletzt oder abgewiesen zu werden. Auch wenn mir dieser Weg als der bequemste vorkam, habe ich doch bald verstanden, dass ich vereinsame! Auf andere zuzugehen, sie zu verstehen versuchen, mit ihnen zu arbeiten und zu leben, verlangt Mut und Ausdauer. Auch wenn dieser Weg länger und ziemlich mühsam ist, ist er Teil eines Lebens in Gemeinschaft und gab mir die Möglichkeit, den Menschen um mich herum zu begegnen und besser kennenzulernen.

Die Einwanderung ist ein anderes Zeichen unserer Zeit. Sie wird manchmal als Gefahr empfunden, ist aber etwas Unumgängliches, in dem die Zukunft bereits Gestalt annimmt.
Chai-Hoon (Südkorea)

Seit wir in die Schule gehen, bringen uns unsere Eltern bei, wie wir gut mit den Anderen auskommen können, aber gleichzeitig ermahnen sie uns, uns nicht mit den „schlechten Schülern“ anzufreunden. Auch sagen sie uns oft, dass wir uns nicht mit Gleichaltrigen einlassen sollen, die einer anderen Religion oder einer anderen sozialen Schicht angehören, oder mit Kindern aus eingewanderten Familien. Wir vermeiden den Kontakt mit Leuten, die wir für gefährlich halten oder die anders als wir sind, selbst wenn wir uns diese Unterschiede nur einbilden oder Gerüchten glauben. Nun hat Jesus aber niemals davon gesprochen, andere zu diskriminieren. Wir brauchen den Mut, solche Grenzen zu überschreiten und uns im Leben auf neue Menschen einzulassen.

Ein weiteres Zeichen unserer Zeit ist die zunehmende Armut in reichen Ländern, wo sehr häufig Verlassenheit und Vereinzelung die wichtigsten Gründe materiellen Mangels sind.
Rebekka (USA)

In meinem Land gibt es viele Hilfsprojekte. Eines davon, bei dem ich mitmache, ist die Gemeinschaft des Vinzenz von Paul. Ich helfe dort Menschen, die Haushaltsgegenstände oder Kleider für sich oder ihre Kinder brauchen. Dort bekommt man Lebensgeschichten zu hören: wie es in ihrem Leben so weit kommen konnte und was sie daraus gelernt haben. Mit diesen Menschen zu arbeiten ist für mich eine große Bereicherung.

Hier weitere Zeugnisse Jugendlicher, die in der Druckausgabe des letzten Briefs aus Taizé erschienen:

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Printed from: http://www.taize.fr/de_article12608.html - 14 December 2019
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