Franz Stock (1904-1948) - Ein Leben für die Versöhnung

1926 nahm der deutsche Priester Franz Stock in Bierville bei Paris an einem Friedenstreffen teil, zu dem zehntausend Jugendliche aus ganz Europa zusammengekommen waren. Damit begann, soweit wir wissen, das Engagement dieses jungen Deutschen für den Frieden. Ostern 1928 begab sich Franz Stock als junger Seminarist zum Studium nach Paris. Sein Freund Joseph Folliet schrieb dazu einmal: „1928 war es noch undenkbar, einen deutschen Studenten in Paris an der theologischen Fakultät aufzunehmen.“ Franz Stock wurde 1932 zum Priester geweiht und zwei Jahre später zum Seelsorger der deutschen katholischen Gemeinde in Paris ernannt. Obwohl er glücklich war über die Möglichkeit, die beiden Länder, die er liebte, einander näher zu bringen, stand er vor beträchtlichen Schwierigkeiten. Im ersten Brief an seine Familie schrieb er: „Es wird nicht leicht sein, aber wir beginnen im Vertrauen auf Gott.“

Aber in den folgenden Jahren nahm vor allem der Hass immer weiter zu und im August 1939 setzte der Kriegsausbruch Pfarrer Stocks Arbeit ein jähes Ende: Mitten in der Nacht mussten der junge Priester und die Mitbewohner seines Hauses in Paris alles zurücklassen. „Auf einmal stellten wir fest, dass wir nicht viel zum Leben brauchten und wir uns schnell von dem trennen konnten, was uns lieb war und was wir mit der Begeisterung unserer Jugend aufgebaut hatten.“

Wenig später kehrte er als Freiwilliger nach Frankreich zurück, um ab Oktober 1940 Kriegsgefangene zu betreuen. Sein Freund Reinhold Schneider schrieb aus Berlin: „Die Hoffnung auf die Wiederherstellung des eigentlichen Europa kann ich noch nicht aufgeben... Es ist darum ein Trost, dass Sie ihrer schönen verbindenden Arbeit treu bleiben“. Und er fügte hinzu: „Allem Verbindenden müssen wir uns mit ganzer Kraft widmen.“

Ab 1941 besuchte Franz Stock in Paris unermüdlich Strafgefangene, von denen die meisten wegen Beteiligung am Widerstand in Haft waren. Diese Menschen waren enttäuscht, als sie einen deutschen Priester in ihre Zelle kommen sahen. Aber „solange kein Franzose das Gefängnis betreten konnte, war Pfarrer Stock wie ein Bote für uns und unsere Familien. Vom ersten Augenblick an erfüllte er seine Aufgabe mit großer Sensibilität und Umsicht“, schrieb später ein französischer Pfarrer.

Wenn Franz Stock zu einem Gefangenen ging, war er stets davon überzeugt, Christus selbst zu besuchen: „Ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen“ (Matthäus 25). Auch stellte er Kontakt zu den Familien der Gefangenen, die abends zu ihm ins Pfarrhaus kamen, her. Einer der Gefangenen, Edmond Michelet, vermerkte in seinen Memoiren, dass der junge Pfarrer seinen Auftrag „mit einer Diskretion erfüllte, die die unzähligen kleinen Dienste, die er uns erwies und mit denen er oft sein Leben aufs Spiel setzte, um das Unsere zu retten, so unschätzbar machten.“

Am Weihnachtsabend 1940 begleitete Pfarrer Stock zum ersten Mal einen jungen Gefangenen zur Hinrichtung. Es sollten hunderte folgen und auch diese begleitete er bis zu ihrem Tod. Im Abschiedsbrief eines zum Tode verurteilten Gefangenen an seine Kinder schreibt dieser: „Hegt, wenn ihr erwachsen seid, niemandem gegenüber Groll.“ Darin sah Franz Stock seinen Auftrag: Alles zu tun, was möglich war, damit diese Menschen in Frieden sterben konnten. Unermüdlich machte er die ganzen Kriegsjahre hindurch Besuche, er tröstete und half ohne Unterlass.

Bei der Befreiung des Landes wurde Pfarrer Stock selbst gefangengenommen. Sobald die Umstände es erlaubten, begann er - anstatt in sein Heimatland zurückzukehren - sich um die „neuen Armen“ zu kümmern: deutsche Kriegsgefangene in Frankreich. Mit der Unterstützung französischer Bischöfe richtete er in Chartres und Orleans ein „Priesterseminar hinter Stacheldraht“ für die deutschen Seminaristen ein, die sich in französischer Kriegsgefangenschaft befanden. Nuntius Roncalli, der spätere Papst Johannes XXIII., besuchte ihn mehrmals und ermutigte ihn zu dieser Arbeit.

Kurz vor der Schließung des Priesterseminars im Jahre 1947, zog Franz Stock in einer Abschiedsrede Bilanz: „Es waren harte Jahre, aber voller Leben und Tapferkeit, lang aber fruchtbar, bereichernd und verheißungsvoll. […] Wenn diese Gemeinschaft hinter Stacheldraht äußerlich aufgelöst wird, dann möge uns der Geist wahrer Brüderlichkeit im Gebet füreinander vereinen.“ Diese in alle Richtungen ausgestreute Saat brachte in den Jahren nach dem Krieg vielfältige Frucht. Für Franz Stock war der Übergang in das Leben der Ewigkeit bereits bereitet - er starb 1948 im Alter von 43 Jahren am Ende eines Lebens, das er für die Versöhnung eingesetzt hatte.

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