Für diesen Monat

Gedanken zur Bibel

Mit den „Gedanken zur Bibel“ kann man mitten im Alltag Gott suchen. Jeder nimmt sich mit dem vorgeschlagenen Text, dem Kommentar und den Fragen eine Zeit der Stille. Danach treffen sich alle und tragen ihre Gedanken zusammen. Davor oder danach kann ein gemeinsames Gebet stehen.

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2020

August

Eine unvollendete Schöpfung: Johannes 9,1–12


Unterwegs sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst oder seine Eltern, sodass er blind geboren wurde? Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden. Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Das heißt übersetzt: der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen. Die Nachbarn und jene, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sagten: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte? Einige sagten: Er ist es. Andere sagten: Nein, er sieht ihm nur ähnlich. Er selbst aber sagte: Ich bin es. Da fragten sie ihn: Wie sind deine Augen geöffnet worden? Er antwortete: Der Mann, der Jesus heißt, machte einen Teig, bestrich damit meine Augen und sagte zu mir: Geh zum Schiloach und wasch dich! Ich ging hin, wusch mich und konnte sehen. Sie fragten ihn: Wo ist er? Er sagte: Ich weiß es nicht. (Johannes 9,1–12)

Jesus sah einen Menschen, dessen Augen noch nie etwas gesehen hatten, weil er blind war. Seine Jünger stellen Jesus die Frage nach dem Bösen: War er blind geboren worden oder war es die Schuld seiner Eltern? Ein böses Unglück durch die Schuld eines Menschen zu erklären, ist so alt wie die Menschheit: „Die Väter essen saure Trauben und den Söhnen werden die Zähne stumpf“, heißt es beim Propheten Ezechiel (18,2). Um das Blindsein des Bettlers durch dessen Sünde zu erklären, braucht man nicht von Wiedergeburt sprechen. Bereits beim Propheten Hosea findet man die Vorstellung, dass ein Kind im Mutterleib sündigen kann: „Schon im Mutterleib hinterging Jakob seinen Bruder.“ (Hosea 12,4)

Aber Jesus lehnt jede Erklärung der Krankheit durch Sünde ab. Es gibt Leiden, das mit keinem menschlichen Verschulden zu erklären ist. Wenn wir die Ursachen eines Übels erkennen, müssen wir handeln und möglichst aus den Fehlern lernen. Aber in unserer Welt wird es immer Dinge geben, die wir nicht erklären können: Warum wird ein Kind mit einer Behinderung geboren? Warum taucht plötzlich eine neue Krankheit auf?

Das Unerklärliche und das Absurde erinnern uns daran, dass wir nicht Gott, sondern Geschöpfe sind, und damit begrenzt und unvollkommen. Nach der Begegnung mit Gott im Wirbelsturm kommt Hiob zum Schluss, dass er angesichts der Größe der Schöpfung nicht viel bedeutet und tröstet sich mit dem Gedanken, Staub und Asche zu sein (Ijob 38–42). Die Begegnung mit dem Blinden war für Jesus kein Anlass zur Diskussion über den Ursprung des Bösen, doch genauso wenig ein Anlass zur Resignation. An dem Mann „sollen die Werke Gottes offenbar werden“. Jesus offenbart sich als Mitschöpfer Gottes, denn das erste Werk Gottes, das er zur Vollendung führen soll, ist die Schöpfung. Gott hat sechs Tage gearbeitet, um „sein Werk zu vollenden“ (Genesis 2,2).

„Und Gott sah, dass es sehr gut war.“ (Genesis 1,31) Aber wenn ein Mensch nie das Licht gesehen hat, ist nicht alles gut. Deshalb sagte Jesus: „Mein Vater ist noch immer am Werk, und auch ich bin am Werk.“ (Johannes 5,17) Jesus gibt dem Blinden das Augenlicht nicht zurück, da er es ja gar nicht hatte. Er heilt ihn nicht, sondern vollendet ein Schöpfungswerk, das noch unvollendet war. Johannes setzt die Schöpfung und das Handeln Jesu sorgfältig parallel: So wie Gott den Menschen aus dem Staub der Erde schuf (Genesis 2,7), so machte Jesus Schlamm daraus, um die Augen des Blinden zu bedecken. Und der Mann gehorcht seinem Befehl, er wäscht sein Gesicht und sieht.

Irenäus von Lyon schreibt im 2. Jh. nach Christus: „Was das Schöpferwort [mit anderen Worten Christus, der als ewiges Wort bei der Schöpfung gegenwärtig war] im Mutterleib nicht zu formen vermochte, schafft er am helllichten Tag, ‚damit die Werke Gottes an ihm offenbar werden‘.“ (Gegen die Häretiker, V, 15,2)

Fehlt nicht uns allen, wie dem Blindgeborenen, etwas, um vollendete Geschöpfe zu sein? – Uns fehlt etwas, um das Leben in Fülle zu haben, zu dem wir berufen sind. Wir kommen nicht voran, wenn wir nach dem Schuldigen unserer Unvollkommenheit suchen, sondern wir kommen nur voran, indem wir auf die Stimme Christi hören und tun, was er uns sagt.

- Welche Not sehen wir um uns herum?

- Von welchen Unglücksfällen können wir die Ursachen erkennen und entsprechend handeln?

- Welche Leiden in meinem Leben und in der Welt bleiben unverständlich, unbegründbar? Was bedeutet es, Christus das Werk Gottes vollenden zu lassen, das gerade erst begonnen hat?



Weitere Bibelstellen:

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