Worte von Frère Alois

Andere besuchen, um eine kleine Flamme der Hoffnung am Leben zu erhalten

Donnerstag, 10. Juli 2014

Der Sommer hat begonnen und wir Brüder staunen immer wieder, wie viele Jugendliche aus so vielen verschiedenen Ländern zu uns auf den Hügel kommen.

Natürlich würden wir uns wünschen, dass ihr in diesen Tagen mehr Sonne hättet. Die Kälte und der Regen… holt euch, wenn nötig, heute Abend noch Decken in Baracke 101! Und wenn ihr nicht genug Warmes zum Anziehen dabei habt, fragt die Schwestern in El Abiodh. Dort werden immer ein paar alte Kleidungsstücke aufgehoben.


Ihr seid als Pilger gekommen, d.h., ihr sucht nach etwas. Oft ist nicht ganz klar, wonach jeder Einzelne genau sucht. Man kann sich also die Frage stellen: Was suche ich am allermeisten? Worin besteht meine tiefste Sehnsucht?

Auch wir Brüder machen uns hin und wieder wie Pilger auf den Weg. Im Mai war ich in Mexiko bei einem Jugendtreffen, das einige Brüder mit einem Team Jugendlicher mehrere Monate lang vorbereitet hatte. Ich war beeindruckt von der tiefen Religiosität der Mexikaner.

Zu diesem Treffen haben Familien von Mexiko-Stadt 2000 Jugendliche aus verschiedenen Ländern Lateinamerikas bei sich aufgenommen. Zum letzten gemeinsamen Abendgebet kamen 5000 Jugendliche in die große Basilika von Guadalupe.

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In dieser Kirche befindet sich ein Bild Marias, dass man als Ikone bezeichnen könnte. Für unzählige Menschen ist sie ein Zugang zum Evangelium; durch sie erfahren wir den Trost, den Christus der Menschheit gebracht hat. Das erste Kapitel des Lukas Evangeliums beschreibt, wie durch Maria Christus in die Welt kommen konnte.

Auf dieser großen mexikanischen Ikone hat Maria das Gesicht einer jungen Mestizin. Das zeigt den Mexikanern, dass Gott sich mit ihrem Volk identifiziert, dass Christus für sie gekommen ist, nicht um ihre Kultur abzuschaffen, sondern sie zu ihrer Fülle kommen zu lassen.

Der Glaube hilft vielen Mexikanern, schwierige Situationen durchzustehen. Oft wird von der Gewalt im Land gesprochen, die das gesellschaftliche Leben untergräbt und viele junge Leute dazu bringt, das Land zu verlassen. Aber die jungen Lateinamerikaner, die hier sind, können euch mehr darüber sagen.

Ich möchte heute Abend von einem Besuch erzählen, den ich in Mexiko machte. Mit Consuelo, die einmal ein ganzes Jahr hier in Taizé verbracht hat, haben wir eine Gruppe von 40 Straßenkindern besucht. Sie wohnen in einem ansonsten eher wohlhabenden Stadtviertel in einer Art Zelt, das mit Kartons und allerlei anderen Gegenständen verstärkt ist.

Consuelo besucht die Kinder regelmäßig, und sie waren sichtlich froh, als sie ankam. Sie kamen auf die Straße, um uns zu begrüßen. Einer der Jugendlichen lebt seit zwölf Jahren dort. Ein sechs Jahre alter Junge kam dort bereits auf die Welt. Ein junges Mädchen unter ihnen erwartet ein Kind. Sie schlagen sich so gut sie können durchs Leben und treiben hier und da etwas Geld auf. Die meisten von ihnen schnüffeln fast ununterbrochen.

Nach einiger Zeit haben sie uns in ihr Zelt gebeten. In der Mitte des Raumes stand ein Fernseher. Und in einer Ecke sah ich ein Kreuz. Wir schlugen vor, gemeinsam „Nada te turbe“ zu singen, und Consuelo lud die Jugendlichen spontan zum Abendgebet des Jugendtreffens ein.

Ich glaubte keinen Moment daran, aber sie sind alle gekommen. An diesem Abend fand das Gebet - wie hier jeden Freitag üblich - vor dem Kreuz statt. Wir waren in der Gegenwart Christi – diese Jugendlichen und eine Reihe von Kirchenverantwortlichen. Es war ein Moment großer Hoffnung.


Aber warum erzähle ich euch das alles? Nicht nur, um von mir zu erzählen, sondern um euch zu ermutigen, ähnliche Besuche zu machen. Natürlich kann man sich fragen, was das am Elend derer ändert, die wir besuchen. Beruhigen wir auf diese Weise vielleicht nicht sogar unser schlechtes Gewissen angesichts der ungeheuren Probleme der Gesellschaft?

Unser Besuch hat sicherlich die Lebensumstände dieser Jugendlichen nicht geändert. Aber, wer weiß, vielleicht haben wir eine kleine Flamme der Hoffnung am Leben erhalten? Vielleicht bewahren sie unsere Begegnung und das Gebet im Herzen. Eines weiß ich aber sicher: Ich selbst war sehr beeindruckt.

Wer leidet, erwartet natürlich Heilung oder materielle Hilfe. Aber wir brauchen auch jemanden, der uns zuhört und uns versteht. Das kann uns Hoffnung machen und manchmal sogar unseren Schmerz lindern.

Das materielle Elend und die Strukturen des Unrechts auf der Welt sind durch nichts zu rechtfertigen. Um Solidarität zu leben, können wir unser Herz zuerst einmal menschlicher werden lassen und ein klein wenig menschliche Wärme in die Kälte bringen, die unsere Gesellschaft zu befallen droht. Christus steht auf der Seite der Allerärmsten, dort wartet er auf uns, dorthin ruft er uns. Seid gewiss, dass dies ein Weg tiefer Freude ist!

Ich möchte euch also ermutigen, ähnliche Besuche zu machen, sei es alleine, zu zweit oder zu dritt. Überlegt gemeinsam, wen ihr in eurer Gegend besuchen könnt: Ausländer, einen Kranken oder verlassene Kinder!

Das Thema für das nächste Jahr wird die „Solidarität zwischen den Menschen“ sein. Christus fordert uns auf, Grenzen zu überschreiten; weit weg, aber auch in nächster Nähe.

Für die anderen sensibel werden, darin besteht eine sehr schöne Einladung des Evangeliums! Sie gibt unserem Leben einen Sinn und lässt uns die Liebe Gottes tiefer verstehen.

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