Worte von Frère Alois

Gebet bei den Sioux-Indianern in Süddakota

Donnerstag, 17. Juli 2014

So verschieden wir auch voneinander sind, dreimal am Tag kommen wir hier in der Versöhnungskirche zusammen. Für uns Brüder kommt im gemeinsamen Gebet das Wesentliche unserer Berufung zum Ausdruck. Vor allem anderen ist es dieses Gebet, das wir mit euch teilen möchten.

Diese Woche werden Gesänge in zwei neuen Sprachen gesungen. Eine davon ist Lettisch. Im September wird nämlich ein Jugendtreffen in Riga, der Hauptstadt von Lettland, stattfinden, an dem Jugendliche aus den drei baltischen Ländern sowie aus Russland, der Ukraine und darüber hinaus teilnehmen werden.

In den letzten Monaten waren Brüder der Communauté in der Ukraine und in Russland, um zu zeigen, dass wir inmitten der gegenwärtigen Spannungen den Christen in diesen Ländern nahe sein möchten. Dabei denken wir immer wieder daran, dass es überall, in jedem Land, Männer und Frauen gibt, die nach Frieden suchen.


Aber in dieser Woche wird auch noch auf einer anderen Sprache gesungen, die man in dieser Kirche nicht oft hört, auf Lakota. Es ist für uns eine große Freude, diese Woche eine Gruppe aus Süddakota unter uns zu haben. Sie sind mit der Familie Two-Bulls hierhergekommen, die zum Stamm der Sioux gehört.

Sie erwidern damit unseren Besuch vom vergangenen Jahr. Die Familie Two-Bulls lud uns damals ein, auch einmal ein Jugendtreffen in ihrem Reservat vorzubereiten. An diesem Treffen nahmen letztes Jahr fünfhundert Jugendliche aus den verschiedenen Teilen der Vereinigten Staaten und aus anderen Ländern teil.

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Um uns Brüder unterzubringen, haben sie ihre traditionellen Tipis aufgebaut, und die Jugendlichen stellten ihre Zelte am Rand der endlosen Weite der so genannten Badlands auf, von wo aus man am Horizont die Black Hills sehen konnte.

Wie ihr wisst, hat die indianische Bevölkerung Amerikas in der Vergangenheit schwer gelitten. Uns auf diese Weise aufzunehmen, war ein Zeichen von außergewöhnlichem Vertrauen. Wir sind ihnen dafür unendlich dankbar.


Was hat uns in diesen Tagen in Taizé zusammengeführt? Ich glaube, wir erfahren alle die Freude, in einer so großen Vielfalt beisammen zu sein und eine tiefe Solidarität zu spüren. Angesichts all der bewaffneten und unbewaffneten Konflikte auf der Welt sehnen wir uns nach Frieden und Versöhnung.

Was uns verbindet, ist kein „Versöhnungsprojekt“ , das wir uns ausgedacht und geplant hätten. Jemand führt uns zusammen: Jesus Christus. Ja, wagen wir es zu glauben, dass er da ist und durch seinen Heiligen Geist mitten unter uns lebt. Er hat sein Leben hingegeben, um uns von überall auf der Welt in eine einzige Gemeinschaft zusammenzuführen. Er ruft uns dazu auf, gemeinsam ein Zeichen seiner Gegenwart und seines Friedens zu sein.

Die Kirche zeigt dort ihr wahres Gesicht, wo sie durch ihr Leben den Frieden Christi ausstrahlt. Dies ist hier besonders sichtbar, weil wir in so großer Zahl beisammen sind. Zu Hause seid ihr oft nur einige Wenige, dennoch ist Christus genauso gegenwärtig. Vergessen wir nicht, dass unter dem Kreuz Christi nur vier Personen standen: der Apostel Johannes, Maria und zwei weitere Frauen.

Auch wir Brüder befinden uns manchmal zu einigen wenigen in ganz verschiedenen Situationen. Ich denke dabei an unsere Brüder in den Fraternitäten auf den anderen Kontinenten. So z.B. im Nordosten Brasiliens, wo die Bevölkerung nicht von der rasanten Entwicklung des Landes profitiert. Die Brüder leben dort in einem Stadtteil, in dem Drogen, Angst und Gewalt herrschen.

Ich denke auch an unsere Brüder in Bangladesch, wo die Christen eine verschwindend kleine Minderheit darstellen. Anfang dieses Jahres ist einer unserer Brüder, Frère Frank, gestorben, der dort vor 40 Jahren die Fraternität begonnen hatte. Die anderen Brüder leben nach wie vor ganz einfach unter den Menschen in diesem Land. Am nächsten Wochenende kommt der katholische Bischof ihrer Stadt, Mymensing, nach Taizé. Er wird am Sonntag die Eucharistie mit uns feiern.


Wenn ich – wie heute Abend – von der Gemeinschaft spreche, die Christus uns anbietet, verspüre ich eine Freude und Dankbarkeit, an dieser Gemeinschaft teilhaben zu können. Manchmal denke ich mir, dass diese Gemeinschaft der Kirche ein Wunder ist.

Diese Freude hat nichts mit Triumphalismus zu tun. Es ist vielmehr die Freude, dem Ruf Christi zu folgen und „Salz der Erde“ zu sein.

Ihr wisst bereits, dass das nächste Jahr für uns in Taizé ein besonderes Ereignis darstellt. Wir gedenken gleichzeitig des 100. Geburtstags von Frère Roger, seines 10. Todestags und des 75. Jahrestags der Gründung der Communauté.

Wir denken dabei über den Ruf Christi nach, „Salz der Erde“ zu sein. Wir können uns bereits heute von diesem Wort führen lassen. Manchmal ist nur sehr wenig nötig, nur etwas Salz, damit das Leben derer, die uns anvertraut sind, schön wird. Fangen wir bei den Menschen an, mit denen wir zusammenleben. Dann können wir unsere Aufmerksamkeit nach und nach auf andere erweitern.


Ich möchte jetzt die Familie Two-Bulls bitten, mit ihren Freunden aus Süddakota, hierher nach vorne zu kommen. Nachdem das Treffen bei ihnen Indianer und Weiße zusammengebracht hat, sind sie jetzt ebenfalls mit einer gemischten Gruppe hierhergekommen. Bob Two-Bulls, der Vater, wird jetzt ein Gebet sprechen, zunächst in seiner Sprache, dann auf Englisch; danach folgt die Übersetzung in die anderen Sprachen.

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