Worte von Frère Alois

Den Mut haben, Frieden zu stiften

Donnerstag, 31. Juli 2014

Wir Brüder freuen uns, den ganzen Sommer hindurch jede Woche so viele Jugendliche aufnehmen zu können. Wir können nur immer wieder staunen, aus wie vielen verschiedenen Ländern ihr kommt und welche Solidarität dies auslöst.

Das Zusammenleben unter euch ist sehr fröhlich, aber ich weiß, dass jeder Einzelne von euch auch eine Last mit sich herumträgt. Dies sind manchmal persönliche Schicksalsschläge oder ein sorgenvolle Blick in die Zukunft oder die Angst vor manchmal bewaffneten Auseinandersetzungen in euren Heimatländern.

Letzte Woche war eine Gruppe junger Palästinenser aus Bethlehem hier, die über ihre schwierige Situation gesprochen haben. Und jede Woche sind junge Ukrainer unter uns, gleichzeitig mit jungen Russen.

Beiden möchte ich sagen, dass uns ihre Gegenwart sehr viel bedeutet und wie sehr sie uns am Herzen liegen. Deshalb singen wir auch im gemeinsamen Gebet oft einen Gesang auf Slawonisch, der liturgischen Sprache der orthodoxen Russen, und auch „Laudate omnes gentes“ auf Ukrainisch, mit den Worten „Slavite vsi narodi“.

Zusammenzusein und einander zuzuhören bestärkt uns in der Überzeugung, dass es in jedem Land der Erde Frauen und Männer gibt, die nach Frieden suchen. Sie halten durch, weil sie wissen, dass das Böse nur von begrenzter Dauer ist.

Wir kommen hier dreimal am Tag zum gemeinsamen Gebet zusammen. Christus versammelt uns und schenkt uns seinen Frieden. Wie könnten wir um uns herum Frieden stiften, wenn wir nicht zuallererst seinen Frieden im Herzen annehmen würden?

Ohne den Frieden Gottes fänden die manchmal schlimmen Wunden keine Heilung! Ich denke dabei an die vielen verwundeten oder sogar getöteten Kinder, an all die Flüchtlinge auf der Welt.

Der auferstandene Christus, der als Einziger den Hass, Gewalt und Tod besiegt hat, sagt unablässig zu uns: „Der Friede sei mit euch!“ Er ist es, der uns tröstet und uns den Mut gibt, Frieden zu stiften. Jesus sagt: „Glücklich, die Frieden stiften, sie sind Kinder Gottes“.

Wenn wir auf Christus hören, können wir auch den anderen zuhören. Um Frieden zu stiften, müssen wir uns Zeit nehmen, die anderen zu verstehen zu suchen. Dann gehen uns die Augen auf und wir sehen sogar inmitten schwieriger Situationen Zeichen der Hoffnung.

Der Friede beginnt in unseren alltäglichen Beziehungen. Unsere Bemühungen um Frieden in der Gesellschaft und in den schweren Konflikten der heutigen Zeit haben nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn wir zuerst im Zusammenleben mit den uns Nahestehenden Frieden stiften.

Wenn ihr alle, die ihr als Pilger nach Taizé gekommen seid, hier auch nur einen Teil eurer Last ablegen könntet, das, was euch persönlich bedrückt, oder die Probleme in euren Ländern! Wenn ihr den Frieden Christi in euch annehmen könntet!

Morgen Abend findet das Gebet vor dem Kreuz statt. Es erinnert uns daran, dass Christus alles auf sich nimmt. Dazu ist er in die Welt gekommen. Das Evangelium nennt ihn das „Lamm Gottes“, das die Sünde der Welt wegnimmt.

Ruft uns der oft unüberwindliche Hass und die Gewalt in der Welt nicht dazu auf, unser Vertrauen auf Christus zu vertiefen? Könnten wir nicht in dieser Tiefe neuen Mut schöpfen, um zu Frauen und Männern des Friedens zu werden?

Ohne dieses immer neue Vertrauen auf Christus können wir den Teufelskreis der Gewalt, der manchmal sogar mit guten Argumenten aufrechterhalten wird, nicht durchbrechen. Dieses Vertrauen auf Christus ermöglicht uns den Glauben, dass Versöhnung möglich ist.

Morgen wird um 16 Uhr eine Glocke drei Minuten lang läuten. Dies wird zeitgleich in allen Städten und Dörfern Frankreichs passieren, um an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor einhundert Jahren zu erinnern. Während dieser drei Minuten unterbricht jeder – wo er sich gerade befindet – seine Arbeit, um einen Moment in Stille für den Frieden zu beten.

Diese Woche ist eine Frau unter uns, die sich besonders für Flüchtlinge in Europa einsetzt. Ihr Name ist Amaya und sie hat viele Jahre in Kambodscha gelebt. Sie arbeitet momentan für den Flüchtlingsdienst der Jesuiten in Rom und wird kurz zu uns sprechen.

Aber zuerst zählt Julie die Länder auf, die heute Abend hier vertreten sind, während die Kinder Blumen verteilen:


Wir haben Blumen für die Jugendlichen aus Chile, Argentinien, Brasilien, Bolivien, Kolumbien, Costa Rica, Guatemala, Porto Rico, Mexiko, den USA und Kanada.
Aus Neuseeland und Australien
Aus Russland, Finnland, Schweden, Dänemark et Norwegen.
Aus Weißrussland, Lettland, Litauen, Polen, Deutschland, Holland, Belgien, England und Irland
Aus der Ukraine, Slowakei, Ungarn, Österreich, Tschechien, Slowenien, Schweiz und Frankreich
Aus Rumänien, Serbien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Griechenland, Italien, Spanien und Portugal
Aus Korea, Japan, China, Hongkong, Taiwan, Kambodscha, Vietnam, Indonesien, Ost-Timor, Indien, Bangladesch und dem Libanon
Aus Madagaskar, Südafrika, Burundi, Tansania, Kenia, Uganda, Tschad, Benin, Burkina-Faso, Ghana, Togo und aus Ägypten


Frère Alois: Heute Abend beten mit den Gesängen besonders für alle Flüchtlinge auf der Erde, für alle, die auf offener See ums Leben kommen, bewaffneten Konflikten oder Naturkatastrophen zum Opfer fallen und verfolgt werden.

Amaya: Ein Freund von mir lebt in Damaskus, in Syrien. Auf dem Weg zur Arbeit hört er jeden Tag die Bombenangriffe. Er sagt: „Wenn es im Nahen Osten keine Christen mehr gibt, würde wie „eine Quelle lebendigen Wassers“ versiegen. Dies hätte einen Einfluss auf das Christentum auf der ganzen Welt.“

Wie können wir angesichts derartiger Herausforderungen die Hoffnung nicht verlieren? In Aleppo helfen junge Christen und Muslime zusammen, um Familien, die in Schwierigkeiten sind, mit Lebensmitteln zu versorgen. Dieser gemeinsame Einsatz ist ein starkes Zeichen dafür, dass Versöhnung möglich ist.

Die Tatsache, dass mein syrischer Freund die Hoffnung nicht aufgibt, hilft uns, auch wenn wir versucht sind, sie aufzugeben.

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