15.-29. Juli 2014

Besuch im Süd-Sudan

Die Gewalt, die Mitte Dezember 2013 ausgebrochen ist, hat die jüngsten und ärmsten Länder der Erde besonders hart getroffen. Die Bevölkerung blickt mit Unruhe in die Zukunft. In den Gebieten, in denen nicht gekämpft wird, geht das Leben weiter. Unter diesen Umständen ist ein einfacher, brüderlicher Besuch ein sehr konkretes Zeichen der Solidarität. Einer der Brüder der Communauté, die in Nairobi, der Hauptstadt Kenias, leben, schreibt:

Die Mitarbeiter der Vereinten Nationen, die beim Ausbruch der Krise das Land fluchtartig verlassen mussten, sind nach und nach zurückgekehrt. Die kirchlichen Mitarbeiter und Missionare haben ihre Gemeinden nicht verlassen, manche sind diesen sogar während ihrer Vertreibung gefolgt und teilen auf diese Weise das Leid der Menschen.

In Juba haben die Kirchen Flüchtlinge aufgenommen. Als ich an diesen Ort kam, hatten viele Menschen ihre Zufluchtsorte bereits wieder verlassen. Aber in Gumbo, einem Vorort von Juba, nimmt P. David, ein Salesianer aus Indien, seit sechs Monaten, ohne Unterstützung durch internationale Organisationen zu erhalten, Flüchtlinge auf: „Wir bringen auf unserem Gelände 1600 Flüchtlinge in 290 Zelten aus Plastikplanen unter, 1200 von ihnen sind Kinder. Sie sind mitten in der Nacht zu uns gekommen. Die Männer sind an der Front geblieben. Zwischenzeitlich war die Cholera ausgebrochen, aber wir haben die Situation wieder unter Kontrolle.“

Kinderkrippe im Flüchtlingslager N°1 der UNO in Juba

Schwester Eugenia arbeitet in den zwei von der UNO verwalteten Flüchtlingslagern in Juba. Sie führt mich durch das Labyrinth der engen Gassen zwischen den Hütten. „Am schwierigsten ist die Tatsache, dass es für die Männer keine Arbeit gibt.“ In Tanklastwagen wird Trinkwasser aus dem Nil herantransportiert, das in großen Behältern gelagert und aufbereitet wird.

Schlafsaal der Seminaristen

Das Seengebiet in der Mitte des Landes besteht aus Wäldern und Sümpfen. Während der Regenzeit sind die Straßen nicht befahrbar. Man braucht fast drei Stunden, um die 60 Kilometer von Rumbek, der Hauptstadt, nach Mapaourdit zurückzulegen. In diesem Ort leben im Seminar St. Bakhita 53 Jungen, die aus etwa 15 Kirchengemeinden der Diözese stammen. Tagsüber gehen sie auf das nahe gelegene Gymnasium. Ich kann drei Tage bei ihnen wohnen, an denen wir uns in den freien Stunden zu Gebet und Bibelarbeit treffen.

Daniel Rathair ist gerade zum zweiten Mal Vater geworden. Er hatte selbst nie die Gelegenheit, das Abitur zu machen, jetzt ist er der stellvertretende Direktor der Schule. Auf seinem Grundstück hat er 18 Mädchen aus weit entfernt liegenden Dörfern untergebracht, die auf diese Weise einen kürzeren Weg zur Schule haben. Zum Essen gibt es jeden Tag das Gleiche: Reis und rote Bohnen. Es gibt keinen elektrischen Strom in der Schule, und seitdem die Pumpstation im Dorf nicht mehr funktioniert, auch kein fließendes Wasser. Das ganze Dorf steht vor demselben Problem: von 16 Pumpen für das Trinkwasser funktionieren momentan nur drei. Viele Anwohner kommen ins Seminar, um dort ihre Kanister aufzufüllen. Hier wird versucht, das Regenwasser aufzufangen, „aber es ist nicht sauber!“ Einige Mütter versuchen, das Wasser aus den Pfützen abzuschöpfen.

Die Familie von Daniel Ranthiar

Die Loretoschwestern in Rumbek setzen alles daran, um den Mädchen zu einer Ausbildung zu verhelfen. Bei den Dinkas ist dies dringend notwendig und eine große Herausforderung. Die Mädchen werden in der Regel gegen einen Brautpreis verheiratet, der aus Tieren besteht, und die ganze Schwiegerfamilie trägt dazu bei. Ein Vater kann seine Tochter von heute auf morgen in eine andere Familie verheiraten, zu der sie von diesem Zeitpunkt an „gehört“ und die für den Brautpreis aufkommen muss.

Schwester Orla leitet das Gymnasium: „Jede Woche muss eines der Mädchen aus diesem Grund die Schule verlassen. Nur selten gelingt es uns, die Familie davon zu überzeugen, dass es für alle Beteiligten besser ist, zuallererst die Schule zu beenden.“

Unterricht in der Grundschule von Loreto - Rumbek

Wir haben uns getroffen, um gemeinsam zu überlegen und ein Gebet mit allen Schülern der Schule vorzubereiten. Einige von ihnen hatten bereits im vergangenen Jahr an der Vorbereitung teilgenommen und bilden jetzt den motivierten engeren Kreis. Sie haben das ganze Jahr hindurch Gebete in der Schule vorbereitet. Diese Woche geht es um das Thema: „Wie können wir im Sinne des Evangeliums Verantwortung für andere übernehmen“.

Wir gehen das Thema in drei Schritten an: Wie können wir anderen im Gebet helfen, im Dienst an den anderen, in der Verkündigung des Wortes Gottes. Um 14.30 Uhr beginnt die Bibelarbeit, danach ist eine dreiviertel Stunde Zeit zum persönlichen Nachdenken und im Anschluss daran findet ein Gespräch in kleinen Gruppen statt.

Kleine Gesprächsgruppen in Loreto - Rumbek

Jemand, der die momentane Situation im Südsudan sehr gut kennt, sagte: „Viele Länder haben unmittelbar nach ihrer Unabhängigkeit schwere Zeiten durchgemacht: allen voran die Vereinigten Staaten… Sollte sich die Geschichte auch hier wiederholen? Dieser Krieg ist etwas Schlimmes. Der Nordsudan treibt ein doppeltes Spiel; nach außen hin unterstützt er den Süden, verhindert aber nicht, dass die Rebellen mit Waffen versorgt werden und im Süden Stellung beziehen. Bei den Unabhängigkeitsverhandlungen vor drei Jahren wurden die Probleme des Landes übergangen. Jetzt liegen sie offen und müssen angesprochen werden. Aber dies wird noch einige Zeit dauern.“

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