Worte von Frère Alois

Wir alle können Einheit säen und wachsen lassen

Samstag, 7. Mai 2016

Wir feiern in diesen Tagen das Fest „Christi Himmelfahrt“. Es folgt auf das Osterfest, das im Zentrum unseres Glaubens steht: Jesus hat den Tod besiegt, er lebt bei Gott; Leiden, Krankheit, Hass und Gewalt haben nicht das letzte Wort.

Christi Himmelfahrt ist ein Fest der Hoffnung: Gott kann einen Weg öffnen, für uns genauso wie damals für Jesus – egal, in welcher Situation wir uns auch befinden.

Ich denke in diesen Tagen oft an die Menschen in Syrien, wo ich im vergangenen Jahr an Weihnachten war. Immer wieder kommen mir Menschen ins Gedächtnis, oder das eine oder andere Wort, das ich dort hörte. Die Kämpfe um die Stadt Aleppo sind neu ausgebrochen. Beten wir für die Menschen in diesem Land, die Schlimmes durchmachen!

Wir fühlen uns mit den Menschen dort sehr verbunden. Erst vergangene Woche ist eine Flüchtlingsfamilie aus der Stadt Homs – die Eltern mit ihren vier Kindern – hier in Taizé angekommen. Wir möchten alles tun, damit sie hier wieder in Frieden leben können.


Aber ich möchte euch heute Abend noch von einem anderen Ereignis erzählen: Ich war vor einer Woche in Rumänien, zusammen mit vier meiner Brüder und mit 80 Jugendlichen aus 19 verschiedenen Ländern. Wir sind als Pilger dort hingefahren, um mit den Orthodoxen Christen dieses Landes gemeinsam Ostern zu feiern. Die Christen dort folgen einem anderen liturgischen Kalender, und Ostern fiel dieses Jahr auf ein so spätes Datum.

Was für ein herzlicher Empfang! Die Gastfreundschaft in Rumänien hat unsere Erwartungen weit übertroffen. Seit 25 Jahren kommen viele junge Rumänen nach Taizé und zu den Europäischen Jugendtreffen. Bereits in den 1960er-Jahren, lange vor dem Ende des kommunistischen Regimes, haben Brüder von hier aus die Christen dort besucht. Aber nun war es das erste Mal, dass wir mit einer Gruppe Jugendlicher dort hingefahren sind.

Patriarch Daniel hat uns sehr herzlich empfangen. Er sagte mir, dass er Frère Roger persönlich kannte und wie sehr er ihn schätzte. Er hat sich über unser kleines Geschenk gefreut: einen Stoffschal von Frère Roger. Frère Roger fror oft und hatte mehrere solcher Schals. So konnte ich bereits Papst Benedikt einen davon schenken sowie den Patriarchen von Konstantinopel und von Moskau.

Die Jugendlichen wurden von Familien in Bukarest aufgenommen und haben in zehn verschiedenen Kirchengemeinden der Stadt an den Gottesdiensten der Karwoche teilgenommen.

Die Auferstehungsfeier fängt am Karsamstagabend um Mitternacht an und dauert bis gegen halb vier Uhr morgens. Danach kommen alle zu einem großen Festmahl zusammen, das bis zum Morgengrauen weitergeht. Unzählige Male wird „Christos a inviat“ gesungen – Christus ist auferstanden. Es ist ergreifend zu erleben, wie die Osterfreude ausbricht.

Wir sind der Orthodoxen Kirche unendlich dankbar, uns zu diesem Osterfest eingeladen zu haben: Die Schönheit der Liturgie, die Ikonen und Gesänge, all das hilft uns, das Ostergeheimnis noch tiefer zu durchdringen.

Wir haben dort eine tiefe Einheit gespürt: Eine Einheit zwischen den verschiedenen Ländern, aus denen die Jugendlichen kamen, die Einheit zwischen den verschiedenen Kirchen, aber auch die Einheit der Menschen und der Kirche in Rumänien, die im Laufe der Geschichte sehr schmerzliche Trennungen erfahren haben. Ich glaube, man kann sogar sagen: Das Osterfest ist ein Fest der Einheit. Deshalb möchte ich heute Abend wiederholen, was ich zu den Jugendlichen in Bukarest beim letzten gemeinsamen Gebet gesagt habe.


Die Auferstehung Christi zeigt uns, dass Gott Vater ist, und dass er Jesus im Tod nicht alleingelassen hat. Maria von Magdala hat als Erste geglaubt, dass Jesus, der tot war, auf nunmehr unsichtbare Weise wieder lebt. Der Auferstandene sagte zu ihr: „Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“

Ich glaube, mit diesen Worten möchte uns der auferstandene Jesus in das Geheimnis Gottes, der Liebe ist, einführen. Er schenkt uns Gott sozusagen als einen Vater. Wenn Gott für alle Menschen ein Vater ist, dann sind auch wir alle Brüder und Schwestern.

Unsere Trennungen verdecken die Liebe Gottes – unsere Einheit dagegen kann diese Liebe sichtbar machen. Christus hat uns dies vor seinem Tod deutlich gesagt: Wenn ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe, werden alle erkennen, dass Gott die Liebe ist.

Christus will uns diese Liebe zeigen: Den anderen lieben, nicht weil er so ist wie ich, oder weil er meinen Erwartungen entspricht; vielmehr den anderen lieben, weil Gott ihn liebt.

Wenn wir dem auferstandenen Christus treu bleiben wollen, müssen wir die Trennungen und die gegenseitigen Verurteilungen zurückweisen. Und dies beginnt bereits unter Christen. Wir möchten in Taizé alles tun, um die Suche nach Einheit zwischen den Christen zu mitzutragen, eine Einheit in versöhnter Verschiedenheit. Nur so ist auch unser Einsatz für den Frieden glaubwürdig und fruchtbar.

Die Welt ist immer stärker gespalten. Aber wir können Einheit säen und wachsen lassen. Darum ging es uns bei diesem Pilgerweg nach Rumänien.

Wir alle können dort, wo wir leben, Einheit säen. Der auferstandene Christus ist uns nahe und hilft uns dabei.

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