Das Wagnis, auf andere zuzugehen

Montag, 29. August 2016

Wir alle treffen uns jede Woche einmal am Abend nach dem Gebet hier in der Kirche. Dieses Treffen findet normalerweise am Donnerstag statt, aber ich muss euch heute Abend, obwohl ihr erst gerade angekommen seid, bereits „auf Wiedersehen“ sagen. Dies tut mir umso mehr leid, als dies eine ganz besondere Woche ist.

Ich fahre morgen Nachmittag nach Afrika, wo am Mittwoch in Cotonou, im Benin, ein internationales Jugendtreffen stattfindet. Dies ist die vierte Etappe in Afrika unseres Pilgerwegs des Vertrauens: Ähnliche Treffen fanden 1994 in Johannesburg, 2008 in Nairobi und vor vier Jahren in Kigali statt. Zehn meiner Brüder, sowie Schwestern von Saint André und ein Team junger Freiwilliger sind bereits vor Ort.

In Cotonou werden etwa 8000 Jugendliche fünf Tage miteinander verbringen. Sie kommen aus dem Benin sowie aus Togo, Nigeria, Ghana, Burkina Faso, der Elfenbeinküste und vielen anderen afrikanischen Ländern. Daneben nimmt auch eine kleine Gruppe junger Europäer an diesen Treffen teil. Alle werden von den Kirchengemeinden aufgenommen und in Gastfamilien untergebracht. Die gemeinsamen Gebete finden unter einem großen Zelt statt.

Dieses Treffen steht unter dem Thema: „Gemeinsam Wege der Hoffnung suchen“. Wir hoffen, dass es zeigt, welch ungeheure schöpferische Kräfte heute in der Jugend Afrikas bestehen.

Wir möchten den jungen Afrikanern, denen wir begegnen, vor allen Dingen zuhören. Ich hoffe, dass sich daraus Ideen und Anstöße ergeben, die die Grundlage für die Jugendtreffen im nächsten Jahr hier in Taizé und an anderen Orten auf der Welt bilden können.

Eine der zentralen Fragen, um die es in Cotonou gehen wird, lautet: Wie können wir, um Wege der Hoffnung zu eröffnen, unsere Haltung des Apartments und unsere Passivität ablegen und nicht hoffen, dass sich die Dinge von alleine ändern oder Lösungen von außen kommen?
Es stimmt, dass so vieles die Botschaft des Friedens und der Solidarität des Evangeliums verdunkelt. Manche sind von einem Gefühl der Machtlosigkeit ergriffen angesichts all der Ungerechtigkeit und unserer bedrohten Zukunft. Viele junge Afrikaner fragen sich: ’Womit soll ich in den kommenden Jahren den Lebensunterhalt für mich und meine Familie verdienen?’

Aber ich weiß von meinen afrikanischen Brüdern und von anderen Menschen, dass es immer mehr junge Afrikaner gibt, die ihre Zukunft in die Hand nehmen. Während dieses Treffens werden sie gemeinsam überlegen, wie sich jeder Einzelne konkret einsetzen kann. Sie werden darüber nachdenken, wie sie sich gegenseitig unterstützen können, in ihren Gruppen, in ihren Bewegungen und Kirchen.

Ich möchte euch heute Abend einige Gedanken vorlesen, die ich für den letzten Tag des Treffens in Cotonou vorbereitet habe, die aber auch für uns hier in Europa zutreffen. Ich werde in Cotonou sagen: „Der Pilgerweg endet nicht mit dem letzten Tag des Treffens. Jeder ist aufgerufen, zuhause im Alltag weiterzumachen. Weitermachen, das bedeutet vor allem zwei Dinge.

Zum einen bedeutet weitermachen, unseren Glauben zu vertiefen. Wir brauchen persönliche Überzeugungen, um Christus nachzufolgen. Es genügt nicht, bestimmte Praktiken zu erfüllen; wir müssen uns immer wieder neu entscheiden, persönlich an Christus zu glauben. Wer ist Christus für mich? Welchen Ruf richtet er an mich?

Zum anderen bedeutet es, den Pilgerweg zuhause weiterzugehen, Pilger der Hoffnung und des Vertrauens unter denen zu werden, mit denen wir zusammenleben. Wie können wir die Hoffnung Christi, die wir im Gebet schöpfen, inmitten der komplexen Probleme unserer Zeit mit anderen teilen – angesichts der großen Armut, der Ungerechtigkeit auf der Welt, der drohenden Konflikte?

Gott ist Liebe und das Evangelium ruft uns dazu auf, durch unser eigenes Leben Zeugnis für die Barmherzigkeit Gottes abzulegen, und den Mut der Barmherzigkeit zu fassen.

Barmherzigkeit ist nicht nur ein Gefühl. Wir brauchen auch den Mut, auf andere zuzugehen, Grenzen und Risse unter den Menschen zu überschreiten, Gemeinschaft zu stiften und vor allem der Not nicht aus dem Weg zu gehen, die uns auf unserem Weg begegnet.

Überlegt, wenn ihr wieder zuhause seid, welche Spaltung ihr überwinden möchtet, welches konkrete Zeichen der Solidarität ihr setzen wollt! Wagt es, auf die anderen zuzugehen! Ihr werdet überrascht sein; es mag schwierig werden, aber ich bin sicher, ihr findet darin auch eine tiefe Freude.“

Ich werde am Ende des Treffens von Cotonou ein Versprechen leisten, das ich bereits heute Abend einzulösen beginne. Ich werde sagen, dass ich die jungen Europäer einlade, auf die Bitte so vieler Afrikaner zu hören, die mehr Gerechtigkeit in der internationalen Politik und Wirtschaft fordern. Auf diese Bitte einzugehen ist eine der Bedingungen dafür, dass die Afrikaner darangehen können, die Zukunft in ihren eigenen Ländern aufzubauen.

Und jetzt ein letztes Wort: Ihr denkt in dieser Woche darüber nach, wie ihr mit eurem Leben Christus nachfolgen könnt. Dabei wird es sicherlich auch um Fragen gehen, die durch die ungeheure Flüchtlingswelle in Europa entstehen.

Wir haben in Taizé drei Familien aus dem Irak und Syrien sowie deren Kinder aufgenommen, zudem eine Gruppe junger Männer aus dem Sudan und aus Afghanistan. Hassan, einer von ihnen, wird heute Abend zu uns sprechen.

Guten Abend, mein Name ist Hassan. Ich bin 26 Jahre alt und komme aus dem Sudan. Ich habe meine Kindheit in einem kleinen Dorf in Darfur verbracht. Ich bin mit meinen Eltern und meinen fünf Geschwistern auf einem großen Bauernhof aufgewachsen, wo es viele Ziegen und Schafe gab. Das Leben war schön.

Doch im Jahr 2003 ist der Krieg ausgebrochen und das Leben ist sehr schwierig geworden. 2011 wurde unser Dorf bombardiert, wobei meine Mutter und meine Brüder ums Leben kamen. Ich habe danach bei meinem Großvater gelebt, der in einer Koranschule unterrichtete. 2014 wurde auch sein Dorf angegriffen, wobei er ums Leben kam.

Danach wurde ich von Soldaten verhaftet. Man beschuldigte mich, der Opposition anzugehören. Als ich freigelassen wurde, erfuhr ich von meinem Onkel, dass in der Zwischenzeit auch mein Vater umgebracht worden war. So blieb mir nur noch die Flucht.

Ich fürchtete um mein Leben und floh nach Libyen. Nach vier schrecklichen Monaten in diesem Land nahm ich ein Schiff nach Europa. Dort bin ich ohne irgendetwas angekommen, auf der Suche nach Schutz, Unterkunft und Nahrung… Ich hatte ein unheimliches Glück, dies in Taizé zu finden! Hier habe ich eine neue Familie gefunden.

Ich bin nie zuvor Christen begegnet und kannte sie nur aus dem, was der Koran sagt. Im Koran heißt es, dass es verschiedene Wege zu Gott gibt und dass wir in Frieden mit den Menschen anderer Religionen zusammenleben müssen. In Taizé habe ich dies konkret erlebt und stelle immer wieder fest, dass dies sehr leicht ist.

Wir wissen, dass es in allen Religionen Terroristen geben kann. Momentan gibt es Menschen, die den Islam als Vorwand benutzen, um Krieg zu führen. In Wirklichkeit entstellen sie damit unsere Religion. Der Islam ist, genauso wie das Christentum, eine Religion des Friedens.

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