Ostern 2018

Christus ruft uns auf, Träger seines Friedens unter den Menschen zu sein.

Karsamstag, 31. März 2018

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Was hat uns in diesen Tagen zusammengeführt? Ist es eine bestimmte Idee, eine Lehre, eine Philosophie? Nein, es ist eine Person, nämlich Jesus. Und in dieser Woche haben wir ihn in den letzten Augenblicken seines Lebens bis zu seinem Ende begleitet.

Am Ende dieser Woche bleibt eine Frage: Warum haben die Menschen damals Jesus für so gefährlich gehalten – ihm, der niemandem etwas Böses getan hat, sondern so vielen Menschen geholfen hat; warum haben sie ihn abgelehnt, gedemütigt, gefoltert und getötet?

Warum haben sie ihm das angetan? Selbst seine engsten Freunde haben ihn verlassen, zunächst Judas, aber dann auch Petrus. Alle sind geflohen. – Und wir?

Am Ende dieser Woche bleibt ein Rätsel, etwas, das wir nicht völlig begreifen. Jesus hat sich in die tiefste Absurdität des menschlichen Lebens begeben, und zwar ohne sich zu schützen.

Er wusste, dass es seine Aufgabe war, die Liebe Gottes in die tiefste Dunkelheit der Menschheit zu bringen. Wir verstehen kaum, warum er sich nicht zur Wehr gesetzt hat. Auch hat er nicht versucht, die Menschen mit moralischen Aufrufen zum Guten zu bewegen. Er hat wesentlich mehr getan: Er hat den Hass selbst bekämpft, den Tod und das Böse.

Wir waren in diesen Tagen wie die Jünger in Gethsemane. Jesus hat uns gebeten, mit ihm zu wachen und zu beten. Er will unsere Nähe spüren. Und gleichzeitig ist er „ein Stück weiter gegangen“, wie es im Evangelium heißt, um allein zu beten. Er hat sich dem Hass, dem Tod und dem Bösen allein gestellt.

Heute, Karsamstag, ist kein gewöhnlicher Tag. Es ist ein Tag, an dem die Realität unseres Lebens zum Ausdruck kommt, eine Facette unseres Glaubens. Wir wissen genauso wenig wie die Jünger, wo Jesus ist; wir kennen die Tiefe dessen nicht, was er durchlebt hat. Mehr noch: Angesichts der Leiden so vieler unschuldiger Menschen könnten wir uns fragen, ob Christus das Böse tatsächlich besiegt hat.


Morgen, am Ostersonntag, singen wir die Auferstehung Christi. Wir werden uns an diesen unglaublichen Moment erinnern – mehr noch: Wir werden erleben, wie die Frauen vom leeren Grab Jesu zurückkamen und den Aposteln die Botschaft überbrachten: „Christus ist auferstanden!“

Ja, wir glauben, dass er lebt. Er ist nicht in unser Leben zurückgekehrt, das vom Bösen, von Hass und Tod gezeichnet ist. Wir glauben vielmehr, dass er auf unsichtbare Weise jedem Einzelnen von uns nahe ist und uns mit seiner Liebe erfüllt.

Unsere Sprache kann das Geheimnis dieser Gegenwart nicht ausdrücken. Doch die Evangelien lassen uns in sehr einfachen Worten die Wirklichkeit seiner Nähe spüren. So heißt es im Johannesevangelium: „Habt Vertrauen, ich komme wieder, damit auch ihr dort seid, wo ich bin.“

Wir feiern morgen gemeinsam das Geheimnis der steten Gegenwart Christi. Und indem wir es feiern, treten wir in das Geheimnis ein, sodass seine Auferstehung unser Leben prägt.

Und dann öffnen sich unsere Augen: Wir sehen die Wirklichkeit in einem neuen Licht, nämlich nicht mehr in der Verzweiflung, sondern im Licht der Hoffnung. Diese neue Sicht auf die Wirklichkeit ist bei Weitem keine träumerische oder naive Utopie. Sie beschäftigt uns und sie verändert uns.

Von nun an ruft Christus uns auf, gemeinsam ein Zeichen seines Friedens unter den Menschen zu sein. Drin liegt der Sinn und die Berufung der Kirche. Christus führt uns aus allen Völkern zusammen, sogar aus Völkern, die miteinander verfeindet sind; er führt uns zusammen aus allen Sprachen und Schichten; und er möchte, dass wir Träger seines Friedens sind.


Unsere kleine Communauté ist mit euch allen auf einem „Pilgerweg des Vertrauens“ auf allen Kontinenten unterwegs. Unserer Sehnsucht nach Einheit drängt uns dazu – nicht nur zur Suche nach der Einheit der Christen, sondern auch nach Frieden für die gesamte Menschheitsfamilie. Diese Sehnsucht hat Christus in uns gelegt.

Einige Etappen auf diesem Pilgerweg sind bereits bekanntgegeben worden:
Am Wochenende um den 1. Mai findet in der Ukraine, in der Stadt Lwiw/Lemberg, ein Treffen statt. Wir möchten diesem in Europa recht wenig bekannten Land, das schwere Zeiten durchlebt, unsere Nähe und unsere Solidarität zeigen. Kommt nach Lwiw! Ein solches Treffen kann unseren Horizont erweitern.

Gleich danach werden wir zu einigen Brüdern und mit einer kleinen Gruppe Jugendlicher in die sibirische Stadt Kemerowo fahren. Diese Stadt trauert noch um die Opfer, die dort letzte Woche bei einem schrecklichen Brand in einem Einkaufszentrum ihr Leben verloren haben. Die orthodoxe Kirche erwartet uns dort.

Dann wird im August in Hongkong ein Treffen stattfinden. Wir lieben China, dieses große Land, und die Menschen dort liegen sind uns ans Herz gewachsen. Zu diesem Treffen sind junge Menschen aus vielen asiatischen Ländern und darüber hinaus und auch aus Europa eingeladen.

Im Oktober wird dann in Graz, in Österreich, ein Treffen stattfinden.


Jetzt möchte ich etwas sagen, das die jungen Afrikaner unter uns sicherlich besonders freuen wird. Ich möchte unser nächstes Treffen in Afrika ankündigen, das fünfte afrikanische Treffen auf unserem Pilgerweg. Es wird in anderthalb Jahren, vom 25. bis 29. September 2019 am anderen Ende des Kontinents, in Südafrika, in Kapstadt stattfinden.

Die verschiedenen Kirchen der Stadt haben uns eingeladen. Von dort sind heute Sharon, Zanele, Jaco, Wynand und Louis unter uns, die die verschiedenen Kirchen des Landes vertreten. Sharon wird nun zu uns sprechen:

„Hallo, ich bin Sharon aus Südafrika, genauer gesagt aus Kapstadt. Als junge Südafrikanerin lebe ich in einer Regenbogengesellschaft mit einer großen bunten Vielfalt. Wir haben unserem Land zum Beispiel zwölf verschiedene Amtssprachen.

Wir freuen uns auf dieses Treffen mit jungen Menschen aus verschiedenen Ländern im nächsten Jahr. Die Vorbereitungen haben bereits begonnen und wir hoffen, dass ihr nach Südafrika kommt! Wir erwarten euch in der „Mutterstadt“, wir erwarten euch in Kapstadt!“


Und jetzt noch eine letzte Nachricht. Morgen früh wird während der Feier der Auferstehung Christi ein Ereignis stattfinden, das unsere Communauté betrifft, und das wir mit euch allen leben wollen.

Morgen früh wird einer unserer Brüder, Frère Jean, sein Lebensengagement in der Communauté ablegen. Nach mehreren Jahren der Vorbereitung wird er einen Schritt des Vertrauens gehen und für sein ganzes Leben Ja zu Christus und zu uns, seinen Brüdern, sagen.

Wir können auf vielen verschiedenen Wegen Christus nachfolgen. Aber jeden von uns, wo immer wir auch sind, bittet Christus – wie unseren Bruder Jean – ihm unser Vertrauen zu schenken und bis ans Ende unseres Lebens mit ihm zu gehen, ohne zurückzuschauen.

Möge die Freude der Auferstehung uns zutiefst berühren; möge sie uns alle in unserem täglichen Leben begleiten!

[1Foto: Benedek Pozsgay

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