Machen wir unsere Freundschaft weit!

Donnerstag, 12. Juli 2018

Diese Woche hier auf den Hügel ist sehr international. Überall in unserem Leben ist diese Vielfalt präsent: im gemeinsamen Gebet mit den Lesungen in verschiedenen Sprachen; in den kleinen Gesprächs- und Arbeitsgruppen und vor allem durch die persönlichen Begegnungen, die wir haben.

Am Schluss wird ein Kind die heute Abend hier vertretenen Länder aufzählen, darunter auch oft sehr weit entfernte Länder, aus denen viele Freiwillige den Sommer in Taizé verbringen. Ihre Anwesenheit ist sehr wichtig und ich möchte ihnen heute Abend ein großes Dankeschön dafür sagen.


Am letzten Wochenende hatten wir hier in Taizé ein besonderes Treffen: das zweite „Freundschaftswochenende“ mit etwa 300 jungen Christen und Muslimen, die sich auf diese Weise gegenseitig kennengelernt und viele Freundschaften geschlossen haben.

Es war ein Zeichen der Hoffnung, diese Erfahrung der Geschwisterlichkeit zu machen und uns gleichzeitig unserer Unterschiede bewusst zu werden. Wenn wir fest in unserem Glauben verwurzelt sind, brauchen wir keine Angst zu haben vor einem Dialog mit denen, die anders denken ... und sogar eine wahre Freundschaft wird möglich. Dies haben wir erlebt!

In der heutigen Welt sind solche Gelegenheiten zum Dialog und zu Freundschaft besonders wichtig. Angesichts der zunehmenden Angst und Gewalt, die überhand zu nehmen scheint, sollten wir uns immer vom Vertrauen in unsere Beziehungen zu den anderen leiten lassen.

Machen wir unsere Freundschaft weit! Von ganzem Herzen möchte ich euch dazu einladen. Bleibt nicht einfach unter denen, die sich schon kennen! Wenn wir Grenzen überschreiten, finden wir das Leben in Fülle.


Wir alle brauchen das Gefühl dazuzugehören, uns als Teil einer Familie, einer Gruppe oder eines Landes zu fühlen. Gleichzeitig müssen wir uns neuen Horizonten öffnen. Unsere Identität verarmt, wenn wir einen Kreis um uns herum ziehen.

Haben wir also keine Angst, uns neuen Herausforderungen in der Welt zu stellen – auch der Herausforderung, vor welche die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich uns stellt!

Neben sichtbarer Armut gibt es auch Armut, die man nicht auf den ersten Blick sieht. Die Einsamkeit gehört dazu. In unseren reichen Ländern, selbst unter Menschen, denen nichts fehlt, gibt es einige, die sich fragen, welchen Sinn ihr Leben noch hat; sie gehören nirgendwo dazu und fühlen sich wie Fremde auf der Erde. Wie können wir denen, die leiden, nahe sein, ihnen zuhören und uns von ihrer Situation berühren lassen?

Auf der ganzen Welt gibt es Frauen, Männer und Kinder, die gezwungen sind, ihr Land zu verlassen. Es ist die Not, die sie dazu treibt. Diese Not ist stärker als alle Schranken, die wir errichten, um sie aufzuhalten.

Ihr Kommen in so großer Zahl verunsichert uns; die Angst, die sie auslösen, ist verständlich. Wir möchten der Angst widerstehen; das heißt nicht, dass wir sie unterdrücken, sondern, dass wir uns von ihr nicht lähmen lassen. Nehmen wir es nicht hin, dass Fremde abgelehnt werden; in der Ablehnung des anderen liegt der Keim der Barbarei. Als Christen denken wir daran, dass wir alle Fremde auf der Erde sind.

Das sind Worte der Bibel: „Wir sind Fremde auf Erden.“ (Hebräer 11,13) Wir sind Pilger auf diesem wundervollen Planeten, wir haben kein Zuhause für immer, wir gehen unserer Heimat im Himmel entgegen.


Ich möchte nun Amaya das Wort erteilen, die mit ihrer Familie hier ist und die wir sehr gut kennen. Sie arbeitet in Rom im Dienst der Kirche für die Begleitung von Flüchtlingen. Sie wird uns von ihrer Arbeit erzählen.

Amaya: Wir hören oft Nachrichten über Flüchtlinge und Migranten, aber in den Nachrichten haben diese kein Gesicht. Und doch besteht dieses Mosaik von Kindern, Frauen und Männern aus Namen und konkreten Geschichten.

Nach meinem Jurastudium habe ich als Flüchtlingsanwältin gearbeitet und versucht, für diese Menschen einen sicheren Ort zu finden und ihr Recht auf Asyl durchzusetzen.

Außerdem haben wir das Glück, in unserer Familie regelmäßig Flüchtlinge im Haus aufzunehmen. Wir haben auf diese Weise Menschen aus Syrien, dem Jemen und Mauretanien kennen- und lieben gelernt. Durch sie konnten wir besser verstehen, was in ihren Ländern passiert, warum sie weggegangen sind und welchen kulturellen Reichtum sie verlassen haben.

Unsere Erfahrung ist, dass wir viel mehr erhalten, als wir geben. Menschen, die alles verloren haben, können uns viel beibringen. Sie haben eine geistliche und menschliche Stärke, die uns herausfordert. Ja, wir können von Menschen, die fliehen mussten, viel lernen.

In der Nachfolge Jesu haben wir keine Angst, die kulturellen, sozialen und religiösen Grenzen unserer Zeit zu überschreiten, um mit anderen in Kontakt zu treten; durch eine persönliche Begegnung entdecken wir die Schätze, die jeder Flüchtling mit sich trägt.


(Photo: Vincent Bellec)

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