„Die Geburt eines neuen Volkes ist ein harter Kampf“ – Gedanken von Jaco Botha

„Ich wurde in der niederländisch-reformierten Kirche zum Pfarrer ordiniert. Von dieser Kirche ging die Apartheid aus; sie ist die Kirche der früheren Herrscher dieses Landes, welche die Ideologie der Rassentrennung entwickelt haben. Unsere Geschichte ist eine Geschichte der Rassentrennung. Das ist die Wahrheit, und auf diesem Hintergrund müssen wir als Kirche dienen, unsere Sünden bekennen und gleichzeitig unseren wahren Platz in Afrika finden. Dieses Trugbild verfolgt uns auch heute noch, mehr als 20 Jahre nach den ersten demokratischen Wahlen in unserem Land. Wir sind immer noch weit entfernt von einer echten Demokratie in Südafrika. Viele Südafrikaner haben immer noch keinen Zugang zu Bildung, Gesundheit, Arbeit und Sanitäreinrichtungen.

Heute denken viele schwarze Jugendliche, dass die Versprechen einer besseren Zukunft, die ihre Eltern ihnen gemacht haben, niemals eingelöst werden ... Dies hat die heftigen Demonstrationen von 2016 #feesmustfall (die Studiengebühren müssen sinken) im letzten Jahr erneut ausgelöst. Schwarze Studenten haben eine Senkung der Studiengebühren, Zugang zu Universitäten und eine bessere Berücksichtigung ihrer Sprachen gefordert.

Wie können wir jungen Menschen helfen, ihr Schicksal und ihre Geschichte in die Hand zu nehmen und sich von Strukturen zu befreien, die sie ihrer Würde beraubt haben? – Mir wird allmählich klar, dass die Geburt eines neuen Volkes ein harter Kampf ist. Hier bei Legacy bieten wir Menschen Sicherheit, wir unterstützen sie und begleiten sie auf dem Weg der Heilung von Trauma und Gewalterfahrungen. Ich bin hier, weil ich mich von einer Ideologie frei machen muss, die von meinen Vorfahren kommt. Ich bin nicht hier, um über Gott zu sprechen, sondern weil ich Gott suche, um von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit geheilt zu werden. Die Leute, mit denen ich zusammenarbeite, tragen zu meiner Heilung bei. Ich kann nicht mehr schreiben oder predigen, ohne an die Menschen hier zu denken.

Viele Menschen aus dem Ausland möchten Afrika retten. Wir brauchen keine Vereinten Nationen oder große Hilfsorganisationen, die uns retten wollen. Die Liebe, die wir brauchen, ist hier. Wir sind auf einem langen Weg unterwegs, um uns trotz neuer Wunden zu lieben. Wir brauchen kein Geld, wir brauchen keinen Plan, aber wir brauchen Menschen, die uns lieben, die uns helfen, wir selbst zu werden, die solidarisch sind mit dieser Geburt, die mit uns die Traumata tragen, das Kreuz Christi, um die Auferstehung zu leben, die sich der Kontrolle des Menschen entzieht. Hier sehe ich Hoffnung!

Louis Van Der Riet, Zanele Kumalo, Ntobekhaya Sibene, Wynand Marc Breytenbach und Jaco Botha, April 2018 in Taizé

In den vergangenen Jahren wurden von höchsten staatlichen Stellen und politischen Parteien massiv öffentliche Gelder unterschlagen. Wir haben gesehen, wie der Rat der Kirchen des Landes seine prophetische Rolle wiedererlangt hat, indem er Gerechtigkeit forderte und eine transparente Verwaltung.

Ubuntu („Ich bin was ich bin dank dem, was wir alle sind“) ist Afrikas Geschenk an die Menschheitsfamilie – eine Hybrid-Theologie. Meine Hoffnung ist, dass wir eine Gesellschaft aufbauen, in der wir in Betracht ziehen können, dass mir der andere hilft, mehr ich selbst zu werden. Ich wäre nicht ich selbst, wenn es keine anderen Afrikaner gäbe. Das nicht anzuerkennen, wäre arrogant. Die Afrikaner befinden sich auf einem Weg, der dem der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg gleicht. Wir müssen unsere Fehler eingestehen. Aber da ist noch mehr: das Bild Gottes in jedem Menschen für alle. Das ist ein langer Weg.“

Dr. theol. Jaco Botha, Stellenbosh

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