Gehen wir aufeinander zu

Wir Brüder freuen uns, heute Abend hier in der Versöhnungskirche mit euch zusammen zu sein. Ihr wisst, dass wegen der Pandemie ab Mitte März niemand nach Taizé kommen konnte, das war sehr traurig. Wir können uns das Leben der Communauté ohne Gastfreundschaft nicht vorstellen.

Aber diese Zeit des Lockdown war für uns wie eine Sabbat-Zeit, um gemeinsam über das Wesentliche nachzudenken. Unser gemeinsames Leben als Brüder hat in dieser Zeit, in der wir auf einmal ganz unter uns waren, erneuert.

Die Pandemie, die unsere Welt durchmacht, hat uns Brüder auch vor die Frage gestellt: ‚Was müssen wir angesichts dieser ungeheuren Herausforderungen an unserer Lebensweise ändern?‘ – Unter anderem haben wir in der letzten Zeit über die ökologische Wende nachgedacht, zu der wir aufgerufen sind.

Eine weitere unerwartete Neuigkeit der vergangenen Monate betrifft die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten. Zu Beginn des Lockdown haben wir begonnen, gemeinsame Gebeten online zu übertragen. So konnten wir mit Menschen auf der ganzen Welt in Gemeinschaft sein. Auch als die Kirche hier geschlossen war.

Aber auch andere Initiativen sind entstanden: An diesem Wochenende nehmen über 300 Jugendliche aus mehr als fünfzig Ländern an einem Online-Treffen teil. Ich grüße von hier aus alle, die uns heute Abend von woanders aus zuhören.

Ein Teil dieses Online - Treffens war heute Nachmittag ein Austausch von Jugendlichen auf den verschiedenen Kontinenten über ihre Erfahrungen der Solidarität in letzter Zeit in ihren Ländern. Wir könnten uns gemeinsam die Frage stellen, wo wir inmitten der schweren Probleme dieser Zeit auch Zeichen der Hoffnung sehen.


Im Jahr 2020 wollten wir eigentlich gemeinsam über das Thema nachdenken: „Unterwegs, und doch verwurzelt bleiben.“ Damals wussten wir nicht, dass ein paar Wochen später die Hälfte der Menschheit unter Ausgangsbeschränkungen stehen und keine Möglichkeit haben würde(OK), irgendwo „unterwegs“ zu sein.

Dennoch ist dieses Thema noch immer sehr aktuell. „Unterwegs zu sein“ bedeutet nicht, in einer permanenten Instabilität zu leben. Wir brauchen tiefe Wurzeln, einen inneren Anker, der einen festeren Halt gibt als unser oft sehr bewegtes Leben.

Manchmal kommen wir uns angesichts all des Leidens hilflos vor. Und die unsichere Zukunft macht manchen jungen Menschen sogar eine nahezu existenzielle Angst.

In diesen Zeiten des Zweifels und der Angst möchten wir uns daran erinnern, dass das Gebet ein Weg ist, der immer offensteht. Was ändert es, wenn wir Gott einen anderen Menschen oder eine schwierige Situation in unserem Leben anvertrauen? Zum Glück kann man nicht ermessen, wie Gott auf unser Gebet antwortet. Gott geht über all unsere Berechnungen weit hinaus.

Doch eines ist sicher: Wenn wir Gott alles anvertrauen, treten wir in tiefe Solidarität mit unseren Mitmenschen, wir werden eins mit der Solidarität Christi, der auch heute mit denen leidet, die Schweres durchmachen. Ja, das Gebet setzt uns in Bewegung, es zeigt uns unsere Verantwortung für andere und für uns selbst.


Dieser Monat August ist für uns Brüder ein Anlass, Gott für das Leben von Frère Roger zu danken, der vor 80 Jahren zum ersten Mal nach Taizé gekommen war. Das war der Anfang einer Gründung, die über viele Jahre hinweg in Etappen weiterging.

Frère Roger war damals mit 25 Jahren zu Beginn des Zweiten Weltkriegs allein nach Taizé gekommen. Was konnte er angesichts von Gewalt und Menschenverachtung tun? Allein konnte er die Barbarei nicht aufhalten, aber er konnte Menschen in Not bei sich aufnehmen. Und er hat schon damals den Beschluss gefasst, sich auf den Frieden vorzubereiten.

Im Jahr 1980 sprach er zu jungen Menschen folgende Worte: „Auch nur zu zweit oder zu dritt, geht aufeinander zu, unternehmt einen Pilgerweg zu einem Ort des Gebets, um gemeinsam zu beten, mit oder ohne Worte. Habt den Mut, einen solchen Pilgerweg nicht nur zu Menschen zu machen, die so sind wie ihr, sondern auch zu Menschen, die ihr Leben anders führen.“

Und er fuhr fort: „Junge Menschen verstehen, dass sie in der Nachfolge Christi dazu aufgerufen sind, nicht mit den Waffen der Macht, sondern mit einem versöhnten Herzen zu kämpfen. Sie möchten miteinander teilen. Sie hoffen, dass möglichst viele Christen den leichten Weg großer materieller und finanzieller Mittel aufgeben, um daran mitzuarbeiten, die Erde bewohnbar zu machen. Viele junge Menschen sind zu einer großen Selbstlosigkeit fähig. Sie setzen sich dort ein, wo es für die Versöhnung und den Frieden auf der Welt am dringendsten ist.“

Ich finde diese Worte noch immer sehr aktuell. Ja, in unserer Welt, in der sich vieles mit einer nie dagewesenen Geschwindigkeit verändert, in der wir oft fassungslos vor Gewalt, vor einer wachsenden materiellen Unsicherheit und vor dem Klimanotstand stehen, in dieser Welt sind junge Menschen bereit, Zeugen der Hoffnung zu sein und Versöhnung zu stiften.


Ich möchte euch heute Abend noch folgende Einladung machen: Am Ende des Jahres werden wir, wenn möglich, eine weiter Etappe auf dem „Pilgerweg des Vertrauens“ gehen, nämlich in Form eines Europäischen Treffens vom 27. Dezember bis 1. Januar hier in Taizé, an dem auch Jugendliche aus der ganzen Welt online teilnehmen werden.


Vertrauen wir in diesen schweren Zeiten auf die Gegenwart des Heiligen Geistes, der uns Mut macht. Ja, er gibt uns die Kraft, unsere Angst abzulegen und Vertrauen zu stiften. So werden wir die nötige Kreativität finden, um einer neue Welt entgegenzugehen, und können „stets unterwegs und doch verwurzelt bleiben“.

Printed from: http://www.taize.fr/de_article29001.html - 20 October 2020
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