Christi Himmelfahrt 2021 | Christus ist unsere Einheit

Donnerstag, 13. Mai 2021

Vom 13. bis 16. Mai findet in Frankfurt am Main der dritte Ökumenische Kirchentag statt. Beim Eröffnungsgottesdienst, der im Fernsehen übertragen wurde, hielt Frère Alois die folgende Predigt.

Wir feiern heute Himmelfahrt. Gott hat Jesus bei sich aufgenommen. Das klingt nach einem guten Ende. Aber die Jünger und Jüngerinnen fühlen sich von Jesus verlassen. Sie sind enttäuscht. Ihre Erwartungen an Jesus haben sich nicht erfüllt.
Erst allmählich begreifen sie: Auch wenn sie Jesus nicht mehr sehen – er ist wirklich unter ihnen. Damit tut sich ein neuer Horizont auf. Mit der Auferweckung Jesu hat sich Gott auf die Seite der Gedemütigten gestellt. Die Liebe Gottes ist stärker als Hass, Gewalt und Tod. Die Armen der Erde können aufstehen und jubeln. Ein unerwartetes Licht erstrahlt.

Zu diesem Fest kommen zu uns nach Taizé in Burgund in normalen Zeiten an die zweitausend Jugendliche. In unserer Versöhnungskirche singen wir und geben uns mit kleinen Kerzen das Licht der Auferstehung weiter.

Liebe Schwestern und Brüder, auch wenn Sie heute alleine vor dem Bildschirm sitzen, der Glaube an die Auferstehung Jesu verbindet uns. Doch vielleicht geht es Ihnen wie mir: Ich denke in diesem Moment auch an Menschen, denen dieser Glaube nicht leichtfällt. – Oft stellen mir Jugendliche in Taizé Fragen wie: „Was bedeutet es für mich, dass Jesus von den Toten auferstanden ist? Warum greift Gott nicht ein, wenn Menschen leiden, und wenn alles zerbricht, was mir Sicherheit gibt?“ Solche Fragen werden in der Pandemie noch stärker.

Unser Glaube gibt uns keine einfachen Antworten. Aber er lädt ein zu vertrauen, dass Christus auch in schweren Zeiten bei uns ist. Das gibt mir die Hoffnung, dass wir aus der Erfahrung der Pandemie lernen. Wir wollen geschwisterlich zusammenleben, auf eine neue Weise miteinander teilen und noch entschiedener für unsere Erde Sorge tragen. Die Zeit ist da für einen neuen Aufbruch.

Als Kirchen wollen wir dazu beitragen. Doch viele sagen zu Recht: Eure Botschaft der Liebe ist unglaubwürdig! Missbrauch hat viel Vertrauen zerstört. Und es braucht Mut, um Licht in dieses Dunkel zu bringen.

Auch wir Brüder in Taizé stehen vor dieser Herausforderung. In Gesprächen mit Überlebenden von Missbrauch ist uns klargeworden: Heilung ist nur möglich, wenn wir zugeben, was geschehen ist. Wenn wir Verantwortung übernehmen und alles daransetzen, dass die Stimmen der Opfer gehört werden, dass die Opfer auch juristisch Recht bekommen und in Zukunft niemand mehr solches Leid erfährt. Dazu ist in unseren Kirchen eine tiefe Erneuerung notwendig. Strukturveränderungen sind unerlässlich.

Um in der Gesellschaft und in unseren Kirchen neu aufzubrechen, braucht es ebenso eine tiefe geistliche Erneuerung.


Viele Jugendliche suchen ein geistliches Leben, das sie trägt. Sie erleben in Taizé, wie wichtig es ist, immer wieder innezuhalten. Und es stimmt: Wo ich auch gerade bin, ich kann mich in jedem Augenblick Christus zuwenden. Der Auferstandene ist immer da.

Zweifel können bleiben. Der Glaube ist nicht so sehr ein Besitz von Gewissheiten; er ist zuallererst ein Unterwegssein in Hoffnung. Er macht uns offen für andere – hellhöriger für die Menschen und Ereignisse in unserer Umgebung und in der Welt.

Die Pandemie erlegt uns schmerzliche Grenzen auf, aber wir können uns schon jetzt darauf vorbereiten, in Zukunft offener auf andere Menschen zuzugehen. Auch auf Menschen, die wir spontan nicht ansprechen würden: zum Beispiel Migranten, die vielleicht ganz in der Nähe wohnen. Gerade haben wir gehört, wie Alexandra, Sandra und Ambote das in ihrem Leben verwirklichen – offen auf andere zuzugehen. Das ermutigt uns.

Vor Kurzem besuchte uns in Taizé eine Pfarrerin aus der Umgebung. Sie erzählte, wie sie in der Zeit vor dem letzten Lockdown ihren Gemeindemitgliedern vorschlagen hatte, sich einmal in der Woche in kleinen Gruppen zu einem einfachen Essen zu treffen und dabei über ihr Leben und den Glauben zu sprechen.

Das ist nichts Spektakuläres. Vielleicht würde der eine oder die andere von Ihnen auch gerne so etwas tun, sobald das wieder möglich ist. Kirche ist lebendige Gemeinschaft. Sie lebt im gemeinsamen Gottesdienst und im Miteinanderteilen des Alltags. Sie ist Weggemeinschaft.

Eine solche Weggemeinschaft können wir in unseren Kirchengemeinden und in kleinen Gruppen leben. Diese Weggemeinschaft gewinnt, wenn sich Christen und Christinnen aus verschiedenen Konfessionen zusammentun. Eine geistliche Erneuerung unserer Kirchen kommt nur gemeinsam voran.

Wir können die Vielfalt unter uns Christen als Geschenk annehmen. Was nicht ausschließt, dass wir manchmal einander einfach geduldig ertragen müssen. Auf keinen Fall dürfen wir uns mit dem Skandal unserer Spaltungen abfinden! Unsere Kirchen können noch nicht alle Glaubensschätze miteinander teilen. Aber Christus ist nicht geteilt. Er ist unsere Einheit. Nur wenn wir öfter im gemeinsamen Gebet zusammenkommen, können wir unsere Einheit in Vielfalt auch glaubhaft leben.

Das ist möglich. In Taizé kommen Tag für Tag Menschen verschiedener Konfessionen, Sprachen, Länder und Kulturen vor Gott zusammen. Wenn wir gemeinsam auf die Schrift hören, Gott loben und einen langen Moment Stille halten, macht uns der Heilige Geist bereits zu einer lebendigen Gemeinschaft.

Wir singen gern diese alten Worte: „Ubi caritas et amor, Deus ibi est.“ – „Wo die Liebe ist, da ist Gott.“ So vieles, was Menschen für andere tun, ist ein lebendiges Zeichen der Liebe Gottes. Schauen wir hin! Auch in unseren manchmal so schweren Tagen ist das Reich Gottes schon unter uns.

Printed from: https://www.taize.fr/de_article31784.html - 26 October 2021
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