Worte von Frère Alois

Das Anderssein des Anderen annehmen

28. Juli 2022

Wir Brüder freuen uns sehr, euch wieder so zahlreich in Taizé zu sehen – aus ganz Europa und sogar von weiter her, aus den Vereinigten Staaten, aus Korea und vielen anderen Ländern. Ich heiße euch alle sehr herzlich willkommen!

Besonders begrüßen möchte ich heute die jungen Freiwilligen, die für längere Zeit hier mitleben. Auch sie kommen aus verschiedenen Ländern Europas, aus Afrika, Lateinamerika und Asien. Vielen Dank für eure Anwesenheit und euren Einsatz, durch den es möglich ist, euch alle hier jede Woche zu empfangen.

Wie ihr wisst, denken wir dieses Jahr besonders über die verschiedenen Aspekte des Themas „Einheit“ nach: die Einheit der Menschheitsfamilie, die Einheit mit der gesamten Schöpfung, die Einheit der Kirche und auch die Einheit unserer menschlichen Person. Dazu habt ihr unter dem Titel „Einheit stiften“ mehrere Vorschläge für dieses Jahr erhalten.

Die ersten zwei Abschnitte dieses Textes beziehen sich auf die Begegnung und den Dialog mit Menschen, die aus anderen Gegenden kommen oder andere Ansichten oder Lebensformen haben als wir. Mir geht es, einfach ausgedrückt, darum, dass wir auch Menschen mit anderen Einstellungen zuhören und den Dialog nicht abbrechen.

Fällt uns das leicht? Sicherlich nicht. Kürzlich sagte mir ein Jugendlicher, wie schwierig es in seiner kleinen Gesprächsgruppe sei, weil jemand in vielen Dingen ganz anders denken würde. Aber genau darin liegt die Herausforderung: Sind wir in der Lage, einen Dialog fortzuführen, auch wenn wir manchmal in wesentlichen Fragen anderer Meinung sind?

Gerade bei Meinungsverschiedenheiten ist der Dialog besonders wichtig. Natürlich geht es nicht darum, Unterschiede zu relativieren oder unsere tiefsten Überzeugungen zu verleugnen. Ich muss nach wie vor die Freiheit haben, mit anderen nicht übereinzustimmen.

Doch denken wir daran, wie Jesus auf Menschen ganz verschiedener Herkunft zuging. Einmal sagte er zu seinen Jüngern etwas äußerst Herausforderndes, nämlich: „Wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Und wenn ihr nur eure Nächsten grüßt, was tut ihr damit Besonderes?“ (Matthäus 5,46-48)

Vor Kurzem fand hier das fünfte „Treffen der Freundschaft zwischen jungen Christen und Muslimen“ mit etwa 100 Jugendlichen und eingeladenen Gästen aus beiden Religionen statt, eine großartige Erfahrung des Dialogs. Mich hat das Vertrauen der jungen Muslime tief berührt, die zu diesen Tagen eigens nach Taizé gekommen waren.

Natürlich hat ihr Vertrauen den Dialog erleichtert, aber wir haben auch die tiefen Unterschiede zwischen uns gesehen. Es ist für beide Seiten schmerzhaft, dass der jeweils andere den Schatz unseres Glaubens nicht gänzlich teilen kann. Und doch haben wir im Laufe dieser Begegnung ein weiteres Mal gesehen, dass wahre Freundschaft möglich ist!

Der französische Philosoph Jacques Maritain drückt dies mit Worten aus, die auch in den „Sechs Vorschlägen für dieses Jahr“ stehen: „Eine sehr tiefe und innige Freundschaft kann zwischen Menschen bestehen, die in wesentlichen Fragen unterschiedlich denken. Zweifellos ist dies auch mit Schmerz verbunden, macht aber den Freund nur noch wertvoller.“

Für diejenigen unter uns, die Jesus nachfolgen, scheint es mir, dass wir gerade im Namen unseres Glaubens in einen Dialog treten können. Manche fürchten, dass wir durch einen Dialog unsere Identität verlieren könnten, aber diese Angst sollten wir nicht haben! Wenn unser inneres Leben zur Entfaltung kommt, können wir die Andersartigkeit des anderen, sein Anderssein, mit wohlwollendem Vertrauen annehmen.

In dieser Zeit, in der unsere Welt von Gewalt erschüttert wird und mitten in Europa in der Ukraine der Krieg weitergeht, müssen wir mit allen Mitteln zum Ausdruck bringen, dass die Religionen keine Gewalt wollen, sondern zu Frieden, Freundschaft und Geschwisterlichkeit unter allen Menschen beitragen möchten.

Ich wünsche mir, dass jeder und jede von uns in diesen Tagen in Taizé erfährt, dass das eigene Herz weit werden kann. Dann können wir einander annehmen und uns von anderen aufnehmen lassen – von der Person, die uns gegenübersteht, und von dem Fremden, der anders ist als wir.

In diesem Sinn setzen wir auch unseren „Pilgerweg des Vertrauens auf der Erde“ fort: durch die Treffen hier in Taizé und am Ende des Jahres mit dem Europäischen Jugendtreffen in Rostock, dieser schönen Stadt an der Ostsee.

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