Die Freiheit

Sind alle Ereignisse von Gott vorherbestimmt?

Für viele unserer Zeitgenossen geht der Glaube an einen allmächtigen und allwissenden Gott nicht gut mit der Entscheidungsfreiheit zusammen, die den Menschen gegeben ist. Wenn Gott alles weiß, was geschieht, und wenn er seine Schöpfung durchgeplant hat, wozu sich den Kopf zerbrechen, wie man selbst stimmige Entscheidungen fällen soll?

Der Begriff eines „Plans“ Gottes bedeutet nicht, dass er eine Art Buch führt, in das alles schon eingetragen ist.

Es sagt einfach nur, dass die Existenz des Alls und unseres eigenen Lebens nicht Frucht eines Zufalls sind, sondern wir für etwas, auf etwas hin leben. Gott hat die Welt und die Menschen erschaffen, um uns in eine Beziehung zu ihm zu stellen, um mit uns sein eigenes Leben zu teilen. Ein altes christliches Kirchenlied sagt es so: „In Christus hat Gott uns erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor ihm“ (Epheser 1,4). Die Ereignisse, durch die sich Gott offenbart, folgen einer logischen und keiner chronologischen, also im zeitlichen Ablauf liegenden Gegebenheit, nämlich der Absicht, uns in Gemeinschaft mit ihm ein Leben in Fülle zu schenken. Das ist der „Plan“, sein einziger Wille, und er drückt nichts anderes als seine Liebe aus.

Dieser Wille zu lieben zeigt sich in einer großen Vielfalt je nach den Menschen und Situationen. Und zu allererst zeigt er sich in den Gaben, die Gott seinen Geschöpfen schenkt. Eine der größten Gaben, die die Menschen von ihm empfangen haben, ist die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, frei zu handeln. Diese Gabe ist wesentlich, weil Gott von uns eine liebende Antwort auf seine Liebe ersehnt. Würden wir zu bestimmten Entscheidungen gezwungen, stünde dies mit seinem Plan in vollkommenem Widerspruch, würde dies die Liebe unmöglich machen.

Der Irrtum zu glauben, dass alles bereits vorherbestimmt ist, kommt aus einer Verwechslung von Gott, wie er in sich selbst ist, und der geschaffenen Zeit. Gott unterliegt nicht den Bedingungen unserer Zeit. Er ist weder „vorher“ noch „nachher“, er ist. Im Johannesevangelium sagt Jesus: „Bevor Abraham lebte, war ich“ (Johannes 8,58). Der Berührungspunkt zwischen Gott und uns kann nur der gegenwärtige Augenblick sein: Jemand hat Gott sogar einmal „das ewige Jetzt“ genannt. Er hat nicht das All erschaffen, um sich dann in einen Elfenbeinturm zurückzuziehen. Im Gegenteil, durch seinen Geist durchlebt er jeden Augenblick unseres Lebens mit uns, ermutigt er uns, so gut wie möglich, mit Stimmigkeit nach seinem Willen zu leben. Der Plan Gottes besteht nicht darin, alles längst vorher festgelegt zu haben, sondern darin, dass wir in seiner Gemeinschaft Minute für Minute ein Leben lang Neues schaffen, in dem wir auf die Gabe seiner Liebe durch ein Leben aus Solidarität und Dienst am anderen antworten.

Was bedeutet für einen Glaubenden Entscheidungsfreiheit?

Unter Freiheit kann man Verschiedenes verstehen. Heutzutage unterstreicht man gerne die Möglichkeit zu wählen: Wahlfreiheit heißt, selbst entscheiden zu können, was man sein oder tun will. Dies geht so weit, dass für manche Gott eigentlich ein Feind des Menschen ist, weil man behauptet, er würde ihm ein bestimmtes Verhalten vorschreiben. Denkt man so, dann schließen sich Glauben und Freiheit aus.

Um eine umfassendere Sicht der Freiheit zu gewinnen, muss man zwei Ebenen unterscheiden. Auf der ersten bringt die Freiheit Entscheidungen mit sich, die nicht durch äußere Verhältnisse festgelegt sind. Als Gott den Menschen nach seinem Bild schafft, schenkt er ihm die Gabe sich zu entscheiden. Wir sind nicht von vornherein in allem programmiert. Um zu wachsen ist es wichtig, dass wir Schritte tun, die kein Mensch an unserer Stelle tun kann. Und wie oft gesagt wurde, selbst sich nicht zu entscheiden ist bereits eine Entscheidung!

Die Fähigkeit, eine Wahl zu treffen, die in sich gut und nötig ist, reicht nicht aus, um die wahre Freiheit zu erlangen. Man muss die Entscheidungen im Hinblick auf etwas treffen, unsere Vorgehensweise ist auf ein Ziel ausgerichtet. Dieses Ausgerichtetsein auf ein Ziel kann uns nur wirklich frei machen, wenn wir uns dabei so geben, wie wir wirklich sind, wenn sich unsere wahre Identität dabei entfalten kann.

Dabei zeigt sich, dass ein Freiheitsbegriff, der uns ermutigt, wahllos irgend etwas zu machen, auch auf menschlicher Ebene unvollständig ist. Es gibt Entscheidungen, die uns entstellen. Im Extremfall: Wenn sich jemand „frei“ entscheidet, Drogen zu nehmen oder sich das Leben zu nehmen, sägt er an dem Ast, auf dem er sitzt, und beraubt sich der Möglichkeit, später Entscheidungen zu fällen, die ihn dem Glück näher bringen.

„Herr, du erforschst und du kennst mich“ (Psalm 139,1). Wenn der Schöpfer des menschlichen Herzens dieses besser kennt als irgend jemand sonst (vgl. Jeremia 17, 9-10), sind wir mit seiner Hilfe fähig, Entscheidungen zu treffen, die uns zu unserer wahren Identität und damit zum wahren Glück führen. Gott hilft uns zu allererst durch sein Wort, das uns zeigt, wie man stimmig handeln kann, und das seinen Höhepunkt im Leben seines Sohnes Jesus Christus findet. Er hilft uns weiterhin durch die inwendige Gegenwart seines Geistes, Frucht des Todes und der Auferstehung Christi. Wenn wir Gott Vertrauen schenken und versuchen, seinen Spuren zu folgen, schwören wir nicht unserer Freiheit ab; wir setzen unsere Fähigkeit der Wahlfreiheit vielmehr dafür ein, wirklich wir selbst zu werden, in Beziehung mit der Quelle unseres Lebens. Wir schaffen einen Freiraum für die volle Entfaltung des menschlichen Lebens in uns und um uns herum.

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