Frère Alois: Aufruf zur Versöhnung der Christen

Als Frère Roger 1940 von Genf aufbrach, um die Communauté von Taizé zu gründen, bewegte ihn eine Eingebung: Wollen die Christen Sauerteig des Friedens in der Menschheit sein, können die Christen die Versöhnung untereinander nicht auf später verschieben. Viele Jahre danach beschrieb er seinen Weg mit den Worten:

„Geprägt vom Lebenszeugnis meiner Großmutter fand ich, wie sie, meine Identität als Christ darin, in mir den Glauben meiner Ursprünge mit dem Geheimnis des katholischen Glaubens zu versöhnen, ohne mit irgendjemandem zu brechen.“

Der Weg, den Frère Roger auftat, ist heikel und anspruchsvoll, wir haben ihn noch lange nicht ausgelotet.

In Christus gehören wir einander an. Wenn die Christen getrennt sind, wird die Botschaft des Evangeliums unhörbar.

Wie können wir auf die neuen Herausforderungen unserer Gesellschaften antworten, insbesondere die Säkularisierung und die Verständigung zwischen den Kulturen, ohne die Gaben des Heiligen Geistes zusammenzulegen, die in alle christlichen Familien gelegt wurden? Wie können wir allen Menschen den Frieden Christi weitergeben, wenn wir getrennt bleiben?

Verlieren wir nicht länger derart viel Kraft in Kleinkriegen zwischen Christen, manchmal schon innerhalb unserer eigenen Konfession! Kommen wir öfter in der Gegenwart Gottes zusammen, im Hören auf das Wort, in der Stille und im Lobpreis:

Laden wir einmal im Monat oder im Vierteljahr die Bewohner unserer Stadt, unseres Dorfes oder unserer Gegend zu einem „Abendgebet der Versöhnung“ ein. [1]

Zur Vorbereitung eines solchen Abendgebets können sich Jugendliche auf den Weg machen und auf andere Menschen zugehen, auf eine andere Kirchengemeinde, eine andere kirchliche Gruppierung, und auch Jugendliche einladen, die auf der Suche nach dem Glauben sind.

Dann wird die Sehnsucht wachsen, alles gemeinsam zu tun, was gemeinsam getan werden kann. Was uns eint, ist viel wichtiger als das, was uns trennt: Machen wir es durch unser Leben deutlich!

Ein Austausch der Gaben zwischen den verschiedenen christlichen Traditionen hat bereits begonnen. Wir bemerken in Taizé, dass durch das gemeinsame Gebet und in der persönlichen Begegnung sich die gegenseitige Wertschätzung vertieft und ein solcher Austausch auf ganz natürliche Weise ergibt.
 
Bestimmte Aspekte des Geheimnisses des Glaubens wurden von der einen oder anderen christlichen Tradition stärker herausgestellt.
 
Die Christen der Ostkirche legten den Schwerpunkt stets auf die Auferstehung Christi, von der die Welt bereits verklärt wird. Konnten nicht deshalb in den vergangenen Jahrhunderten viele von ihnen jahrzehntelanges Leiden durchstehen? Die Ostkirche bewahrte die Lehre der Kirchenväter mit tiefer Treue. Das Mönchtum, das sie dem Westen schenkte, hauchte der ganzen Kirche kontemplatives Leben ein. Könnten sich die Christen der westlichen Welt noch weiter diesen Schätzen öffnen?
 
Die Christen der Reformation haben einige Wirklichkeiten des Evangeliums deutlich unterstrichen: Gott schenkt seine Liebe ohne Gegenleistung; er kommt durch sein Wort und begegnet jedem Menschen, der auf es hört und es in die Tat umsetzt; das einfache Vertrauen des Glaubens führt zur Freiheit der Kinder Gottes; gemeinsames Singen verinnerlicht Gottes Wort. Sind diese Werte nicht für alle Christen wesentlich?
 
Die katholische Kirche hat die Universalität der Gemeinschaft in Christus im Lauf der Geschichte sichtbar bewahrt. Sie suchte unablässig ein Gleichgewicht zwischen der Ortskirche und der Universalkirche. Die eine kann nicht ohne die andere bestehen. Ein Dienstamt der Gemeinschaft auf allen Ebenen half die Einmütigkeit im Glauben aufrechtzuerhalten. Könnten nicht alle Getauften im allmählichen Verständnis dieses Dienstamts weitergehen?
 
Jenseits der Konfessionen ist es dringend geboten, dass sich der Austausch der Gaben zwischen den Erdteilen vertieft. Die Christen in Europa beispielsweise haben viel von den Kirchen der anderen Erdteile zu empfangen. Als Gegengabe für all das, was diese Kirchen von Europa erhalten haben, können sie ihm heute eine Frische des Evangeliums bringen.
 
Die Zeugen und Märtyrer Christi nehmen uns auf den Weg zu einer einzigen Gemeinschaft mit. Sie nähren unsere Hoffnung und unsere Entschlossenheit, die sichtbare Einheit unter allen Christen zu suchen.

[1Für jeden Monat ist auf den Internet-Seiten www.taize.fr/de [http://www.taize.fr/de] (unter Gebete und Gesänge [http://www.taize.fr/de_rubrique347.html]) ein Ablauf für ein solches Abendgebet zu finden und auch Gedanken zu einem Bibeltext für ein Gespräch nach dem Gebet. Freilich ersetzt eine solche Initiative nicht das Gebetsleben in den Kirchengemeinden.

Printed from: http://www.taize.fr/de_article7530.html - 27 May 2020
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