2006: Unvollendeter Brief von Frère Roger

Am Nachmittag des 16. August 2005, dem Tag seines Todes, rief Frère Roger einen Bruder zu sich und sagte: „Schreibe diese Worte auf!“ Frère Roger schwieg lange und versuchte seine Gedanken zu formulieren. Dann begann er: „In dem Maße, in dem unsere Communauté in der Menschheitsfamilie Möglichkeiten schafft, … auszuweiten…“ Hier brach er ab, er war zu schwach, den Satz zu Ende zu führen.

Diese Worte spiegeln die Leidenschaft wider, die auch im hohen Alter noch in ihm lebte. Was verstand er unter „ausweiten“? Wahrscheinlich wollte er sagen: Alles tun, damit jeder einzelne die Liebe wahrnehmen kann, die Gott ausnahmslos jedem Menschen, allen Völkern entgegenbringt. Er wollte, dass unsere kleine Communauté durch ihr Leben dieses Geheimnis in schlichtem Engagement zusammen mit anderen Menschen ins Licht rückt. So möchten wir Brüder diese Herausforderung annehmen, zusammen mit allen, die überall auf der Erde den Frieden suchen.

In den Wochen vor seinem Tod begann Frère Roger, sich über den Brief Gedanken zu machen, der beim Jugendtreffen in Mailand veröffentlicht wird. Er benannte eine Reihe Themen und manche seiner Texte, die er wiederaufnehmen und überarbeiten wollte. Wir haben sie so, wie sie waren, zu einem „Unvollendeten Brief“ zusammengestellt, der in 57 Sprachen übersetzt wurde. Er ist wie ein letztes Wort Frère Rogers, das uns hilft, auf dem Weg weiterzugehen, auf dem Gott „unseren Schritten weiten Raum gibt“ (Psalm 18,37).

Wer diesen „Unvollendeten Brief“ liest, bei den Jugendtreffen, die 2006 jede Woche in Taizé stattfinden, oder anderswo auf den verschiedenen Erdteilen, kann sich fragen, wie er ihn mit dem eigenen Leben fertig schreiben kann.

Frère Alois

„Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch“ [1]: Was ist das für ein Frieden, den Gott schenkt?

Es ist zunächst innerer Frieden, Frieden des Herzens. Er erlaubt es, einen hoffnungsvollen Blick auf die Welt zu richten, wenn auch oft Gewalt und Konflikte sie zerreißen.

Dieser Frieden Gottes ist für uns auch ein Rückhalt, damit wir ganz schlicht dazu beitragen können, den Frieden dort aufzurichten, wo er bedroht ist.

Weltweiter Frieden ist äußerst dringlich, um die Leiden zu lindern, besonders um den Kindern von Heute und Morgen Angst und Unsicherheit zu ersparen.

In seinem Evangelium sagt Johannes in einer überwältigenden Eingebung mit drei Wörtern, wer Gott ist: „Gott ist Liebe.“ [2] Wenn wir allein diese drei Wörter begreifen, kommen wir weit, sehr weit.

Was fesselt uns an diesen Worten? Dass wir in ihnen einer hellen, klaren Gewissheit begegnen: Gott hat Christus nicht auf die Erde gesandt, um irgend jemanden zu verurteilen, sondern damit sich jeder Mensch geliebt weiß und einen Weg in Gemeinschaft mit Gott finden kann.

Aber warum ergreift die einen Staunen über eine Liebe, wissen sie sich geliebt, ja überglücklich? Und warum haben andere den Eindruck, wenig Beachtung zu finden?

Könnte es jeder begreifen: Gott begleitet uns bis in unsere unergründliche Einsamkeit. Zu jedem sagt er: „Du zählst viel in meinen Augen, du bist wertvoll für mich, und ich liebe dich.“ [3] Ja, Gott kann nur seine Liebe schenken, darin liegt das ganze Evangelium.

Gott bittet uns darum und bietet es uns an, einfach seine unendliche Barmherzigkeit zu empfangen.

Dass Gott uns liebt, will uns manchmal kaum eingehen. Wenn wir aber entdecken, dass seine Liebe vor allem Verzeihen ist, kommt unser Herz zur Ruhe und wandelt sich sogar.

Und es gelingt uns, in Gott zu vergessen, was unser Herz plagt: Da ist eine Quelle, an der man frischen Lebensmut findet.

Wissen wir es zur Genüge? Gott vertraut uns so sehr, dass er an jeden von uns einen Ruf richtet. Wozu ruft er auf? Er lädt uns ein zu lieben, wie er uns liebt. Und es gibt keine tiefere Liebe als so weit zu gehen, sich für Gott und für die anderen hinzugeben.

Wer aus Gott lebt, entscheidet sich zu lieben. Und ein zur Liebe entschlossenes Herz kann grenzenlose Güte ausstrahlen. [4]

Das Leben eines Menschen, der voll Vertrauen lieben will, wird von ungetrübter Schönheit erfüllt.

Wer sich dafür entscheidet, zu lieben und es mit seinem Leben zu sagen, sieht sich vor eine ausschlaggebende Frage gestellt: Wie kann man Nöte und Qualen von Menschen in nah und fern lindern?

Aber was heißt lieben? Heißt es das Leid von Menschen teilen, denen am übelsten mitgespielt wird? Ja, das ist richtig.

Heißt es grenzenlose Herzensgüte aufbringen und sich für die anderen uneigennützig selbst vergessen? Ja, gewiss.

Und was heißt lieben noch? Lieben heißt verzeihen, als Versöhnte leben. [5] Und sich versöhnen ist immer ein Frühling der Seele.

In dem kleinen Bergdorf, in dem ich geboren wurde, wohnte ganz in der Nähe unseres Hauses eine vielköpfige und sehr arme Familie. Die Mutter war gestorben. Eines der Kinder, etwas jünger als ich, kam häufig zu uns; es liebte meine Mutter als wäre es seine eigene. Eines Tages wurde ihm eröffnet, dass sie wegziehen, und es fiel ihm schwer, das Dorf zu verlassen. Wie soll man ein fünf- oder sechsjähriges Kind trösten? Es war, als hätte es nicht den nötigen Abstand, eine solche Trennung einzusehen.

Kurz vor seinem Tod versichert Jesus den Seinen, dass ihnen Tröstung zuteil wird: Er wird ihnen den Heiligen Geist senden, der ihnen Beistand und Tröster und stets nahe sein wird. [6]

Auch heute sagt er leise im Herzen eines jeden Menschen: Ich lasse dich niemals allein, ich sende dir den Heiligen Geist; selbst wenn du tief verzweifelt bist, bleibe ich bei dir.

Den Trost des Heiligen Geistes empfangen, heißt darauf aus sein, sich in Stille und Frieden ihm zu überlassen. Wenn dann manchmal Schlimmes geschieht, wird es möglich, darüber hinwegzukommen.

Sind wir so schwach, dass wir Trost brauchen?

Uns alle erschüttert bisweilen persönliche Bedrängnis oder das Leid anderer. Das kann dazu führen, dass der Glauben ins Wanken kommt und die Hoffnung erlischt. Zum Vertrauen des Glaubens und zum Frieden des Herzens zurückzufinden, erfordert manchmal Geduld mit sich selbst.

Ein Leid schmerzt besonders: der Tod eines nahestehenden Menschen, auf den wir vielleicht angewiesen waren, um unseren Weg auf der Erde zu gehen. Aber selbst eine solche leidvolle Prüfung kann durch eine Verklärung gehen, und dann macht sie offen für Gemeinschaft.

Im tiefsten Leid kann ein Mensch erneut Freude des Evangeliums empfangen. Gott kommt und erhellt das Geheimnis des menschlichen Schmerzes, ja nimmt uns in innige Vertrautheit mit ihm auf.

Und schon befinden wir uns auf einem Weg der Hoffnung. Gott lässt uns nicht allein. Er lässt uns auf eine Gemeinschaft zugehen, jene Gemeinschaft der Liebe, die die Kirche ist, so geheimnisvoll und so unentbehrlich zugleich…

Der Christus, der Gemeinschaft ist, [7] schenkt uns die unermessliche Gabe des Trostes.

So weit die Kirche fähig wird, dem Herzen Heilung zu bringen, indem sie ihm Verzeihen und Erbarmen zusagt, erschließt sie eine Fülle der Gemeinschaft mit Christus.

Wenn der Kirche daran liegt, zu lieben und das Geheimnis jedes Menschen zu verstehen, wenn sie unentwegt zuhört, tröstet und heilt, wird sie, was sie ist, wo es in ihr am hellsten leuchtet: lauterer Widerschein einer Gemeinschaft.

Der Einsatz für Versöhnung und Frieden setzt einen inneren Kampf voraus. Das ist kein bequemer Weg. Nichts Dauerhaftes lässt sich mühelos schaffen. Der Geist der Gemeinschaft ist nicht naiv, er macht das Herz weit, ist tiefes Entgegenkommen und hört nicht auf Unterstellungen.

Gehen wir, jeder in seinem Leben, den Weg des Vertrauens und stets erneuerter Güte des Herzens, um Träger der Gemeinschaft zu sein?

Auf diesem Weg gibt es manchmal Rückschläge. Denken wir dann daran, dass die Quelle des Friedens und der Gemeinschaft in Gott liegt. Wir werden uns nicht entmutigen lassen, sondern den Heiligen Geist auf unsere Unzulänglichkeit herabrufen.

Und ein Leben lang lässt uns der Heilige Geist immer wieder aufbrechen und von Neubeginn zu Neubeginn in eine Zukunft des Friedens gehen. [8]

In dem Maße, in dem unsere Communauté in der Menschheitsfamilie Möglichkeiten schafft, … auszuweiten…

[1Johannes 14,27

[21 Johannes 4,8

[3Jesaja 43,4

[4Bei der Eröffnung des „Konzils der Jugend“ 1974 sagte Frère Roger: „Ohne die Liebe, wozu leben? Wozu weiterleben? Mit welchem Ziel? Darin liegt der Sinn unseres Lebens: Für immer geliebt zu sein, bis in die Ewigkeit, damit auch wir so weit gehen, aus Liebe zu sterben. Ja, glücklich, wer aus Liebe stirbt.“ Aus Liebe sterben hieß für ihn, bis zum Ende lieben.

[5„Als Versöhnte leben“: in seinem Buch „Eine Ahnung von Glück“, das zwei Wochen vor seinem Tod erschien, erläutert Frère Roger noch einmal, was diese Worte für ihn bedeuteten: „Kann ich hier daran erinnern, dass meine Großmutter mütterlicherseits mit ihrer Einfühlungsgabe eine Art Schlüssel zur ökumenischen Berufung entdeckt hat und mir einen Weg bahnte, damit Ernst zu machen? Nach dem Ersten Weltkrieg beseelte sie der brennende Wunsch, dass niemand mehr durchmachen muss, was sie erlebt hatte: Christen hätten sich in Europa mit Waffen bekämpft, sagte sie, wenigstens sie sollten sich versöhnen im Bemühen, einen weiteren Krieg abzuwenden. Sie stammte aus einer urevangelischen Familie, vollzog aber in sich selbst einen Schritt der Versöhnung und begann, in die katholische Kirche zu gehen, ohne deshalb ihren Angehörigen gegenüber einen Bruch geltend zu machen. Ihr Lebenszeugnis prägte mich bereits in jungen Jahren, und in ihrer Folge fand ich meine Identität als Christ darin, in mir den Glauben meiner Ursprünge mit dem Geheimnis des katholischen Glaubens zu versöhnen, ohne mit irgend jemandem zu brechen.“

[6Johannes 14,18 und 16,7

[7Den Ausdruck „Christus, der Gemeinschaft ist“ gebrauchte Frère Roger bereits, als er am 5. Oktober 1986 Papst Johannes Paul II. in Taizé begrüßte: „Die tägliche Erwartung von uns Brüdern geht dahin, dass jeder Jugendliche Christus entdeckt, nicht Christus für sich genommen, sondern ‚Christus, der Gemeinschaft ist’, der im Geheimnis der Gemeinschaft, das sein Leib, die Kirche ist, in Fülle wohnt. Dort können so viele Jugendliche finden, was nötig ist, um das ganze eigene Leben bis zum Äußersten einzusetzen. Dort haben sie alles, was man braucht, um Vertrauen und Versöhnung zu stiften, nicht nur unter ihresgleichen, sondern unter allen Generationen, von den ältesten Menschen bis zu den Kindern. Dem ‚Christus, der Gemeinschaft ist’ nachzufolgen, ist in unserer Communauté von Taizé wie ein Feuer, das uns verbrennt. Wir würden bis ans Ende der Erde gehen, um Wege zu suchen, um zu bitten, aufzurufen, wenn nötig, zu flehen; niemals von außen her, sondern immer, indem wir uns im Innern jener einzigartigen Gemeinschaft halten, die die Kirche ist.“

[8Die letzten vier Absätze geben wieder, was Frère Roger im Dezember 2004 am Ende des Europäischen Jugendtreffens in Lissabon sagte. Es sind die letzten Worte, die er öffentlich gesprochen hat.

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