Bangladesch

Der Kinderclub am Bahnhof

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Das Slum neben dem Bahnhof

Was hast du heute gemacht?

Aleksandra und Wendy arbeiten für die Arche-Gemeinschaft und waren vor kurzem einen Monat in Bangladesch. Neben vielen anderen Erfahrungen entdeckten sie auch den Kinderclub am Bahnhof von Mymensing, den die Brüder der Communauté dort betreuen

„Heute Nachmittag gingen wir los, um den ‚Bahnhofsclub‘ zu besuchen, der sich in einem der ärmsten Viertel von Mymensingh befindet. Wir haben keinen Zauberstab, um die Armut zu lindern, in der diese Menschen und die vielen Kinder hier leben; auch können wir für sie keine Schulen bauen. Was man hier sieht, könnte einen entmutigen, aber wir können uns auch die Frage stellen: „Was ist möglich? Was kann ich tun, auch wenn es noch so wenig ist?“

Der Kinderclub ist an drei Nachmittagen der Woche geöffnet und die Kinder aus dem Viertel können kommen. Das Programm des Clubs ändert sich jeden Tag.

Heute zeichneten wir mit den Kindern; sangen und tanzten mit ihnen. Dann folgte eine „Kulturzeit“, in der die Kindern ein Gedicht vortragen, ein Lied singen oder tanzen konnten. Am Ende des Nachmittags gab es dann einen Moment der Stille, einen Augenblick der Besinnung und des Gebets. Was mich persönlich am meisten berührte, war der Austausch danach. Was ist einfacher als ein Kind zu fragen: „Was hast du heute gemacht?“ und ihm zuzuhören? Es ist eine ganz einfache, scheinbar bedeutungslose Frage. Nichtsdestotrotz steht eine sehr wichtige Botschaft dahinter: „Dein Leben ist es wert, zuzuhören. Du bist wichtig.“

Wie kann ich den Kinderclub am Bahnhof noch beschreiben? Meiner Meinung nach ist er weit mehr als ein Ort, an dem sich arme Kinder treffen. Er ist ein Ort, an dem wir gemeinsam singen, zeichnen, tanzen und beten können. Ein Ort, an dem wir einander und uns selbst begegnen können. Er ist ein Ort, an dem wir leben und nicht bloß überleben können. Danke an all die, die diesen Ort lebendig machen.“

Einer der Brüder schreibt:

„In einem der ärmsten Stadtviertel von Mymensingh in der Nähe des Bahnhofs, gibt es einen Club, der von Kindern aus sehr armen Verhältnissen besucht wird; er heißt: ‚Wir alle sind Könige und Königinnen!‘. An drei Nachmittagen in der Woche kommen dort etwa 50 Kinder zwischen sechs und fünfzehn Jahren zu den verschiedenste Aktivitäten zusammen. Die Kinder über 12 Jahren haben eigene Treffen und stoßen am Ende des Nachmittages zur restlichen Gruppe dazu. Nach dem gemeinsamen Singen sitzen die Kinder zusammen und erzählen, was sie in den letzten 24 Stunden erlebt haben. Es ist faszinierend zu hören, mit welcher Einfachheit sie über ihren Alltag sprechen und von Situationen berichten, die sie mit Gewalt und allerlei Gefahren konfrontieren. Man ist dem wenigen Geld hinterher, das sie sich durch ihre Arbeit verdienen (z.B. indem sie Altpapier sammeln) oder indem sie stehlen. Wir versuchen ihnen zwar beizubringen, nicht zu stehlen, was allerdings nicht immer von Erfolg gekrönt ist. Auch in Prostitution hineingezogen zu werden, ist besonders für die älteren unter ihnen eine echte Bedrohung. Eine weitere Gefahr für Kinder und Jugendliche, die hauptsächlich auf der Straße leben, sind die Drogen. Seit drei, vier Jahren ist das Schnüffeln von Lösungsmitteln, vor allem von Klebstoffen hier sehr weit verbreitet.

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Kinder beim Altpapiersammeln

Einmal im Monat verbringen alle Kinder einen ganzen Vormittag im ‚Taizé-Haus‘. Dann werden Spiele auf einem großen Platz am Fluss, dem Brahmaputra, organisiert. Das Ganze schließt mit einem gemeinsamen Mittagessen, zusammen mit den Oberstufenschülern, die bei uns im Haus mitleben. Zu besonderen Anlässen, wie z.B. an Weihnachten, mieten wir eines oder zwei der Fährboote, welche normalerweise Leute über den Fluss bringen; alle freuen sich auf diese Bootsfahrten auf dem Fluss. Vier Mal im Jahr findet auch ein dreitägiges ‚Kinderlager‘ statt. Dies ist eine wundervolle Zeit für die Kinder, die es sich kaum leisten können, einen ganzen Tag nicht zu arbeiten, weil sie am Abend Geld nach Hause bringen müssen. Diese Kinderlager finden in Dörfern zwei, drei Stunden von Mymensingh entfernt statt, wo wir Familien kennen, die bereit sind, die Kinder aufzunehmen. Normalerweise fahren zwischen 30 und 35 Kinder mit, zusammen mit einem von uns Brüdern und mehreren der jugendlichen Helfer. Die meiste Zeit verbringen sie mit Spielen, Malen, gemeinsamem Singen oder dem gegenseitigem Erzählen der eigenen Lebensgeschichte. Aber auch die drei Mahlzeiten am Tag sind sehr wichtig für sie! Jeden Tag sind zwei Stunden ‚Gemeinschaftsarbeit‘ eingeplant, um im Dorf zu helfen: es werden Bäume gepflanzt oder bei anderen Aktivitäten geholfen.

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Bootsausflug auf dem Brahmaputra

Die Kinder, die in den Club kommen, sind so voller Leben und Freude! Wenn man ihnen das erste Mal begegnet, kann man sich nicht vorstellen, welch schmerzhafte Situationen sie in ihrem Alltag tiefer Armut durchleiden!

Die Jungen haben oft nur ein einziges T-Shirt und eine Hose, die Mädchen oft nur zwei Kleider. Die Mehrheit von ihnen lebt mit ihren Eltern und Geschwistern in einer Einzimmer-Hütte, die sie selbst gebaut haben. Die Dächer aus Plastiktüten halten den Regen kaum ab, besonders nicht während des dreimonatigen Monsuns. Viele Kinder leben nur mit ihrer Mutter zusammen. Der Vater hat entweder die Familie verlassen oder ist durch eine Krankheit gestorben. Die Vollwaisen unter ihnen wurden entweder von einem nahen Verwandten aufgenommen oder sie leben im Bahnhof und schlafen nachts auf den Bahnsteigen. Da es in diesem Stadtteil keine Schule gibt, haben wir vor einigen Jahren in der Nähe des Bahnhofs eine kleine Schule gegründet. Einige der Kinder besuchen diese Schule, andere können nicht, da die Eltern auf die Einkünfte durch das Sammeln von Altpapier, Altmetall, Plastikflaschen etc. auf den Straßen angewiesen sind.

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Beim Pflanzen von Bäumen während des Lagers

Das Leben dieser Kinder mag sehr hart erscheinen, aber gleichzeitig hört man sie oft singen. Sie können sehr viele Lieder auswendig, vor allem Liebeslieder. Einige lernen nicht nur Lieder auf Bengali auswendig, sondern auch Lieder aus indischen Filmen, die in Bangladesch sehr beliebt sind.

Ich möchte gerne einige ‚unserer‘ Kinder vorstellen:

Der Fröhlichste ist sicher Shagor. Er ist 11 Jahre alt und hat ein sehr einnehmendes Lächeln. Er singt gerne und sehr gut. Sein bisheriges Leben war nicht einfach. Er hatte drei Väter hintereinander. Sein leiblicher Vater verließ die Familie, als er drei Jahre alt war. Sein ‚momentaner‘ Vater ist schon zum zweiten Mal verheiratet und hatte seine erste Frau verlassen, um Shagors Mutter zu heiraten. Die Ehe geht nicht gut, die Eltern sprechen kaum miteinander, der Mann trinkt viel, aber er mag die Kinder und behandelt sie gut. Die Mutter versucht durch den Verkauf von Saris ein wenig Geld zu verdienen. Die Familie ist groß: Shagor hat fünf Brüder und eine Schwester. Das Essen ist sehr teuer, so muss jeder arbeiten. Shagor hat noch nie eine Schule besucht und alle unsere Anstrengungen, ihn in die Schule zu bekommen, waren vergebens, er lehnt immer ab. Seine Brüder kamen einige Monate in die Schule. Niemand in der Familie kann Lesen oder Schreiben. Shagor und sein älterer Bruder Tutul arbeiten seit Jahren. Shagor begann seine Kariere mit sieben Jahren. Mit Tutul zusammen sammelt er manchmal Altpapier in der Stadt, sucht Altmetall oder hilft Leuten beim Tragen der Körbe auf dem Fischmarkt.
Shagor kommt gerne zu uns ins Haus. Eines Tages sagte er zu mir: ‚Bruder, wenn du stirbst, wer wird sich dann um mich kümmern?‘

Ein anderer kleiner Junge, Ridoy, ist acht Jahre alt. Er kommt fast jeden Tag zu uns mit einem alten Reissack auf dem Rücken. Er bittet jedes Mal um den Inhalt unsere Papierkörbe in unseren Zimmer oder der kleinen Abstellkammer, wo wir das Papier sammeln. Ridoy lebt im Slum nahe dem Bahnhof, in einer der schmutzigsten ‚Plastikhütten‘, die es dort gibt. Als wir ihn kennen lernten, war er immer sehr schmutzig, aber seit er dem Club beigetreten ist, ist er viel sauberer geworden.

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Ridoy beim Pflanzen eines Baumes

Hira, 13 Jahre, wuchs bei seiner Großmutter väterlicherseits auf. Seine Mutter verließ ihr einen Monat altes Baby nach einem Streit mit seinem Vater, der jahrelang Marihuana rauchte und spielsüchtig war. Hira ist Analphabet. Er ist im Ganzen sechs Monate in die Schule gegangen. Er ist einer der nettesten und großzügigsten Jungen, die ich kenne.

Auch einige Mädchen leben am Bahnhof. Ihr Leben ist noch schwieriger und man erkennt sie schnell an den besonders heruntergekommenen Kleidern.

Chormilla, 11 Jahre, und ihre kleine Schwester Falani, 8 Jahre, kommen oft zu uns zu Besuch, wenn sie an den Ufern des Brahmaputra Altpapier suchen, wo viele Leute spazieren gehen und etwas essen. Chormilla und Falani´s Mutter starb vor vier Jahren. Ihr Vater ist Marihuana abhängig und kann seinen Kindern nur einmal am Tag etwas zu essen geben. Chormillas Bruder, Kolli, sechs Jahre, ist ein besonders guter Taschendieb in den Zügen. Manchmal schnüffelt auch er Klebstoff. Wenn sie in den Club kommen, tanzen Chormilla und ihre Schwestern gerne. Aber wir machen uns Sorgen um ihre Zukunft. Eines der Mädchen, die wie sie am Bahnhof lebt, endete kürzlich als Prostituierte.

Printed from: http://www.taize.fr/de_article9094.html - 22 September 2020
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