Der Heimgang Frère Rogers hinterließ eine große Leere. Sein tragischer Tod hat uns bestürzt. Wir Brüder durchlebten die Zeit danach aber in tiefer Dankbarkeit für das, was er uns hinterlassen hat.
Diese Dankbarkeit teilten mit uns unzählige Menschen überall auf der Welt. Das hat uns gestärkt. Wir waren wie von Gott getragen. Und unsere kleine Communauté hat in den Stunden des Leides eine Einheit erfahren, wie sie die ersten Christen erlebten: ein Herz und eine Seele sein.
Für Frère Roger war die Suche nach Versöhnung unter den Christen kein Gegenstand langer Überlegungen, sondern verstand sich von selbst. Ihm kam es zuallererst darauf an, das Evangelium zu leben und es mit anderen zu teilen. Und das Evangelium kann man nur gemeinsam leben. Getrennt sein hat keinen Sinn.
Sehr jung bereits hatte er die Intuition, dass ein Leben als Gemeinschaft ein Zeichen der Versöhnung sein kann, ein Leben, das zum Zeichen wird. Deshalb dachte er daran, Männer zusammenzuführen, die sich zuallererst zu versöhnen suchen: Es ist die erste Berufung von Taizé, ein „Gleichnis der Gemeinschaft“ zu bilden, wie er es nannte, ein kleines, sichtbares Zeichen der Versöhnung.
Das monastische Leben war in den Kirchen der Reformnation jedoch verschwunden, und er kam aus einer evangelischen Familie. Ohne seine Ursprünge zu verleugnen, schuf er eine Communauté, die ihre Wurzeln in die ungeteilte Kirche einsenkte, jenseits des Protestantismus, und die allein durch ihr Bestehen sich auf unlösbare Weise mit der katholischen und der orthodoxen Tradition verband. Als zu Beginn der sechziger Jahre die Grundlagen gesichert und dann auch katholische Brüder dazugekommen waren, hörte er dennoch nicht auf, unsere Communauté weiter zu formen. Er tat es bis zu seinem letzten Atemzug.
Über den Weg, den er persönlich eingeschlagen hatte, sagte er: „Geprägt vom Lebenszeugnis meiner Großmutter und schon in jungen Jahren fand ich meine Identität als Christ darin, in mir selbst den Glauben meiner Herkunft mit dem Geheimnis des katholischen Glaubens zu versöhnen, ohne mit irgend jemand die Gemeinschaft abzubrechen.“
Das Erbe ist unermesslich. Und vor allem: Das Erbe ist lebendig. Frère Roger hat uns Schriften hinterlassen. Aber in seinen Augen war es erforderlich, die eigenen Schriften angesichts der sich ändernden Verhältnisse ständig zu bearbeiten. Selbst die Regel der Communauté, die der grundlegende Text unseres gemeinsamen Lebens bleiben wird, hat er mehrfach überarbeitet. Als wollte er es uns nahe legen, nicht am Buchstaben oder bei Strukturen hängen zu bleiben, sondern uns stets dem Atem des Heiligen Geistes zu überlassen.
Durch seinen Geist ist Gott in jedem Menschen gegenwärtig. Frère Roger hatte alle Menschen aus allen Nationen in seinem Herzen, insbesondere die Jugendlichen und die Kinder. Leidenschaft für die Gemeinschaft bewohnte ihn. Oft wiederholte er die Worte: „Christus ist nicht auf die Welt gekommen, um eine neue Religion zu stiften, sondern jedem Menschen Gemeinschaft in Gott anzubieten.“ Diese einzigartige Gemeinschaft, die Kirche, ist für alle da, ohne Ausnahme.
Es lag ihm nicht zuletzt am Herzen, diese Gemeinschaft Jugendlichen zugänglich zu machen und die Hindernisse auf ihrem Weg wegzuräumen. Er wusste: Eines der größten Hindernisse war das Bild eines Gottes, der als strenger, Angst einflößender Richter angesehen wird. Hier wurde in ihm eine Intuition immer deutlicher, und er tat alles, um sie durch sein eigenes Leben weiterzugeben: Gott kann nur lieben. Der orthodoxe Theologe Olivier Clément erinnerte erst vor kurzem daran, dass die Betonung, die Frère Roger auf die Liebe Gottes legte, das Ende einer Epoche bezeichnete, während der man sich in den verschiedenen christlichen Konfessionen vor einem strafenden Gott gefürchtet hat.
Im seiner Jugend hatte Frère Roger Christen erlebt, die meinten, das Evangelium würde den Glaubenden mit großer Strenge Lasten auferlegen; deshalb fiel es ihm eine Weile schwer zu glauben und plagten ihn Zweifel. Zeit seines Lebens führte er um das Vertrauen auf Gott einen regelrechten inneren Kampf. Nicht zuletzt diesem Kampf entsprang seine Offenheit für die jungen Generationen und sein Verlangen, ihnen zuzuhören. Er sagte selbst, er wolle „alles vom anderen verstehen“.
Vielen Jugendlichen bot er das Bild eines Menschen, der stets bereit war, ihnen zuzuhören, jeden Abend nach dem gemeinsamen Gebet, wenn nötig stundenlang. Auch als er schon zu erschöpft war, um allen zuzuhören, blieb er weiterhin abends in der Kirche und segnete die, die zu ihm kamen, mit einer einfachen Geste, legte ihnen die Hand auf die Stirn.
Bis zum Ende führte er uns mit außerordentlicher Lebenskraft und Mut auf den Weg der Offenheit anderen gegenüber. Keine physische oder moralische Not erschreckte ihn so, dass er ihr den Rücken zu wandte. Er eilte herbei! Und mehr als einmal war er von einer Situation konkreten Leids dermaßen in Beschlag genommen, dass er andere, ebenso wichtige Dinge zu vergessen schien. Er spiegelte den Hirten aus dem Gleichnis Jesu wider, der 99 Schafe vergisst, um sich einem einzigen zu widmen, das im Begriff ist, verloren zu gehen.
Spricht man mit Geneviève, seiner Schwester, ist man beeindruckt, wie sehr sie ihrem Bruder ähnelt: jedes harte Wort, jedes endgültige Urteil vermeiden. Dies reicht weit in die Familie zurück, es kommt von einer außergewöhnlichen Mutter. Freilich hat ein solcher Charakterzug seine Kehrseite. Entscheidend aber ist, dass Frère Roger mit dieser Gabe etwas zu Wege bringen konnte. Und wir, die Brüder, haben gesehen, dass ihn dies manchmal an die Grenzen dessen führte, was ein Mensch tragen kann.
Es heißt, er habe ein universales Herz gehabt. Mit einer Güte, die erstaunlich bleibt. Die Güte des Herzens ist kein leeres Wort, sondern eine Kraft, die die Erde umgestalten kann, weil durch sie Gott am Werk ist. Angesichts des Bösen ist die Güte des Herzens etwas Verletzliches, aber das hingegebene Leben Frère Rogers ist ein Unterpfand dafür, dass der Frieden Gottes für jede und jeden auf der Erde das letzte Wort hat.
Beständig suchte er das Mitleiden des Herzens in die Tat umzusetzen, insbesondere für die Armen. Er zitierte gern Augustinus: „Liebe und sag es durch dein Leben.“ Dies führte ihn zu manchmal überraschenden Gesten. Er kehrte eines Tages von einem Aufenthalt in Kalkutta mit einem Baby auf dem Arm zurück, einem kleinen Mädchen, das Mutter Teresa ihm anvertraut hatte, in der Hoffnung, dass die Reise nach Europa ihm das Leben retten würde, was der Fall war. Er nahm im Dorf Taizé auf Dauer vietnamesische Witwen mit zahlreichen Kindern auf, die er bei einem Besuch in einem thailändischen Flüchtlingslager kennengelernt hatte.
Etwas umsetzen: Dies zeigte sich auch in seiner Fähigkeit, Räume zu gestalten. Ihm lag nichts daran, Gebäude zu errichten. Wenn es unvermeidlich war, musste alles ganz einfach sein, niedrig und so weit wie möglich aus gebrauchtem Material. Aber er gestaltete gerne Innenräume um. Er suchte mit ganz Wenig etwas Schönes zu gestalten. Der Neubau einer Kirche in Taizé war zu einem bestimmten Zeitpunkt unabdingbar, aber er hat sich dem Projekt lange widersetzt und sie in der Folgezeit ständig innen und außen verändern lassen. Ich bemerkte dies sogar im Armenviertel Mathare Valley, in Kenia, wo wir einige Wochen lebten und sich dann für viele Jahre Brüder niederließen. In der armseligen Baracke, inmitten des Elends, war er imstande, manches mit fast nichts ein wenig schöner zu gestalten. Wir möchten alles tun, wie er sagte, um den Menschen in unserer Umgebung das Leben schön zu machen.
Frère Roger bezog sich oft auf die Seligpreisungen und sagte manchmal über sich selbst: „Ich bin ein Armer“. Er rief uns Brüder dazu auf, nicht geistliche Meister, sondern zuallererst Männer des Zuhörens zu sein. Er bezeichnete seinen Dienst als Prior, als Dienst eines „armen Dieners der Gemeinschaft in der Communauté“. Er verbarg seine Verletzlichkeit nicht.
Dies ist für unsere kleine Communauté ein Ansporn, weiter zugehen auf dem Weg, den er gebahnt hat. Es ist ein Weg des Vertrauens. Das Wort „Vertrauen“ war für ihn kein schnell hingesagter Begriff. Er enthält einen Aufruf: in schlichter Einfachheit die Liebe empfangen, die Gott zu jedem Menschen hat, aus diese Liebe leben und die Wagnisse eingehen, die das erfordert.
Wer diese Intuition verliert, wird dazu verleitet, den Menschen, die das lebendige Wasser suchen, Lasten aufzubürden. Der Glaube an diese Liebe ist etwas ganz Einfaches, so einfach, dass alle ihn annehmen könnten. Und dieser Glaube versetzt Berge. Selbst wenn die Welt oft durch Gewalt und Konflikte zerrissen wird, können wir dann mit einem Blick voll Hoffnung auf sie schauen.
Frère Alois
Bücher von Frère Roger
Im Heute Gottes leben (Vivre l’Aujourd’hui de Dieu, 1958)
Dynamik des Vorläufigen (Dynamique du provisoire, 1965)
Die Gewalt der Friedfertigen (Violence des pacifiques, 1968)
Ein Fest ohne Ende (Ta fête soit sans fin, 1971)
Kampf und Kontemplation (Lutte et contemplation, 1973)
Aufbruch ins Ungeahnte (Vivre l’inespéré, 1976)
Einer Liebe staunen (Etonnement d’un amour, 1979)
Die Quellen von Taizé (Les Sources de Taizé, 1980)
Blühen wird deine Wüste (Fleurissent tes déserts, 1982)
Vertrauen wie Feuer (Passion d’une attente, 1985)
Son amour est un feu (franz., 1988)
In allem ein innerer Friede (En tout la paix du cœur, 1995)
Gott kann nur lieben (Dieu ne peut qu’aimer, 2001)
Ahnst du ein Glück? (Pressens-tu un bonheur, 2005)
Gemeinsame mit Mutter Theresa verfasste Bücher
Le Chemin de Croix (franz., 1986)
Maria, Mutter der Versöhnung (Marie, Mère des Réconciliations, 1989)
Gebet, Quelle der Liebe (La prière, fraîcheur d’une source, 1992)
Frère Roger verfasste Jahr für Jahr einen „Brief“, der als Basis für das Nachdenken vieler junger Menschen, sowohl Zuhause als auch während der Treffen in Taizé diente. Er schrieb diese Briefe oft während längerer Aufenthalte an Orten der Armut: Kalkutta, Chile, Haiti, Äthiopien, Philippinen, Südafrika…
Frère Roger erhielt folgende Auszeichnungen
Templeton-Preis, London (9. April 1974)
Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, Frankfurt (13. Oktober 1974)
UNESCO-Preis für Friedenserziehung, Paris (21. September 1988)
Internationaler Karlspreis zu Aachen (4. Mai 1989)
Robert-Schuman-Preis, Straßburg (20. November 1992)
Award für internationale humanitäre Dienste der Notre Dame Universität von Indiana, USA (24. April 1997)
Dignitas Humana Award der Saint John’s Universität in Collegeville, Minnesota, USA (22. Oktober 2003)
